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Wie arbeitet ein √úbersetzergehirn?
Thread poster: Herbert Fipke

Herbert Fipke  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
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Feb 23, 2005

Liebe Kollegen!
Anlässlich zahlreicher Kudoz-Fragen besonders im Zusammenhang mit Wortspielen und Idioms (including, but not limited to...) stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ein Übersetzergehirn arbeitet. Allzuoft lese ich die Versuche von Kollegen, die sich das Hirn zermartern, um ein fremdsprachliches Wortspiel in die Zielsprache zu retten.
Warum nur?

Bei mir kommt dann stets der Verdacht auf, dass allzuviele Kollegen gelernt haben, "unbedingt" am Text zu kleben und alles m√∂glichst Wort f√ľr Wort zu √ľbersetzen. So wurde mir das vor 20 Jahren auch mal beigebracht. "Das heilige Original".

Stimmt auch, das Original ist das Maß aller Dinge. Aber doch nicht die Wortwahl oder irgendeine grammatische Struktur! Wörter und Grammatik sind doch nur die Transportvehikel einer inhaltlichen Aussage, die auf eine ganz bestimmte Weise beim Leser der Zeilen ankommen soll (siehe Klassisches Kommunikationsmodell).

Die "Textkleber" (meist Berufsanfänger) scheinen so zu arbeiten:
1.Originaltext lesen.
2.M√∂glichst wortw√∂rtlich √ľbersetzen.
3.Anschließend den Stil solange "biegen", bis es sich halbwegs muttersprachlich liest.

Ich arbeite so:
1.Originaltext lesen.
2.Inhalt erfassen
3.Absicht erfassen
4.Zielgruppe definieren
5.Passenden Stil in der Zielsprache finden
6.Zieltext formulieren (ohne R√ľcksicht auf den exakten Wortlaut des Originals).

Bei dieser Methode spielen Grammatik und Wortwahl des Originals √ľberhaupt keine Rolle. Ich k√ľmmere mich ausschlie√ülich um Inhalt, Absicht und Zielgruppe.
Diese Sichtweise bei der Betrachtung von Texten habe ich allerdings nicht im √úbersetzerstudium gelernt, sondern in meiner journalistischen Ausbildung.

Wie geht ihr vor? Geht es Euch ähnlich?
Gruß
Herbert Fipke


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Derek Gill Fran√üen  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
German to English
+ ...
Ich denke... Feb 23, 2005

Interessanter Beitrag!

Ich erinnere mich daran, als ich noch "Anfänger" war und (wie du schon sagst) zu sehr an den Urtext hing. Im juristischen Bereich muss man das noch bis zu einem gewissen Grad.

Inzwischen arbeite ich viel "freier" mit meinen √úbersetzungen. Jetzt versuche ich eher, das "Gemeinte" und das "Gef√ľhlte" zu √ľbertragen - also √§hnlich deiner Arbeitsweise. Ich glaube, dass diese "Freiheit" mit der Sicherheit am eigenen K√∂nnen w√§chst.



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Jerzy Czopik  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
Member (2003)
Polish to German
+ ...
Aus dem Bauch heraus.... Feb 23, 2005

gebe ich Dir recht, Herbert.
Gerade wenn man anfängt, neigt man dazu, sogar die Wortwahl des Ausgangstextes ins Zieltext mitzunehmen.
Mit zunehmender Erfahrung f√§llt es einem leichter, auf das eine oder andere Schn√∂rkel zu verzichten und wirklich richtig, aber nicht "frei" zu √ľbersetzen.
Da kommen wir auch schon zu dem Kern Deiner Frage.
Deine Vorgehensweise eignet sich bestens f√ľr Marketing- oder Werbetexte, die wirklich auf die Zielgruppe unbedingt zugeschnitten sein m√ľssen.
Bei einer technischen Anleitung ist der Spielraum geringer. Auch bei finanziellen oder juristischen √úbersetzungen wird es enger, denn dort spielt die Wortwahl z.T. gewaltige Rolle.
F√ľr jede Art des Textes muss man das passende Mittelchen finden.
Kleben am Ausgangstext ist das bestimmt nicht.

