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\"Agovis\", Apostrophitis und der Mutter Zunge...
Thread poster: langnet

langnet  Identity Verified
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Nov 6, 2002

Frohe Botschaft kursiert im Land: demnächst wird wohl neben den wirklich unnützen Tasten für die Umlaute und das \"ß\" eine weitere zur frei verfügbaren Individualbelegung auf der Tastatur frei... Da kann man dann endlich auch dem Apostroph einen gebührenden Platz zuweisen, das Eintippen ist ja derzeit auch SO was von umständlich...



Mehr zum unaufhaltsamen Siegeszug der Leertaste unter:



http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,220999,00.html



Sehr schöne Anschauungsbeispiele für den korrekten Gebrauch des Apostrophs in der deutschen Sprache, die sich auch sehr schön für den Anfänger eignen, finden sich unter:



http://www.kapostropheum.de/

http://www.cc86.org/~hofmann/apostroph.htm



Der sprachwissenschaftlich Interessierte, der etwas mehr über die Grundlagenforschung erfahren möchte, kann sich hier über die Entstehungsgeschichte des (angel)sächsischen Genitivs informieren:



http://members.aol.com/apostrophs/genitiv.htm



Für die (bier)ernsthafte, wissenschaftliche Vertiefung des Themas stehen dem militanten Gegner der Rechtschreibreform und sprachlichen Verpanschung die Seiten des \"Vereins Deutsche Sprache\" (www.vds-ev.de) zur Verfügung. Da gibt es sogar Preise (o ja!) für bekannte Zeitgenossen, die sich besonders um die deutsche Sprache verdient gemacht haben. Hier einige besondere Würdigungen:



\"Klaus Zumwinkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post A. G.



One Stop Shopping, Global Mail, Fulfilment, Stampit, Postage Point, Freeway (ist nicht frei, wie die gleichnamige Autobahn in Kalifornien, kostet Gebühr!), Easytrade, Funcard Mailing ... So spricht die \"Deutsche\" Post. Sie nennt ihre Paketgrößen Small, Medium, Large und Extra Large und errichtet in Berlin ein Love Letter Building.



Dieser Unfug ist kaum zu übertreffen.\"



\"Dr. Peter Hartz, Vorsitzender der Regierungskommission zur Reform des Arbeitsmarktes



Wer Arbeit sucht, geht ins job center. Je nach business unit gibt es dort ein case management nach master plan. Wenn er Glück hat bei der quick-Vermittlung bekommt er ein bridging mit key account-Betreuung. Oder er hat Pech und wird zum job floater gemacht. Da läuft nichts ohne controlling, und wehe ihm, er weiß nicht, was benchmark oder step stone bedeutet.



Will hier jemand die Arbeitslosigleit in Schottland oder Australien

bekämpfen? Wie ist einem Arbeitslosen zumute, dem solche englischen Brocken um die Ohren gehauen werden?



Protest!\"



\"Peter Boide, Leiter der Herderschule Weimar



An seiner Schule hat er ein Begegnungszentrum für Weimarer Jugendliche eingerichtet. Name: Herderpoint for kids. Der Mann schaut in die Zukunft. So werden unsere Kinder der deutschen Sprache entwöhnt und die Grundlagen für die nächste PISA-Studie geschaffen.\"



\"Die Bundesanstalt für Arbeit



Sie ruft auf zum Girl\'s Day am 25. April 2002. Nach dem Valentine\'s Day und dem Kürbisfasching Halloween bekommen wir mit dem Girl\'s Day einen weiteren besonderen Tag aus den U. S. A. Nicht für „Heiße Girls\" oder „Girls ohne Tabu\", sondern ein „Zukunftstag\" für deutsche Mädchen von 10 bis 15 Jahren. Sie sollen an die Arbeitswelt herangeführt werden.



Im Internet gibt es zum Girl\'s Day die women ticker news, den news letter und andere messages, auch das Lizzy net und den Girl\'s Day content.



Protestieren Sie sofort!

