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Berufsethik: Was tun, wenn man auf eine schlechte ├ťbersetzung st├Â├čt?
Thread poster: Christian Flury
Christian Flury
Austria
Local time: 02:27
Latin to German
+ ...
Mar 1, 2004

Liebe (zuk├╝nftige) Kollegen,
da dies das erste Mal ist, dass ich in diesem Forum ein neues Thema er├Âffne, m├Âchte ich mich kurz vorstellen: Ich schreibe derzeit an meiner Diplomarbeit, um mein ansonsten so gut wie abgeschlossenes Doppelstudium ├ťbersetzen und Dolmetschen an der Uni Wien zu Ende zu bringen. Seit anderthalb Jahren bin ich Proz.com-Mitglied und habe dabei insbesondere die gelegentliche Teilnahme an den KudoZ-Diskussionen (von denen mich einige wohl schon kennen) stets als willkommene und praxisnahe Erg├Ąnzung zum Studium erlebt.

Nun wollte ich aus aktuellem Anlass eine Frage stellen, die mich schon des ├ľfteren besch├Ąftigt hat: Was tun, wenn einem - und sei es nur als Kunde - eine miserable ├ťbersetzung begegnet? Ich m├Âchte das an einigen Beispielen pr├Ązisieren:

Beispiel 1: Die deutsche Version der Webseite eines ansonsten seri├Âs wirkenden ├ťbersetzungsb├╝ros (das selbstverst├Ąndlich nur Muttersprachler besch├Ąftigt) ist voller Artikel-, Fall- und Kommafehler. Irgendwie habe ich in solchen F├Ąllen Lust, die Verantwortlichen darauf hinzuweisen, umso mehr, als das dann wohl genau die sind, die in verschiedenen Foren behaupten, f├╝r wenige Cents pro Wort ohne Weiteres eine "fehlerfreie" ├ťbersetzung zu bekommen.

Beispiel 2: Vor einige Zeit erstand ich einen Wireless Router f├╝r mein Heimnetzwerk - im Preis enthalten: ein mehrsprachiges Benutzerhandbuch. Ich bezweifle aber, dass auch nur irgendein Benutzer die Hardware und Software anhand der deutschen Anleitung installieren konnte, sie war schlicht und einfach unverst├Ąndlich, man musste die englische Version lesen, um auf einen gr├╝nen Zweig zu kommen. Als Kunde habe ich aber ein Angebot bezahlt, in dem laut Beschreibung eine deutschsprachige Anleitung enthalten ist. So gesehen sollte ich mich (ganz unabh├Ąngig davon, ob ich diese Anleitung auch wirklich ben├Âtige) beschweren.

Beispiel 3 (und das ist aus meiner Sicht das kniffligste): Ich las unl├Ąngst das deutsche Vorwort zu einer Musikpartitur und stie├č mich dabei an zwei inhaltlichen Unstimmigkeiten. Als ich diese Stellen im englischen Originaltext nachlas, sah ich, dass es sich um ├ťbersetzungsfehler handelte. Generell war die ├ťbersetzung aber sehr gut, der ├ťbersetzer wurde auch namentlich genannt; ich fand nur, jemand h├Ątte ihn darauf hinweisen k├Ânnen, damit in der n├Ąchsten Auflage diese zwei kleinen Fehler behoben werden. Andererseits h├Ątte ich pers├Ânlich hier Hemmungen, selbst Kritik zu ├╝ben, da dies besserwisserisch und pingelig wirken oder gar nach pathologischem Querulantentum aussehen k├Ânnte.

In den ersten beiden F├Ąllen - die keinesfalls Einzelf├Ąlle sind - tendiere ich hingegen eher dazu, meinem Unmut Luft zu machen. Schlie├člich wei├č ja m├Âglicherweise der Auftraggeber mangels entsprechender Qualit├Ątskontrolle gar nicht, was er f├╝r eine miserable Figur macht. Oder aber, er glaubt daran, dass er zu Tiefstpreisen eine passable ├ťbersetzung bekommen k├Ânne, einen Glauben, den es sich durchaus zu ersch├╝ttern lohnt, w├╝rde ich sagen.