Gruß
Jerzy mit technisiertem Hirn


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Orla Shanaghy  Identity Verified
Local time: 18:37
German to English
Stimme dir zu - es lebe die Zielfunktion! Feb 23, 2005

Hallo Herbert,
Deine Arbeitsweise finde ich absolut sinnvoll und professionell. Kurz gesagt, 'wie es sein soll'. Ich teile deine Meinung, dass es eher unter unerfahrenen bzw. unausgebildeten Uebersetzern Brauch ist, am Original zu klemmen, da dies ja der allgemeinen 'Laien'-Betrachtung des Uebersetzer-Berufs entspricht, d.h. so etwas wie "ihr schreibt doch einfach einen Text in eine andere Sprache um, das kann doch jeder mit Woerterbuch..." usw.
Das was du im Laufe deines Studiums gesagt bekommen hast, habe ich pers√∂nlich gl√ľcklicherweise nicht erfahren. Ich hatte insbesondere eine tolle Dozentin (in der Dublin City University, Irland), die immer betont hat, dass bei der Uebersetzung Zielgruppe und Zielfunktion sehr wichtig sein sollen (nach dem Konzept von Christine Nord). Das habe ich in meiner Arbeit immer beibehalten, und obwohl einige Kollegen manchmal gestaunt haben, dass ich so 'frei' uebersetze (b√∂ses Wort!), hat sich dieser Ansatz immer bew√§hrt.
Positiv betrachtet, kann man das als guten Professionalismus-Test benutzen, wie sehr sich ein Uebersetzer am Original hält...
Viele Gr√ľsse
Orla


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Klaus Herrmann  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
Member (2002)
English to German
+ ...
Abstrahierend und bei Bedarf auch um die Ecke. Feb 23, 2005

Meins funktioniert bei der Arbeit ungefähr so:
Lesen->verstehen->Aussage extrahieren->Aussage in Deutsch formulieren, wie die Zielgruppe sie aus vergleichbaren deutschen Texten kennt.

Herbert: Stimmt auch, das Original ist das Maß aller Dinge
In 90% meiner Arbeit interessiert das Original einen feuchten Kehrricht, da schreibende Ingenieure in der Regel nicht gerade wegen ihrer Eloquenz oder sprachlichen Kompetenz bekannt sind. Im Moment sitze ich gerade an einem Text in O-Ton-Amerikanisch, in dem ein Ingenieur erkl√§rt, wie ein Ger√§t funktioniert. Die Sprachqualit√§t ist so lausig, dass mir der Kunde den Text (zu Recht!) um die Ohren hauen w√ľrde, wenn ich auf Originaltreue pochen w√ľrde.
Jerzy: Bei einer technischen Anleitung ist der Spielraum geringer.
Ganz im Gegenteil, da musst du ja nur die Inhalte √ľbertragen, die Form des Originals kann in den Hintergrund treten, s.o.

Grunds√§tzlich stimme ich dir zu, dass man sich im Laufe der Berufsjahre immer mehr Freiheit g√∂nnt, allerdings muss man eben unterscheiden, wo man darf/soll und wo nicht. Ich habe mal recht exzessiv Dilberts √ľbersetzt (nicht als Auftrag, sondern weil das eine nette Herausforderung ist). Da gibt es die, die auf die moderne Unternehmenskultur abstellen - die kann man meist sehr direkt √ľbersetzen, da wir auch die Unsitten der US-Gesch√§ftswelt importieren. Und da gibt es die, in denen man sich bei Wortspielen so richtig austoben kann. Da muss man eigentlich eher sehen, dass die zu den Bildern passen, der eigentliche Inhalt tritt in den Hintergrund. Man muss sich dann nur fragen, wor√ľber man denn gerade gelacht hat, und den Witz in Deutsch erz√§hlen (auf Anhieb f√§llt mir einer ein, bei dem Dilbert von einem Brief im Ablagefach "Outgoing" totgelabert wird - Hey, wie war denn dein Tag heute, war der Kaffee gut so, usw. - Da kannst du im Deutschen keinen Witz dran aufh√§ngen, und das outgoing an sich ist auch nicht wichtig. Im Deutschen kann ein Brief aber z. B. "ansprechend" sein. Das funktioniert dann in Deutsch.