Beim Girl\'s Day 2001 haben die Mädchen in Deutschland übrigens nicht mitgemacht.\"



\"Ulrich Lehner, Geschäftsführer der Firma Henkel



Die Werbetexter des Unternehmens haben einen neuen Spruch erfunden: A brand like a friend. Jeder denkt, es brennt im Hause Henkel.



Der Waschmittelhersteller rühmt sich, mit Persil „Millionen von Hausfrauen von der Fron des manuellen Wäschewaschens befreit\" zu haben. Sich selbst und uns „befreit\" er von der deutschen Sprache. Henkel bringt Plastikwörter wie liquits in Umlauf – kommt aus dem sprachlichen Niemandsland – oder anderen Unfug wie Back to the roots, Laundry and home care, Network for beauty and soul oder Technologies that make peoples\' lives easier, better and more beautiful.\"



Und als letzte, aber nicht zuletzt:



\"Bärbel Höhn, Ministerin für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen



In einem Faltblatt des Ministeriums wird die neue Agrarpolitik mit dem Spruch Get up vorgestellt. Die regionale Vermarktung heißt Home Run, die artgerechte Tierhaltung Easy Going. Gesundes Fleisch gibt es zur Happy Hour, Obst und Gemüse als Flower Power. Und die Landwirte werden \"Energiewirte\" und betreiben Modern Art. Warmherzige Werbung für die heimische Region, fürsorglicher Umgang mit Tieren und Planzen, aber kalte und verächtliche Behandlung der Muttersprache: Die Saure Sprachgurke für die grüne Ministerin, die uns ganz schön ver\"höhnt\"!\"



Mehr davon unter: http://vds-ev.de/denglisch/sprachpanscher/sprachpanscher00.php



Persönlich plädiere ich nachdrücklich für die Wiedereinführung der Todesstrafe!





Schönen Abend noch an alle, und immer alles schön locker sehen. Und rettet dem Dativ!



[ This Message was edited by: on 2002-11-07 13:19 ]


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Klaus Herrmann  Identity Verified
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Köstlich Nov 6, 2002

Danke, über sowas kann ich mich immer köstlich amüsieren. Bis der Ärger einsetzt...



War das nicht Ulrich Roski, der in den 70ern schrieb:



Die Kuh ist über\'n Fence gejumpt

und hat dabei den Benz gerammt



Das nenn\' ich Weitsicht.



Quote:


Und rettet dem Dativ!





Dem Dativ seine Zukunft ist sicher, wegen dem Genitiv seine Zukunft mach\' ich mir viel mehr Sorgen!

[ This Message was edited by: on 2002-11-06 19:17 ]

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3 in 1
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Kapostropheum Nov 7, 2002

Vielen Dank für die \"Link\'s\" []! Leider hatte ich nur wenig Zeit und konnte mir nicht alles ansehen, aber das Kapostropheum ist wirklich einfach köstlich. Es war mir auch immer schon ein Rätsel, auf welcher orthographischen Logik die Namen vieler (österreichischer) \"Café\'s\" [] basieren, wenn es zB heißt:

\"s\' Stöckl\", \"s\' Beisl\" oä. Wofür steht hier bitte der Apostroph? Vielleicht für das \"z\" vom \"scharfen\" S? Oder ist er einfach nur verrutscht?


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Steffen Walter  Identity Verified
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Danke für die linguistischen Offenbarungen, Claudia :-) Nov 7, 2002

...das Kapostropheum ist wirklich höchst amüsant (und gleichzeitig zum Heulen und Weglaufen).



Aber da wäre außer dem ubiquitären Apostrophenabusus und der Denglifizierung des Deutschen ja wohl noch ein Problem:



der Binde-Strich



Abgesehen von seiner vielfach seltsamen Verwendung anstelle eines Kompositums (siehe oben) wird er häufigst einfach fallengelassen und muss dann unter dem Tisch sein kärgliches Leben fristen:



Leih Handy (ich Dir auch! - ist das ein Imperativ nach dem Motto \"Ruf Mich An!\"?)



