Frage zur Berufsberatung - freiberuflich oder angestellt? Jede Hilfe willkommen...
Thread poster: Jan Born
Jan Born
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Jun 2, 2005

Hallo allerseits,

ich stehe vor einer wichtigen Entscheidung, und hoffe, dass ihr mir ein wenig helfen könnt. Es geht um meine berufliche Zukunft als Übersetzer.

Folgendes: Ich habe letztes Jahr meine Ausbildung zum staatl. geprüften Übersetzer in Bayern mit Auszeichnung abgeschlossen (Englisch – Deutsch, Fachgebiete Wirtschaft und Recht). Danach war ich ein Jahr in England, um dort den Titel eines MA in Translation zu erlangen. Das Studium dort habe ich inzwischen auch abgeschlossen, nur die „Dissertation“ muss ich im September noch einreichen.

Neben der Ausbildung arbeite ich seit ca. 4 Jahren freiberuflich als Übersetzer. Ich hatte einige Direktkunden, meist über Bekannte, die meisten meiner Aufträge habe ich jedoch von anderen Übersetzern bekommen, in den letzten zwei Monaten von einer Agentur. 2003 und 2004 habe ich jeweils ca. 17.000 Euro mit dem Übersetzen verdient, den Großteil davon durch das Übersetzen von Computerspielen für einen bestimmten Auftraggeber. Krankenversicherung wurde mir von der BfA bezahlt, da ich Halbwaisenrentenempfänger bin.

Jetzt, wo ich mit dem Studieren fertig bin, muss ich mir überlegen, wie es weitergehen soll. Ich hatte bereits ein Vorstellungsgespräch bei einer großen internationalen Übersetzerfirma in München. Ich hatte das Gefühl, dass man mich gerne einstellen würde, werde demnächst wieder von der Firma hören. Das Problem an der Sache ist, dass man mir als Einstiegsgehalt 24.000 Euro im Jahr geboten hat. Viel zu wenig, meiner Meinung nach. Wenn man bedenkt, dass ich bei ca. 15 Wochenstunden 17.000 Euro als Freiberufler verdient habe, rechnet sich das nicht.

Ich bin außerdem im Gespräch mit einer großen Bank, die einen Übersetzer sucht. Das Problem ist, dass die Stelle für ein Jahr befristet wäre, und der Text, den es zu übersetzen gilt, äußerst happig ist. Dafür wäre die Bezahlung angemessen (ca. 40.000 Euro im Jahr).

Nun bin ich aber auch am Überlegen, ob ich nicht gleich als Freiberufler weiter machen soll. Ich habe jetzt keine lästigen Vorlesungen und Prüfungen mehr, d.h. ich kann mich voll und ganz dem Übersetzen bzw. der Kundenakquise widmen. Zudem hat der Auftraggeber, für den ich die Computerspiele übersetze, Interesse signalisiert, mich in Zukunft mit mehr Aufträgen einzudecken, da er einen neuen großen Kunden an Land gezogen hat.

Mein Dilemma ist nun, dass ich nicht weiß, ob ich die 40.000 Euro-Stelle annehmen soll, oder versuchen soll, als Freiberufler ähnlich viel zu verdienen. Als Freiberufler muss ich ja für Krankenversicherung selbst aufkommen, mich um meine Rente kümmern, habe keinen bezahlten Urlaub, kann mich nicht „krankmelden“, usw.

Langer Rede kurzer Sinn: Wie groß müsste mein Umsatz als Freiberufler im Jahr ca. sein, um auf das Niveau eines Angestellten mit 40.000 Euro im Jahr zu kommen?

Wäre nett, wenn mir jemand diese Frage beantworten könnte (at least a ballpark figure)...

Vielen Dank!


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Tobi
Local time: 11:03
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Fest + frei ist ideal Jun 2, 2005

Hallo Jan,

bei einem Angebot über 24TEURO fulltime in München würde ich nicht unterschreiben. Das geht auch freiberuflich ohne Probleme mit weniger Stress. Ich würde den befristeten Job annehmen, meine guten Kunden, bei denen auch was verdient ist, versuchen weiterzubetreuen und in diesem Jahr ein finazielles Polster aufbauen und Erfahrungen zu sammeln. Oft gehen solche befristeten Angebote auch in ein festes Arbeitsverhältnis über. DIe Chance besteht weiterhin. Den anderen Job findest Du bei der Bezahlung immer wieder.