[Edited at 2005-02-23 17:03]


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Jerzy Czopik  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
Member (2003)
Polish to German
+ ...
Kein Wunder, dass Du mich nicht verstanden hast, Klaus Feb 23, 2005

Klaus Herrmann wrote:
...
Jerzy: Bei einer technischen Anleitung ist der Spielraum geringer.
Ganz im Gegenteil, da musst du ja nur die Inhalte √ľbertragen, die Form des Originals kann in den Hintergrund treten, s.o.
...


Naja, um die Ecke wenn es denn sein muss, kann ich auch, obgleich ich der nicht f√ľr ihre Eloquenz bekannten Schreibergruppe angeh√∂re (schon lange nicht so gut gelacht)
Aber was ich damit meinte, passt eigentlich doch zu Deiner und Herberts Aussage. Frei in der Form, aber nicht frei im Inhalt. Wenn ich vier Schrauben habe, zwei mit Links- und zwei mit Rechtsgewinde, dann muss die √úbersetzung auch davon sprechen. Und wenn die Reihenfolge, wie sie angezogen werden sollen, auch eine Rolle spielt, so muss auch das beibehalten werden.
Hast Du dagegen einen Werbetext vor Dir, da muss man denn wirklich "durchkauen und neu ausspucken", da m√ľssen - wenn die drin sein sollten - auch die Schrauben drin bleiben, aber die Werbe- und Marketingtexte sind da selten so pr√§zise, wie eine technische Anleitung.
In Deutsch hatten wir vor Jahren die Werbung f√ľr Ariel "W√§scht nicht nur sauber, sondern rein". Denselben Spruch haben die auch auf die Ariel-Verpackung in Polen geschrieben, mit dem kleinen Unterschied, dass es im Polnischen f√ľr "sauber" UND "rein" ein EINZIGES Wort gibt. So klang der Spruch dann auch "W√§scht nicht nur sauber, sondern sauber". Punkt.
Hier wäre man also gezwungen, diese Aussage ganz anders zu formulieren.
Dagegen ist bei "Die Muttern des Zylinderkopfes aufsetzen und in der im Bild dargestellten Reihenfolge mit 200 Nm anziehen." eigentlich kein Spielraum gegeben - und auch nicht nötig. Das war, was ich gemeint habe.

Gruß
Jerzy (ein hoffentlich etwas elloquenter Ingenieur)


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Herbert Fipke  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
English to German
+ ...
TOPIC STARTER
Auch Technik braucht Spielraum Feb 23, 2005

Jerzy Czopik wrote:

Bei einer technischen Anleitung ist der Spielraum geringer.



Auch hier erlebe ich oft, dass gerade US-amerikanische Bedienungsanleitungen ganz anders aufgebaut sind als deutsche.
Wohl wegen der Produkthaftpflicht stehen da oft Anweisungen "mit dem Holzhammer" drin, die in einer deutschen Anleitung gar nicht, oder nur am Rande erw√§hnt w√ľrden.

Was tue ich nach beinahe 20 Jahren Erfahrung? Weglassen. Oder einmal in der Einleitung oder dem Glossar o.ä. unterbringen und dann weglassen.

Was macht ein Anf√§nger? Er betet das sch√∂n jedesmal nach und bringt den Leser einer solchen Anleitung zumindest zum Lachen oder zu der Frage: "Halten die mich eigentlich f√ľr bescheuert? Sowas wei√ü man doch..."

Oft ist auch die Reihenfolge einer Montageanleitung schlicht falsch. Steht da doch in schöner Regelmäßigkeit, nachdem man sich wundert, dass eine Komponente nicht passt, unter einem der letzten Punkte sowas wie: "Vorher Bolzen A rausziehen" oder so. Wenn etwas "vorher" bereits gemacht werden muss, hat es "hinterher" in einer sonst chronologisch aufgebauten Anleitung nichts zu suchen.

F√§llt mir so etwas auf, √§ndere ich es. Dazu brauche ich nicht einmal den Kunden zu fragen. Wobei ich nat√ľrlich automatisch eine Schei√ü-TM erhalte, es sei denn, ich √§ndere auch das Original.

