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Leider nicht "off-topic": Wie trennt man BiomĂĽll?
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Feb 5, 2004

Reformdiarrhö

Der Eine oder Andere wird Pleite gehen - wie jedes Mal

Wenn Sie BiomĂĽll trennen mĂĽssen, tun Sie das bitte so: Bi-omĂĽll. Kein Scherz! Aber was, um Himmels willen, steht sonst noch im vierten Bericht der Rechtschreibkommission? Von Theodor Ickler

Der vierte Bericht der Zwischenstaatlichen Kommisson für deutsche Rechtschreibung ist unveröffentlicht, enthält aber vieles, was die Öffentlichkeit interessieren muß. Zum einen geht es um die „Ermächtigung“ der Kommission, künftig nicht nur Vorschläge für weitere Eingriffe in die deutsche Orthographie zu unterbreiten, sondern solche Eingriffe jederzeit auf eigene Verantwortung vornehmen zu können. Das ist auch. deshalb bedenklich, weil einige Kommissionsmitglieder seit je in die private Vermarktung der Rechtschreibreform verwickelt sind – ein Aspekt der Reform, der in der Öffentlichkeit fast unbeachtet geblieben ist.
Der offen kommerziell arbeitende Duden hatte solche Vollmacht nie, da er sich darauf beschränkte, die Sprachentwicklung nachzuzeichnen. Das öffentliche Urteil über eine derart verselbständigte, in ihrer Zusammensetzung und Rekrutierung (durch Selbstergänzung) undurchsichtige Kommission kann nicht unabhängig vom zweiten wesentlichen Inhalt des Berichts getroffen werden, den vorgeschlagenen Veränderungen selbst.

Die Neuregelung der Getrennt- und Zusammenschreibung war von Anfang an besonders stark kritisiert worden. Reparaturversuche, von der Kommission schon 1997 als „unumgänglich notwendig“ bezeichnet, durften nicht vorgenommen werden, weil die Kultusminister nach der vorfristigen Einführung der Reform an den Schulen auf die wirtschaftlichen Interessen der Schulbuch- und Wörterbuchverleger Rücksicht nehmen mußten.

Was sich bereits im dritten Bericht abzeichnete, soll nun endlich kommen: die Erweiterung der Liste von Partikeln, die mit Verben zusammengeschrieben werden müssen. Sie umfaßt künftig 112 Einheiten; mit den hinzugekommenen 13 Partikeln lassen sich zahlreiche, durchweg häufig gebrauchte „trennbare Verben“ bilden, die nun in den Wörterbüchern nachgetragen werden müssen: „darunterschreiben“ usw. Ferner gibt die Kommission erstmals zu, daß es falsch war, Wörter wie „aufsehenerregend“, „zeitsparend“, „holzverarbeitend“, „alleinstehend“, „zufriedenstellend“ usw. auseinanderzureißen und die zum Teil grammatisch falsche Getrenntschreibung zur Pflicht zu machen. Die Wiederzulassung des Richtigen betrifft mehrere Dutzend wirklich häufige Wörter.
Überaus folgenreich ist das Zugeständnis, feste Begriffe wie „Erste Hilfe“, das „Schwarze Brett“ auch wieder mit großem Anfangsbuchstaben zuzulassen, angeblich weil sie fachsprachlich und Fachsprachen von der Reform nicht betroffen sind. Die Zeitungen hatten sich von vornherein die Freiheit genommen, hier nicht mitzumachen, und die Reformer hätten sich viel Protest ersparen können, wenn sie die umfassende Tendenz der Sprachgemeinschaft zur Großschreibung nicht mutwillig umzukehren versucht hätten.

Andererseits sieht die Kommission mit Unterstützung des österreichischen Beirats vor, fünfzehn weitere Floskeln wie „bei Weitem“, „seit Kurzem“ auch groß schreiben zu lassen. Dassselbe gilt für „die Einen“, „die Meisten“ usw. Zusammen mit der amtlichen Neuschreibung „im Allgemeinen“, „des Öfteren“ usw. ist damit ein vorsintflutlicher Zustand wiederhergestellt, der schon von den Orthographen um Konrad Duden als unzweckmäßig erkannt und zurückgedrängt worden war.