Ich habs ähnlich gemacht und arbeite nach 9 Jahren als Freiberufler nun fest und betreue nebenbei noch meine Filetkunden. Ich habe bislang noch nichts bereut. Der Stress hält sich in Grenzen und wenns doch mal eng wird, ist es wenigstens gut bezahlt.

Viel Erfolg,

Tobi


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Aniello Scognamiglio  Identity Verified
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Local time: 11:03
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Etwa das 1,8fache Jun 2, 2005

Jan Born wrote:

Hallo allerseits,


Dafür wäre die Bezahlung angemessen (ca. 40.000 Euro im Jahr).

Nun bin ich aber auch am Überlegen, ob ich nicht gleich als Freiberufler weiter machen soll.

Mein Dilemma ist nun, dass ich nicht weiß, ob ich die 40.000 Euro-Stelle annehmen soll, oder versuchen soll, als Freiberufler ähnlich viel zu verdienen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wie groß müsste mein Umsatz als Freiberufler im Jahr ca. sein, um auf das Niveau eines Angestellten mit 40.000 Euro im Jahr zu kommen?


Hallo Jan,

Deine Fragen lassen sich relativ kurz und bündig beantworten.
Ich fange von hinten an. Meines Erachtens müsstest du fast das Doppelte von 40.000 Euro jährlich verdienen, um beide Beschäftigungsformen halbwegs miteinander vergleichen zu können (rein materiell gesehen). Tipp am Rande: Geld allein sollte niemals der Hauptmotivationsfaktor bei einer Existenzgründung sein.

Wenn du tatsächlich 40.000 Euro als Berufseinsteiger bekommen solltest (sorry, aber Spiele zu übersetzen ist etwas anderes als Finanztexte), dann nutze diese Chance (vor allem fachlich gesehen)!

Bei der Berufseinstellung, die ich "heraushöre", lautet meine Empfehlung "Mach freiberuflich weiter" (vorausgesetzt der 40.000 Euro-Job scheidet aus).

Aufgestoßen ist mir der Punkt, dass du 40.000 Euro für *angemessen* hältst (beziehst du dich auf Deutschland?). LOL. Ganz ehrlich: ich fürchte, da wirst du Enttäuschungen erleben. Frag mal Übersetzer, was sie am Anfang ihrer Laufbahn verdienen und nach wie vielen Jahren sie auf 40.000 Euro kommen.
Ganz ernsthaft: Fakt ist, dass ein Berufseinsteiger froh sein kann, wenn er zur Zeit ein Gehalt von ca. 24-28 K kommt (plus Nebengeräusche natürlich).

My 2 cents!
Aniello

www.italengger.com


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xxxMarc P  Identity Verified
Local time: 11:03
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Klare Sache Jun 2, 2005

Nimm die Stelle bei der Bank.

40.000 Euro Jahresgehalt für einen Übersetzer mit Deiner Erfahrung ist alles andere als schlecht.

Dazu lernst Du auch noch etwas von einem soliden Arbeitgeber. Zuviele Übersetzer wollen sofort nach der Ausbildung in die Selbständigkeit und verpassen die Chance, von anderen etwas zu lernen, was - trotz Proz.com, BdÜ et al - kaum zu ersetzen ist.

17.000 Euro Umsatz sind nicht gleich 17.000 Einkommen, erst recht nicht 17.000 Angestelltengehalt.

Dabei kannst Du Dich immer noch zu einem späteren Zeitpunkt selbständig machen.

Marc


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Jan Born
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Aber... Jun 2, 2005

MarcPrior wrote:

17.000 Euro Umsatz sind nicht gleich 17.000 Einkommen, erst recht nicht 17.000 Angestelltengehalt.


Das ist schon klar. Aber diese 17.000 Euro Umsatz habe ich wie gesagt neben dem Studium verdient, d.h. bei ca. 10-15 Wochenstunden. Wenn ich Vollzeit arbeite (und genügend Aufträge habe, was ich nächste Woche herausfinden werde, wenn ich mich mit dem Computerspiele-Auftraggeber treffe), dann wird das natürlich mehr...