Nat√ľrlich kann ich mich als √úbersetzer auf den Standpunkt stellen: "Das geht mich nix an, ich schreibe das so, wie es da steht." Aber damit ist weder dem Kunden, noch dem Anwender gedient. Der Kunde steht unprofessionell da und der Anwender richtet vielleicht gro√üen Schaden an sich selbst oder anderen an.

Andererseits steht da auch oft: "Schraube B (Kreuzschlitz Hexa-Schlagmichtot) mit einem Schraubenzieher (bei Schrauben"dreher" kriege ich jedesmal einen Tobsuchtsanfall...) gegen den Uhrzeigersinn herausdrehen. Achwas. Schrauben werden immer gegen den Uhrzeigersinn herausgedreht, es sei denn, es handelt sich ausnahmsweise um Linksgewinde, was dann nat√ľrlich erw√§hnt werden muss. Ansonsten: weglassen.

Technische Texte (besonders Bedienungsanleitungen) lassen also durchaus zahlreiche Spielr√§ume, die man mit Erfahrung ausf√ľllen muss oder zumindest sollte.

Juristische, medizinische und finanzwirtschaftliche Texte kann ich nicht wirklich beurteilen, nur insofern, als dass ich diese auch in meiner Muttersprache schon nicht verstehe. Deswegen √ľbersetze ich sowas erst gar nicht.

Womit wir schon beim nächsten, häufigen Anfängerfehler wären: Die Anfertigung von Übersetzungen in völlig unbekannten Fachgebieten.
Als in einem Gebiet erfahrener √úbersetzer merkt man sp√§testens nach drei Zeilen, ob ein Kollege das Fachgebiet beherrscht oder nicht. W√ľrde ich fremde Gebiete betreten, w√§ren meine Texte sicher auch ein Quell √§u√üerster Heiterkeit.

Es ist wohl das Schwerste f√ľr einen Anf√§nger √ľberhaupt, aureichend Erfahrungen in einem oder zwei, h√∂chstens drei Fachgebieten zu erwerben, um dann - erst nach Jahren - wirklich gute √úbersetzungen anfertigen zu k√∂nnen. Ich bin froh, dass ich diese Phase hinter mir habe...
Das beschert mir heute Stammkunden, und bei allen fremden Gebieten hei√üt es f√ľr mich: "Accept your limits".


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Genevi√®ve von Levetzow  Identity Verified
Local time: 19:37
Member (2002)
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Eine andere Vorgehensweise... Feb 23, 2005

Eine Mischung zwischen dem Ansatz von Klaus und Jerzy:

a) Zuerst Terminologiearbeit. Da ich fast auschlie√ülich medizinische und technische Texte √ľbersetze, ist es bei mir die halbe Miete. Wobei ich da auch nach Ziepublikum unterscheide, ist der Text f√ľr Laien oder f√ľr Fachleute bestimmt.

b) Und dann "Lesen->verstehen->Aussage extrahieren->Aussage in Deutsch/Franz√∂sisch formulieren". Wobei ich mich im Laufe der Jahre immer freier f√ľhle. Und immer das Zielpublikum, das Produkt (z.B. hochpreisig oder nicht)im Hinterkopf habe.

Bei sehr sprachspezifischen Wortspielen [ich hatte einmal die Kontaktenlinsenein- und -austeiger, Seufz...] arbeite ich mit Bildern oder Situationen. Was w√ľrde man in der Zielsprache in der jeweiligen Situation sagen? Und ich passe sehr auf, dass es nicht merkw√ľrdig oder sogar anr√ľchig wirkt;)

Geneviève


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Jerzy Czopik  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
Member (2003)
Polish to German
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Schrauben werden gedreht, nicht gezogen Feb 23, 2005