Das Problem: Die Sache ist deshalb komplizierter, weil ich selbst auch in naher Zukunft versuchen werden, mich als Dolmetscher und ├ťbersetzer zu etablieren. B├Âswilligerweise k├Ânnte der Adressat daher ja auch zwischen den Zeilen lesen, hier versuche ein frecher junger Absolvent, sich unfairerweise auf Kosten seiner Kollegen zu profilieren - wobei ich andererseits jemanden, der im Zweifel nicht einmal im W├Ârterbuch das Geschlecht eines deutschen Substantivs nachschl├Ągt, nicht unbedingt als "Kollegen" definieren w├╝rde. Aber, wie gesagt, unter diesem Gesichtspunkt ist die Angelegenheit doch heikel. Manche ├ťbersetzer und Dolmetscher stehen auf dem Standpunkt, man d├╝rfe nie eine ├ťbersetzung (oder die Leistung eines Dolmetschers) kritisieren, da dies dem Ansehen des Berufsstandes schade (ich f├╝r meinen Teil glaube, die schlechten ├ťbersetzungen an sich schaden ihm viel mehr).

Mich w├╝rde interessieren, wie Ihr anderen Prozianer dies seht. Interveniert Ihr in F├Ąllen wie den ersten beiden oder empfindet Ihr das als "Anschw├Ąrzung" oder gar als unlauteren Wettbewerb? Gibt es unter Euch welche, die im Gegensatz zu mir sogar im dritten Fallbeispiel den betreffenden ├ťbersetzer kontaktieren w├╝rden?

Ich bin gespannt auf Eure Antworten (wenn ├╝berhaupt jemand Zeit und Mu├če hat, dieses elend lange Posting bis zum Ende durchzulesen)...

Sch├Ânen Abend!


[Edited at 2004-03-02 00:58]


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schmurr  Identity Verified
Local time: 02:27
Italian to German
+ ...
Was tun? Lachen! und... Mar 2, 2004

...die Seite(n) im Internet ver├Âffentlichen oder mir senden, damit ich sie zu http://www.proz.com/home/20424/delinks.html hinzuf├╝ge... ;o)

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Uwe Kirmse  Identity Verified
Local time: 02:27
Polish to German
+ ...
na ja, was tun? Mar 2, 2004

Ich habe gerade einen Virus bekommen, bei dem als Absender die Adresse leipzig@ekogas.com angegeben war. Das veranlasste mich, mir die Seite www.ekogas.com anzusehen. Es ist eine Firma mit Sitz in Leipzig, und nichts weist darauf hin, dass sie irgendetwas mit Polen zu tun haben k├Ânnte, nur der Text der Seite ist eindeutig eine miserable ├ťbersetzung aus dem Polnischen. (Nicht das Intro ├╝berspringen, falls ihr auf die Seite klickt, das hat es n├Ąmlich auch in sich!) Ich werde es so machen wie Martin, ich verlinke die Seite im Gruselkabinett meiner Internetseite. Material daf├╝r habe ich recht wenig, da ich maschinelle ├ťbersetzungen nicht aufnehme. Ich denke noch dar├╝ber nach, ob ich ihnen nicht eine Mail in polnischer Sprache schreibe, damit sie es auch verstehen.

Aber jetzt zu deinen F├Ąllen:

1. In diesem Fall w├╝rde ich nichts tun. Falls es keine maschinelle ├ťbersetzung ist, w├╝rde ich es vielleicht ins Gruselkabinett aufnehmen. Ich gehe davon aus, dass es besser ist, eventuelle Kunden sehen diese Seite, als wenn die Firma aufgrund deines Hinweises ihre Seite verbessert, ihren Kunden dann aber solche ├ťbersetzungen liefert, weil die eben doch billiger sind als eine gute.

2. Prinzipiell hast du nat├╝rlich Recht. Allerdings wirst du ohne Gerichtsverfahren keinen Preisnachlass durchsetzen k├Ânnen. Wenn du Lust, Geld und Nerven dazu hast, warum nicht!