Miet(s) Haus (ist die Katze auch schon drin?)



Radar Fallen (wie tief fallen sie denn?)



IT Systeme (ja wat denn nu - IT oder Systeme? IT [Komma] Systeme?)



\"Die Bourne Identität\" (Titel eines noch nicht ganz unaktuellen Kino Film\'s [sic!])



Zum letzten Beispiel: Ist Euch schon mal aufgefallen, dass in der Werbung bzw. bei aus dem Englischen übernommenen (Film)titeln der Bindestrich sein Leben schon fast gänzlich ausgehaucht hat?



Fragen über Fragen... und keine Antworten

Aber: Kampf der Verhunzung!!



Steffen



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Jan Neersoe  Identity Verified
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Und ich dachte schon, ich wäre der Einzige... Nov 7, 2002

... den das aufregt. Wenn ich Übersetzungen aus dem Englischen korrigiere, könnt\' ich immer die Wände hochgehen, wenn ich Sachen wie \"Standard Installation\" oder \"Installations CD\" lese. Dat sieht doch nich aus!



Und zur Rettung von dem Genitiv : Man darf das nun auch nicht übertreiben, sonst bekommt man am Ende Ergebnisse wie bei einem Supermarkt hier um die Ecke -- \"Parken nur für Kunden während ihres Einkauf\'s\". Und hat\'s vor lauter Konzentration wieder vermasselt. Es ist eben ein ständiges Geben und Nehmen...



Grüße...



Jan



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Ralf Lemster  Identity Verified
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Moin, mein Lieber... Nov 7, 2002

Quote:


On 2002-11-07 09:25, Steffen Walter wrote:

...das Kapostropheum ist wirklich höchst amüsant (und gleichzeitig zum Heulen und Weglaufen).



Aber da wäre außer dem ubiquitären Apostrophenabusus und der Denglifizierung des Deutschen ja wohl noch ein Problem:



der Binde-Strich



Haste wieder nich von vorne jelesen, wa?

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Klaus Herrmann  Identity Verified
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Du sprichst mir aus der Seele, Steffen Nov 7, 2002

Ich wundere mich auch immer, wieso die Bindestriche so aus der Mode geraten. Fehlende Bindestriche entstellen den Wortsinn. Anderseits habe ich so oft gesehen, dass ganz konsequent auf Bindestriche verzichtet wurde, dass ich mich schon gefragt habe, ob das eventuell eine offizielle Änderung der Rechtschreibung ist, die mir durch die Lappen gegangen ist.



Das Dumme ist nur, dass sich diese Schreibweise soweit eingebürgert hat, dass ich schon darauf warte, gesetzte Bindestriche als Fehler angezeichnet zu bekommen



Ganz am Rande gefragt - wie kann man denn auf die Idee kommen Radarfalle in zwei Worten zu schreiben? Oder Mietshaus? Ist das jetzt eine neue Wortgruppe, Dekomposita? Einen zersetzenden Einfluß auf die Sprache haben sie ja...



So amüsant die Sprachschützer-Seiten auch sind, ich weiß nicht, ob ich alles, was ich so im Laufe des Tages lese, korrigiert zurückschicken sollte. Was - außer selber konsequent bei der richtigen Schreibweise zu bleiben - kann man also tun? Und, wenn\'s denn lange genug falsch geschrieben wurde, wird es dann irgendwann richtig?



Fragen über Fragen...



Genauso das Aussterben des Fugen-s - habe ich gestern abend doch \"querschnittgelähmt\" gehört. Da dreht sich mir einfach die Hörschnecke um. Und die Schreibweise \"Querschnitt gelähmt\" findet sich inzwischen auch schon...



Soweit mein (zugegebenermaßen etwas konzeptloses) Beklagen des Niedergangs der deutschen Sprache.