Und dazu benutzt man Schraubendrehen, ansonsten rate ich zum Korkenzieher.
Weglassen ist nicht, Herbert, zumindest nicht ohne weiteres.
Du stellst Dich auf dem Standpunkt, dass der User es schon wissen wird. Leider ist das nur selten der Fall.
Stelle Dir folgende Situation vor: Es gibt in einer Firma eine Maschine mit einem Riementrieb. Dieser ist naturlich vorschriftsm√§√üig gesichert, auf dem Gitter stehen alle erdenklichen Sicherheitshinweise darauf, die Anleitung warnt auf jeder Seite, dass man vor allen Arbeiten die Anlage vom Netz trennen muss. Nur h√§lt sich eine bl√∂de Ratte nicht daran und l√§uft in den Riemen, wird eingefangen und blockiert den Trieb. Was passiert weiter? Ein erfahrener Mitarbeiter sieht, dass er mit einer Stange diese Ratte herausziehen/-dr√ľcken kann, und so tut er auch. Vorher wird nix ausgeschaltet oder so.
Die sch√∂ne Welt der denkenden √úbesetzer ist die eine, leider steht ihr gegen√ľber die weniger sch√∂ne Welt der User, unter denen ganz sch√∂n viele DAUs laufen. Glaub mir, die Leute sind sehr erfindungsreich, wenn es um austricksen von Sicherheitseinrichtungen geht. Heute l√§sst das vielleicht mit der steigenden Automatisierung nach, weil die Benutzer immer besser gebildet werden, aber so einiges habe ich schon gesehen, und zar nicht als √úbersetzer, sondern w√§hrend meiner Industriepraktika.
Wenn also in einer deutschen Anleitung der Kunststoff-/Gummihammer zm Klopfen erwähnt wird, dann klopfe ich auch auf Polnisch mit Gummi oder Plastik. Punkt.
Dagegen kann man IMO die Drehrichtung der Schrauben in der Tat vernachlässigen.
Ich weiß nicht, vielleicht bin ich dann zu sehr Techniker, um nach Herberts Vorbild aufsaugen, verdauen und ausgeben. Oder funktioniert bei mir das Verdauen so, wie die Einspritzung der modernen Motoren - in Form einer Schichtverdauung sozusagen

Gruß
Jerzy, der immer einen Schraubendreher benutzen wird


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Marinus Vesseur  Identity Verified
Canada
Local time: 10:37
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Hier spricht der Anfänger. Feb 23, 2005

Ja, liebe Leute, alles sch√∂n und gut, aber wie habt Ihr denn damals √ľbersetzt, im ersten Jahr der professionellen T√§tigkeit? Es sind nat√ľrlich gute Hinweise und ich bin selbst gewiss auch Vertreter der Liga der Sinn√ľbersetzer, allerdings mehr als Ziel. Als Anf√§nger traue ich mich einfach nicht die bekannten Pfade zu verlassen. Und hoffe, dass dieses etwas verkrampfte Stressgef√ľhl, blo√ü nichts falsch machen zu wollen, irgendwann nachl√§sst, wenn das, was jetzt durch angestrengtes Gr√ľbeln nicht immer sonderlich fl√ľssig kommt, zu einem Reflex geworden ist und ich mich um Stilfragen k√ľmmern kann. Trotzdem: tolles Thema und aufschlussreiche Beitr√§ge! Danke!

"Verurteile nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet."


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Derek Gill Fran√üen  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
German to English
+ ...
Anfänger Feb 23, 2005

Marinus Vesseur wrote:
Ja, liebe Leute, alles sch√∂n und gut, aber wie habt Ihr denn damals √ľbersetzt, im ersten Jahr der professionellen T√§tigkeit?

"Verurteile nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet."


Das halte ich f√ľr eine sehr gesunde Einstellung. Mit der Zeit l√§sst die Nerv√∂sit√§t in der Tat nach, wobei ein Bisschen m.E. bleiben muss - sonst droht es, langweilig zu werden.

Wie ich bereits erwähnte, hing ich zum Anfang (zu) sehr am Urtext - meiner Meinung nach ist das (am Anfang) nicht verkehrt. Die oben erwähnte "Freiheit" kam von alleine.

Zuviel Freiheit ist aber dennoch nicht immer richtig. Ich stimme zu, dass man den richtigen Maß finden - jemand hat's auch schon gesagt - mal ist "frei" angesagt und mal nicht. Bei juristischen Texten (anscheinend anders als bei technischen Texten) muss man oft immer noch "am Wort hängen," weil es eben damit steht oder fällt.