3. Wenn einem ansonsten guten ├ťbersetzer Fehler unterlaufen, sollte er dankbar sein, wenn ihn jemand kollegial darauf hinweist. Ich w├╝rde mich aber in diesem Fall direkt an ihn wenden und nicht an den Verlag. Auch wenn auf ansonsten guten Internetseiten von ├ťbersetzern kleinere Fehler auftreten, mache ich sie manchmal darauf aufmerksam. Aber wer sich als ├ťbersetzer mit seiner Seite kompromittiert, soll das bittsch├Ân auch weiter tun

[Edited at 2004-03-02 18:56]


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Christian Flury
Austria
Local time: 02:27
Latin to German
+ ...
TOPIC STARTER
Bewusste Entscheidung vs Unwissenheit Mar 2, 2004

Hi und danke f├╝r Eure R├╝ckmeldungen!

ad Uwe: In der Tat, da hat man etwas zu lachen - "Funktionierung" ist so auf den ersten Blick mein Liebling. Und was den dritten Fall betrifft - stimmt eigentlich, ich freue mich ja auch, wenn ich etwas dazulernen kann.

Im ersten Fall hingegen sollte ich vielleicht den aktuellen Anlass genauer beschreiben, was aber schwierig wird, ohne gegen die Proz.com-Etikette zu versto├čen. Um es daher m├Âglichst allgemein zu bleiben: In einem anderen Forum lie├č der Besitzer einer Agentur sich - durchaus kompetent und sympathisch - ├╝ber professionelle Standards aus und wurde in seinen Ansichten von den anderen Diskussionsteilnehmern auch best├Ąrkt. Offenbar war ich der einzige, der die deutschsprachige Version seiner Homepage besuchte und dabei interessante Dinge erfuhr, wie etwa dass in Schweden die Sprache "Schweiz" (sic!) gesprochen wird. Es war direkt kafkaesk, wie ich im einen Fenster seine Homepage, die keinen einzigen geraden Satz enth├Ąlt, offen hatte, im anderen seine Postings, in denen er schrieb, wieviel er doch auf Professionalit├Ąt halte. In diesem Fall habe ich dann doch ein - diplomatisch gehaltenes - Mail geschickt, weil die Situation einfach so komplett absurd war.

Was Endkunden betrifft, glaube ich aber eigentlich schon, dass es manchmal Sinn machen kann, nicht einfach zu lachen (auch wenn die Versuchung gro├č ist), sondern sie darauf hinzuweisen. Vielleicht bin ich dahingehend naiv, aber ich denke, wenn man eine Branche noch nicht gut kennt, w├Ąhlt man gerne zun├Ąchst das billigste Angebot, l├Ąsst sich aber dann durchaus ├╝berzeugen, dass das keine gute Idee war. Mir ist es beispielsweise mit dem Webhosting so gegangen (1/2 Jahr bei Billiganbieter, Homepage oft nicht erreichbar -> Wechsel zu etwas teurerem, aber auch viel besserem Hoster, mit dem ich voll und ganz zufrieden bin). Und ich habe auch schon einen Auftrag bekommen, bei dem ein Auftraggeber, der vorher sehr billig hatte arbeiten lassen, mit der Zeit dazugelernt hatte, dass die Leistungseinbu├čen, die er daf├╝r in Kauf nehmen musste, nicht daf├╝r standen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich glaube, oft ist es nicht Bosheit, sondern schlicht und einfach Naivit├Ąt, die Leute f├╝r miserable Billig├╝bersetzungen optieren l├Ąsst, und in solchen F├Ąllen macht es auch Sinn, einen Lernprozess in Gang zu setzen. Oder bin ich es, der hier zu naiv ist?


[Edited at 2004-03-02 15:46]


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Harry Bornemann  Identity Verified
Mexico
English to German
+ ...
Mach was draus.. Mar 2, 2004

Beispiel 1:
Das w├╝rde ich stehen lassen, damit potentielle Kunden gewarnt sind.

Beispiel 2:
Wenn ich gerade Lust dazu h├Ątte, w├╝rde ich diese ├ťbersetzung in der Luft zerrei├čen (im ├╝bertragenen Sinne) und dem Hersteller meine Dienste als ├ťbersetzer und Lektor anbieten und ein konkretes Angebot unterbreiten. Dabei w├╝rde es sich lohnen, h├Âchstens das erste Drittel des Textes zu korrigieren, damit der Kunde einen Anreiz hat, f├╝r die Korrektur des Restes einen Auftrag zu erteilen.