Für die Sprachgemeinschaft ist auf lange Sicht wichtiger, welche neuen Schreibweisen ungeachtet aller Kritik nicht geändert werden sollen. Keine Änderungen gibt es bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung, der Zeichensetzung und der Silbentrennung. Es bleibt also bei den obligatorisch (!) vorgeschriebenen etymologisierenden Schreibweisen „belämmert“, „einbläuen“, „Gämse“, „Quäntchen“, „Zierrat“, obwohl die gesamte Kommission eigentlich dagegen ist. Offenbar möchte sie ihren langjährigen Vorsitzenden, um dessen Einfälle es sich handelt, nicht im Regen stehen lassen.

Geläufige Wörter wie „jedesmal“, „sogenannte“ oder „eine Zeitlang“ bleiben verboten, es muß geschrieben werden „jedes Mal“, „so genannte“, „Zeit lang“. Andererseits bleiben „leid tun“, „von seiten“ unzulässig, man hat aber die Wahl zwischen zwei neuen „Varianten“: „Leid tun“ oder „leidtun“, „von Seiten“ oder „vonseiten“. Es bleibt dabei, daß Wörter, die das Unglück haben, auf -ig, -isch oder -lich zu enden, stets getrennt geschrieben werden und nicht in Zusammensetzungen eingehen dürfen: „fertig stellen“, „grünlich blau“. Sehr zu bedauern ist das Beharren auf grammatischen Schnitzern wie „Pleite gehen“, „Not tun“, „Recht haben“. Sogar „pleitegehen“ wurde im dritten Bericht bereits ins Auge gefaßt, wird aber wohl erst mit dem nächsten Schub von Neuerungen eingeführt. Das Komma als drittes Satzzeichen nach wörtlicher Rede, das jeder vergißt, bleibt Pflicht: "So?", fragte sie.

Pädagogen haben früh, aber vergeblich dagegen protestiert. Vorgeschrieben bleibt auch das unerhört schwierige Komma nach vorausweisendem Pronomen; wie denn überhaupt die neuen Kommaregeln (zehn Seiten im amtlichen Text!) so kompliziert sind, daß sogar im sorgfältig geschriebenen vierten Bericht dreimal dagegen verstoßen wird.

Die neue sprachwidrige Silbentrennung, die alle Bildungsbemühungen der Schule unterläuft, bleibt erhalten: „Res-pekt“, „Bi-omüll“, „vol-lenden“.

Daß alle Wörterbücher und Schulbücher entgegen den gewohnten Beschwichtigungsformeln sofort neu bearbeitet werden müssen, geht aus einigen Zahlen hervor:Im Anhang zum vierten Bericht wird gezeigt, welche Veränderungen sich für das Österreichische Wörterbuch ergeben. Es sind – der Größenordnung nach, denn genauer läßt sich hier nicht zählen – rund 3000, was für den größeren Stichwortbestand des Duden etwa 4000 Änderungen bedeutet. Darin eingeschlossen ist die Beseitigung der ohnehin willkürlichen Unterscheidung von Haupt- und Nebenvarianten bei der Fremdwortschreibung.

Von den 12500 Wörtern der amtlichen Liste waren bisher rund 1030 durch ein Sternchen als reformbetroffen gekennzeichnet, also rund acht Prozent des Wortschatzes (mit Silbentrennung etwa 15 bis 18 Prozent). Die neuen Vorschläge verändern wiederum zwei bis drei Prozent der Wörterbucheinträge. Folgenreicher ist, daß inzwischen so gut wie niemand mehr weiß, wo es Veränderungen gegeben hat oder bald geben wird und warum das alles sein muß.


Theodor Ickler lehrt Germanistik in Erlangen und ist einer der bekanntesten Gegner der Rechtschreibreform.

SĂĽddeutsche Zeitung vom 05.02.2004

Kommentar wohl ĂĽberflĂĽssig...

[Edited at 2004-02-06 13:28]


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