Beides birgt Gefahren...


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Klaus Herrmann  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
Member (2002)
English to German
+ ...
Streitbar Feb 23, 2005

Herbert Fipke wrote:
Nat√ľrlich kann ich mich als √úbersetzer auf den Standpunkt stellen: "Das geht mich nix an, ich schreibe das so, wie es da steht." Aber damit ist weder dem Kunden, noch dem Anwender gedient. Der Kunde steht unprofessionell da und der Anwender richtet vielleicht gro√üen Schaden an sich selbst oder anderen an.

Klar. Einfach genug. Das kann man nicht machen.

Andererseits steht da auch oft: "Schraube B (Kreuzschlitz Hexa-Schlagmichtot) mit einem Schraubenzieher (bei Schrauben"dreher" kriege ich jedesmal einen Tobsuchtsanfall...)

Schraubendreher ist genormter Standard. Was dabei rauhskommt wenn einhaitlische, verbindliche Räglen ignoriehrt werden, ist hinlänglich bekannt...


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Nadine Kahn  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
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Bloody beginner speaking Feb 23, 2005

Ich hab's so behalten:

"So nah wie möglich und so frei wie nötig." Aber besser ist's so:

"So frei wie möglich und so nah wie nötig" *g*

Ich finde es schon sehr wichtig bestimmte W√∂rter grade auch Wortspiele/Idioms, genau so in der Zielsprache r√ľberzubringen. Die Wirkung des Textes auf den Leser, sollte m√∂glichst bei Beiden gleich sein. Obwohl das wahrscheinlich auch wieder personenabh√§ngig ist

[Edited at 2005-02-23 20:01]


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RWSTranslation
Germany
Local time: 19:37
Member (2007)
German to English
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Richtig oder falsch Feb 23, 2005

Hallo,

oder wie es so schön heisst,

Tue im Zweifelsfall das Richtige.

Ich denke, in jedem Fall sollte der zu √ľbersetzende Text auch komplett in der √úbersetzung auftauchen, oder man kl√§rt den Grad der Freiheit zuvor mit dem Auftraggeber ab.

Wir halten es i.d.R. so, dass wir ein Produkt abgeben wollen, dass beim Empf√§nger auf keinen Fall zu √úberraschungen f√ľhrt.
Bisher sind wir ganz gut damit gefahren.

Viele Gr√ľ√üe

Hans


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Herbert Fipke  Identity Verified
Germany
Local time: 19:37
English to German
+ ...
TOPIC STARTER
Schon kämpfen wieder die Natur- gegen die Geisteswissenschaftler Feb 24, 2005

Hihi...
Ich habe mir schon gedacht, welchen Fraktion "aufheulen" und den Schrauben"dreher" bevorzugen wird. In meinen praktischen Werkstattjahren habe ich jedenfalls nicht einmal dieses Wort gehört, höchstens von einem Weißkittel, der sich aus irgendeinem Grund in die ölverschmierte Werkstatt verirrt hat und einen Schraubenzieher gesucht hat. Den hätte er auch bekommen, die regelmäßige Reaktion der Mechaniker war aber immer: "Schraubendreher haben wir keine"...
War das durchgeistigte Nickelbrillenm√§nnchen wieder verschwunden, hat sich Alles auf dem Boden gekr√ľmmt vor Lachen...

Soweit zu Normen und wer die f√ľr wen aufstellt und wie sinnvoll das manchmal ist. Ich kenne jedenfalls keinen Monteur, der auf die Idee k√§me, eine Schraube zu "ziehen", obwohl das Ger√§t seit Anbeginn der Zeitrechnung immer so gehei√üen hat...

Das oberlehrerhafte Einf√ľhren des Schrauben"drehers" ist ein typisches Beispiel f√ľr "Sprachreformen", nach denen weder jemand verlangt hat, noch die in irgendeiner Weise sinnvoll sind. Meist entspringt sowas Gehirnen, die nur bei mathematisch logischen und sinnvollen Denkweisen richtig funktionieren k√∂nnen und denen jede Unlogik ein Greuel ist...