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Michele Johnson  Identity Verified
Germany
Local time: 11:03
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+ ...
Doch Stelle bei der Bank? Jun 2, 2005

Marc kann ich nur zustimmen. Hier einige Beispielerechnungen:

--- Fall A: Firma/München ---
Einkommen: 24000

Was du zahlen müsstest:
Krankenkasse: 1/2 von 14% = 7%
(Es gibt ja billigere Anbieter, nehmen wir das als Richtwert)
Rente: 1/2 v. 19,5% = 9.75%
Arbeitslosenversicherung = 1/2 v. 6.5% = 3.25%
Pflegeversicherung: 1/2 v. 1.7% = 0.85%
Summe = 20,85%
24000 minus 20,85% = 24,000 x (1-0.2085)
= EUR 18996 (nach Abgaben, vor Steuern)
(= 1583 pro Monat vor Steuern; ob man in München davon vernünftig leben kann?)


--- Fall B: Freiberufler ---
Du willst Einkommen "B" verdienen, nach Sozialabgaben vergleichbar mit "A" (EUR 18996 nach Sozialabgaben)

KK: 14% (klar gibt es billigere Angebote bei Privatkassen, abhängig von Alter/Geschlecht; klar, ich zahle weniger; aber nehmen wir das als Richtwert)
RV: 20% (wenn man nicht gesetzlich-rentenpflichtig wird, gibt es auf jeden Fall billigere Angebote, man spart ganz "für sich"; aber nehmen wir das als Vergleichswert)
Summe: 34%
Einkommen "B" minus 34% = B x (1-0,34) = 18996
Einkommen "B" = 28,782
(= was man als Freibrufler verdienen müsste, um das Einkommen von "A" zu erreichen, nach Abgaben aber vor Steuern)

--- Fall B2: Freiberufler, realistischer ---
Wie Fall B aber:
Andere Kosten (Haftpflicht, Rechtschutz, Computer, Software, Reise, Telefon, Internet, Zubehör) = ca. EUR 200 im Monat? = EUR 2400 im Jahr.
Urlaub = 5-6 Wochen im Jahr von 52 Wochen = ca. 10% Zuschlag

("B2" minus 44%) = 18996 + (EUR 200 x 12)
B2 x (1-0.44) = 21396
B2 = EUR 38,207

--- C: Angestellter, Bank --
Einkommen: 40,000
KK: 1/2 von 14 = 7% =
Rente: 1/2 v. 19,5 = 9.75%
ALV: 1/2 v. 6.5% = 3.25
Pflege: 1/2 v. 1.7% = 0.85
Summe = 20,85%

40,000 minus 20.85% = 40,000 x (1-0.2085)
= 31,660 nach Sozialabgaben, vor Steuern


Das Problem ist, dass die Stelle für ein Jahr befristet wäre, und der Text, den es zu übersetzen gilt, äußerst happig ist


Reizt dich das nicht ein wenig mehr, als z.B. die nächste Version von HalfLife 2 zu übersetzen? Wo deine Gebiete bei der Prüfung doch Wirtschaft und Recht waren... Man kann sich immer selbständig machen, aber Erfahrungen sammeln im jungen Alter gibt es nur begrenzt. Stell dir vor, du kannst in 2 Jahren "Bank YYY" in deinem CV erwähnen!

Michele



[Edited at 2005-06-02 17:06]


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Jan Born
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TOPIC STARTER
Sicher Jun 2, 2005

Michele Johnson wrote:


Reizt dich das nicht ein wenig mehr, als z.B. die nächste Version von HalfLife 2 zu übersetzen? Wo deine Gebiete bei der Prüfung doch Wirtschaft und Recht waren... Man kann sich immer selbständig machen, aber Erfahrungen sammeln im jungen Alter gibt es nur begrenzt. Stell dir vor, du kannst in 2 Jahren "Bank YYY" in deinem CV erwähnen!