Beispiel 3:
Wenn der ├ťbersetzer ansonsten sympathisch erscheint, w├╝rde ich ihn diskret auf die Fehler hinweisen und w├Ąre mir sicher, dass er sich ├╝ber das kostenlose Feedback freut. Manchmal f├╝hrt so etwas sp├Ąter zu einem Auftrag.

In keinem der 3 F├Ąlle h├Ątte ich ein schlechtes Gewissen mich profilieren zu wollen. Profilieren im negativen Sinne bedeutet f├╝r mich, wenn jemand eine durchaus passable ├ťbersetzung mithilfe von Kleinigkeiten und unn├Âtigen ├änderungen schlecht macht, um auf diese Weise einen Kunden abzuwerben.
Mit der Funktion "├änderungen verfolgen" ist das einfach, weil man so gut wie nie einen Text hat, in dem man bei langem Hinsehen nichts mehr zu verbessern findet. (So einen Text habe ich erst 1 Mal gesehen, und das war eine halbe Seite Probe├╝bersetzung von einem sehr erfahrenen ├ťbersetzer.)

[Edited at 2004-03-02 19:18]


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Uwe Kirmse  Identity Verified
Local time: 02:27
Polish to German
+ ...
Mail schicken Mar 3, 2004

Christian Flury wrote:...In diesem Fall habe ich dann doch ein - diplomatisch gehaltenes - Mail geschickt, weil die Situation einfach so komplett absurd war. ...


Schreib doch mal, ob eine Antwort kam! Aber im Ernst, glaubst du wirklich, dass er, falls er reagiert und seine Seite verbessert, dann seinen Kunden etwas besseres verkauft? Deine Beschreibung klingt ja fast nach einer maschinellen ├ťbersetzung.

Ich habe ├╝brigens an Ekogas geschrieben, um ihnen eine Chance zu geben, meinem Gruselkabinett zu entgehen. Mit einer Antwort rechne ich aber eher nicht.


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Christian Flury
Austria
Local time: 02:27
Latin to German
+ ...
TOPIC STARTER
Keine Antwort bis jetzt Mar 3, 2004

Nein, ich habe bis jetzt keine Antwort bekommen, ich habe allerdings nur die ersten zwei S├Ątze korrigiert, und ich glaube nicht, dass diese Site, auch wenn er sie jetzt noch mal ├╝bersetzen l├Ąsst (was ihn zumindest einiges kosten d├╝rfte, weil sie recht umfangreich ist), dauerhaft professionell wirken wird. Zudem lesen sie h├Âchstwahrscheinlich ohnehin die wenigsten auf deutsch. Aber prinzipiell bin ich einverstanden, dass man Agenturen und ├ťbersetzer, die sich selbst disqualifizieren, nicht zwanghaft davon abhalten sollte

Allgemein bin ich beruhigt, dass Ihr die Grundfrage - ist unterhalb eines bestimmten Qualit├Ątsniveaus "translation-bashing" nicht geradezu angebracht? - ├Ąhnlich seht wie ich.

Sch├Ânen Abend!


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ingo_h
Germany
Local time: 02:27
English to German
Gurkensammlung Mar 16, 2004

so nenne ich das in Anlehnung an die (ehemalige) Site der Harry-Potter-Amatuer-├ťbersetzer.
Ich wollte so etwas hier schon vorschlagen, sehe aber, dass es schon diverse Gruselkabinette gibt.
Nur. k├Ânnte man so etwas vernetzen oder dergleichen, m.a.W. eine gr├Â├čere Datenbank schaffen? Wobei der Name des getadelten ├ťbersetzers nicht genannt werden sollte, der und die Eingeweihten werden es schon wissen.
Ich kam auf die Idee, als ich eine Rundfunksendung h├Ârte, bei der offenbar ein krasser sinnentstellender Fehler den Redakteuren nicht aufgefallen ist (Stress, Zeitmangel?) Wobei die ja noch Zeit haben (ein paar Tage mindestens). Zu einer Blo├čstellung von Kollegen d├╝rfte eine solche Sammlung also auf keinen Fall f├╝hren (au├čer vielleicht in besonders krassen F├Ąllen).


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