Apropos Unlogik: Es ist schon stark, dass man bei Windows auf "Start" klicken muss, um das System auszuschalten... Und sowas hat sich auch ein Glasbausteinträger ausgedacht...

Aber das ist ja eigentlich völlig Off-Topic...

Cerzy schreibt:
Wenn also in einer deutschen Anleitung der Kunststoff-/Gummihammer zm Klopfen erwähnt wird, dann klopfe ich auch auf Polnisch mit Gummi oder Plastik. Punkt. Dagegen kann man IMO die Drehrichtung der Schrauben in der Tat vernachlässigen.

Genau das habe ich ja gemeint, und genauso mache ich es auch.
Ob die mit Sicherheitsaufklebern voll gebeppte Maschine in Europa sein muss, ist eine andere Frage. In USA mit Sicherheit, da dort die √ľberwiegende Zahl aller "blue collars" mehr oder weniger Ungelernte sind. Aber nicht nur deswegen. Es geht vor allem um diese wahnwitzige Produkthaftpflicht, die dann eben so sch√∂ne Bl√ľten treibt wie die von Tuliparols neulich zitierte Aufschrift auf einem Tretroller: "Vorsicht, Ger√§t bewegt sich bei Benutzung".

Bei uns ist der Betreiber dran, wenn etwas passiert, denn er hat sein Personal entsprechend zu schulen. Der Hersteller kann nun wirklich nichts f√ľr die Bl√∂dheit eines DAUs...

Zum Thema wie "frei" darf es denn sein, ist wohl etwas klar geworden: Es hängt vor allem von der Textgattung ab. Vertragstexte und juristische Texte allgemein lassen wohl am allerwenigsten Freiheit zu, nach meiner Meinung noch viel weniger als jeder technische Text.

Wobei die von mir sehr strapazierte "Freiheit" sich weniger auf Fachtermini bezieht, die in der Regel in jedem Fachbereich festliegen. Es geht mir haupts√§chlich um den Stil, der in verschiedenen Sprachen ja eigentlich niemals gleich sein kann. Hier setzt mE die wirkliche Kunst des √úbersetzers ein. Es geht um die Findung eines zielgruppengerechten Stils, der oft genug den Stil des Ausgangstextes bewusst NICHT √ľbernehmen kann, weil die Zielgruppe diesen nicht kennt, nicht versteht oder manchmal sogar vor den Kopf gesto√üen wird.

Bestes Beispiel ist die Art, wie in USA Werbung und PR betrieben werden. Dieser Stil stößt zumindest in Deutschland meist auf völliges Unverständnis, da "das beste", "das größte" oder "das zuverlässigste aller Zeiten" hier sowieso niemand glaubt. Dazu hat man in der "Autonation Deutschland" schon zu oft die Erfahrung gemacht, wie schlecht verarbeitet US-Automobile in der Regel sind.

Das liegt nicht daran, dass amerikanische Autos tats√§chlich schlechter verarbeitet w√§ren - das sind sie n√§mlich gar nicht - sondern an dem seltsamen Anspruch der Deutschen, dass auch in einem Gel√§ndewagen kein Schalter "knarzen" darf, obwohl eine Fahrt im Gel√§nde (dem eigentlichen Bestimmungszweck dieser Fahrzeuge) einen solchen H√∂llenl√§rm verursacht, dass man ebendieses Knarzen sowieso nicht h√∂ren w√ľrde.

Amerikaner denken da wesentlich zielgruppengerechter. Ein Geländewagen oder LKW darf das. Dort stört das auch niemanden. Ein PKW darf auch nach 5 oder 6 Jahren deutliche Rostspuren haben. In USA behält kaum ein Erstkäufer sein Fahrzeug solange. Im technisch-perfektionistisch denkenden Deutschland muss auch ein Kleinwagen, der nur zum Einkaufen benutzt und nie gewaschen wird, ewig halten, sonst ist es eine Mistgurke.