Sicher reizt das. Was ich aber vielleicht noch dazu sagen sollte: Das Projekt bei der Bank ist die falsche Sprachrichtung, d.h. Deutsch - Englisch. Der Bank ist das egal, sie sagt, es kommt nicht so sehr auf die Sprache an... Ich halte das für gewagt. Außerdem ist der Text (es handelt sich um ein Projekt mit 1500 Seiten) nicht rein wirtschaftlich, sondern zu einem sehr, sehr großen Teil IT/technisch. Die Frage für mich ist nicht nur, ob es mich reizt, sondern auch, ob ich der Bank das bieten kann, was sie will. Und ob es mich nicht irgendwann in die Verzweiflung treibt.

Klar sähe es toll aus, den schönen Namen im Lebenslauf stehen zu haben. Aber wenn die Sache in die Hose geht, die Bank unzufrieden ist, oder ich unzufrieden bin, wie erkläre ich dann die Kündigung nach drei Monaten und das schlechte Zeugnis? (Schwarzmalerei, nicht unbedingt 100% ernst nehmen).

Außerdem: Bei deinen ganzen Zahlenspielen grad hab ich schon heftige Kopfschmerzen bekommen, soll ich da wirklich bei einer Bank arbeiten?


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Harry Bornemann  Identity Verified
Mexico
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30.000 Jun 2, 2005

Jan Born wrote:
...Langer Rede kurzer Sinn: Wie groß müsste mein Umsatz als Freiberufler im Jahr ca. sein, um auf das Niveau eines Angestellten mit 40.000 Euro im Jahr zu kommen?...


Unter Berücksichtigung von Urlaub, Krankheit und Feiertagen richte ich mich nach der Faustformel:
Stundenlohn = Stundensatz/1,3

Als Freiberufler kann man die Sozi-Versicherungen auch weglassen, weil sich die Krankenversicherung erst rechnet, wenn man eine Frau und 2 Kinder hat, die kostenlos mitversichert sind, oder wenn man sehr alt ist.

Aber solange du überhaupt noch Lust hast, unselbständig zu arbeiten, solltest du das vielleicht ausnutzen (um praktisches Know-how abzukucken)


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Aleksandra Kwasnik  Identity Verified
Local time: 11:03
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+ ...
Danke Michele ! Jun 2, 2005



Hier einige Beispielerechnungen:



Hallo Michele,

vielen herzlichen Dank für den äußerst informativen Denkanstoß! Deine Beispielrechnungen passten zufällig (- wie maßgeschneidert) auch zu meiner aktuellen Situation.

Aleksandra


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RWSTranslation
Germany
Local time: 11:03
Member (2007)
German to English
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Arbeitzeiten Jun 2, 2005

Hallo,

als Freiberufler bist Du Unternehmer auf dem Markt und wirst feststellen, dass Deine Kunden gerne mal folgendes Szenario durchspielen:

Freitag 17.00 Uhr: Hallo ich häte da noch eine kleine Präsentation, ca. 10 - 15 Seiten, brauchen wir dringend bis Montag früh.

--> Folgende Lösungen:

1. Ablehnen, Kunde suchtr sich einen anderen Übersetzer und man muss möglicherweise zukü+nftig mit weniger Aufträgen des Kunden rechnen

2. Annehmen
--> Man bekommt den Text, stellt fest, dass es 20 Seiten sind und diese auch schön klein geschrieben. Man kann das ganze Wochenende keine Fragen beim Auftraggeber stellen, auch bei Proz ist die Besetzung ausgedünnt, der Termin rückt näher. Am Montag früh ist man gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Der Kunde bedankt sich. Einen Tag später findet der Kunde ein paar Begriffe, von denen er meint, dass Sie nicht korrekt übersetzt wären, ......

Als Angestellter hat man ein durchaus ruhigeres Leben. Des weiteren kann man in entsprechend guten Firmen auch sehr viel lernen. Bei uns bewerben sich oft freiberufliche Übersetzer, die gleich nach der Ausbildung in die Selbständigkeit gegangen sind und auch mit vielen Berufsjahren noch die gleichen Fehler machen wie die Praktikanten, die wir manchmal von den Unis bei uns haben.

Überlege Dir lieber, was Du in 10 Jahren machen willst und welche Qualifikationen Du dafür benötigst. Dann gehe dahin, wo Du diese Qualifikationen erwerben kannst.

Viele Grüße

Hans


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