Im √úbrigen leistet ein solcher Ford Fiesta oder Opel Corsa im kaltstart-geplagten Hausfrauen- und Kinderterroralltag im Vergleich zum st√§ndig topgepflegten Luxusschlitten von Papa √úbermenschliches: Er wird nicht gewaschen, sieht nur eine Werkstatt, wenn er gar nicht mehr l√§uft, es wird kein √Ėl, kein Luftfilter, keine Bremsfl√ľssigkeit und kein K√ľhlwasser gewechselt. Ganz im Gegensatz zu Papas Lieblings-Penis, der bei jedem kleinen Weh-weh-chen sofort zur Wartung gebracht wird. Wie gut zum Beispiel ein Mittelklasse-Mercedes wirklich ist, sieht man im Taxibetrieb. Hier wird er n√§mlich genauso "rangenommen" wie ein armer Fiesta. Und siehe da, er h√§lt keinen Tag l√§nger und geht genauso oft kaputt...
Aber jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen...

Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist oft nur die subjektive Wahrnehmung, die bestimmt, ob etwas als gut oder schlecht beurteilt wird. Oder es sind (wie beim Beispiel Auto) unterschiedliche Gewohnheiten der Nutzung.

Aber bereits diese Unterschiede rechtfertigen mE eine Abweichung vom Original, damit der Leser des Textes Anspielungen oder "versteckte" Hinweise auch in seinem Sinne richtig versteht. Wir sind dazu der Katalysator. Da ist zumindest f√ľr mich auch der Grund, warum ich niemals "in die Fremdsprache" √ľbersetzen werde.

Wobei die Sprache nicht das eigentliche Problem ist. Es ist der Kulturkreis, in dem ich eben NICHT lebe, der verhindert, das ich eine gute Übersetzung abliefern kann. Denn nur das ständige Umgebensein von Zielgruppenpersonen garantiert, dass auch ICH in der Lage bin, einen Text nicht nur richtig zu interpretieren und dann zielgruppengerecht umzusetzen.

Zum Trost f√ľr alle Berufsanf√§nger kann ich au√üerdem sagen: Es ist nicht so sehr fehlende sprachliche Kompetenz, die √úbersetzungen schlecht sein l√§sst, sondern fehlende inhaltliche Fachkenntnisse. Und die kommem eben erst im Laufe der Zeit.
Die Sprachkenntnisse sind nur unser Werkzeugkasten. Erst die fachkenntnisse einer Branche oder eines Bereichs ermöglichen wirklich gute Übersetzungen. Wenn ich einen Text zum Übersetzen herausgebe, frage ich weniger nach Sprachkenntissen (die ich voraussetze), sondern ich will wissen, ob der-/diejenige das Fachgebiet beherrscht, um das es geht.

Wenn ich auf meine fast 20 Jahre zur√ľckblicke, habe ich meine Sprachkenntnisse de facto kaum oder gar nicht verbessert. Was ich verbessern konnte, waren Erfahrungen bez√ľglich bestimmter Schreibstile in meinen Fachrichtungen, Gewohnheiten meiner Zielgruppen und solche Dinge mehr. Sicher - wie Derek es ausdr√ľckt - bin ich immer dann, wenn ich genau wei√ü, f√ľr wen mein Text gedacht ist und ich einen Text dieser Art auch in seinen praktischen Auswirkungen ohne jeden Zweifel kenne.

Die Tatsache, das ich im "automotive"-Bereich zu den besten z√§hle, liegt ganz klar darin, dass ich selbst jahrelang Motoren und Fahrzeuge zerlegt und repariert habe und nicht darin, dass ich auf diesem Bereich besonders viele Vokabelpaare auswendig kann. Kann ich n√§mlich gar nicht. Aber ich kenne die W√∂rter in meiner Zielsprache in und auswendig. Ich muss nicht √ľberlegen, was der Unterschied zwischen einem Simmerring und einem Federring, einem Kolbenring oder einer Distanzscheibe ist. Ich habe diese Dinge alle in der Hand gehabt und damit gearbeitet. Wenn ich einen englischen Motorentext lese, kenne ich die Komponenten, um die es geht. Dazu brauche ich kein W√∂rterbuch.
Will sagen: Die Aneignung von Branchen- und Fachwissen ist das A&O! Am besten durch praktischen Umgang mit der Materie.

Sitzt das Fachwissen, kommt der gute Stil von selbst...


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