[ This Message was edited by: on 2002-11-07 14:41 ]


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Susanne Rosenberg  Identity Verified
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Aus Kostengründen eingespart... Nov 7, 2002

Quote:


On 2002-11-07 14:18, Klaus Herrmann wrote:



Soweit mein (zugegebenermaßen etwas konzeptloses) Beklagen des Niedergangs der deutschen Sprache.







Konzeptlos oder nicht, Klaus, dein Beklagen ist ja auf jeden Fall berechtigt. Übrigens haben sich schon ein paar andere Leute einige \"Kleinigkeiten\" dieser Art unter die Lupe genommen: http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/RS-DUDEN.HTM

(für diejenigen, die noch mehr konkrete Beispiele brauchen)



Ach, und ganz nebenbei bemerkt: Was wird nun aus den so beliebten Doppelnamen? Muss Herr Müller-Lüdenscheid demnächst auch auf seinen Bindestrich verzichten?

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schmurr  Identity Verified
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Klaus schrieb: Nov 7, 2002

\"Und, wenn\'s denn lange genug falsch geschrieben wurde, wird es dann irgendwann richtig?\"

- ich fürchte ja, denn das war bisher das Prinzip der Rechtschreibreformer…

Und die Schreibweise \"Querschnitt gelähmt\" folgt lediglich der \"Logik\" der neuen Regel für Ausdrücke wie \"Angst einflößend\", die aber in Wirklichkeit als 1 Wort gedacht sind, wie z. B. \"gesundheitsfördernd\" beweist!


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Ralf Lemster  Identity Verified
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LOL Nov 7, 2002

Quote:


Ist das jetzt eine neue Wortgruppe, Dekomposita?




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Endre Both  Identity Verified
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Lassen wir dem doch Zeit-Geist seinen Lauf... Nov 7, 2002

...etwas anderes bleibt uns ohnehin nicht übrig.



Quote:
Und, wenn\'s denn lange genug falsch geschrieben wurde, wird es dann irgendwann richtig?




Wenigstens auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort, Klaus : JA.



Bekanntlich bin ich auch sehr konservativ, und ich störe mich schon lange an fehlenden Bindestrichen und der Apostropheninflation.



Aber wenn meine Kinder das von der Werbung bis zu den Plakaten überall sehen werden, wird ihnen irgendwann meine Schreibweise merkwürdig vorkommen. So ändert sich Sprache eben, da können sich die Duden-Redakteure (und wir alte Sprachhandwerker) noch so verzweifelt die Haare raufen.



Wobei selbt das Amtliche Regelwerk mittlerweile den Rückzug angetreten hat:



Quote:
§ 97

...

E: Von dem Apostroph als Auslassungszeichen zu unterscheiden ist der gelegentliche Gebrauch dieses Zeichens zur Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens vor der Genitivendung -s oder vor dem Adjektivsuffix -sch:



Carlo\'s Taverne, Einstein\'sche Relativitätstheorie





Uschi\'s Waschsalon ist also bereits amtlich sanktioniert. Und ich fürchte, das ist nur der Anfang.



Ich habe heute übrigens auf einem Plakat einen Sitzungs Präsidenten gesehen . Ich hege die Hoffnung, dass sich so etwas doch nicht durchsetzen wird.

[ This Message was edited by: on 2002-11-08 07:44 ]

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Klaus Herrmann  Identity Verified
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Ich bin 35, und der Dinosaurier... Nov 7, 2002

Ja, die Fernsehwerbung für einen namhaften deutschen Versicherungskonzern war wohl anders gemeint, aber natürlich hat Endre Recht. Wenn man genau hinschaut, regen wir uns natürlich auch deswegen auf, weil wir irgendwann die Dummen sind...



Ich wollte nur noch einen Link mit einem ganz interessanten (und irgendwo versöhnlichen) Aufsatz nachtragen:



http://www.joern.de/tipsn133.htm





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Geneviève von Levetzow  Identity Verified
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Sprachwandel Nov 7, 2002

Hallo,



nachdem ich alle Euere Beiträge gelesen hatte, wollte ich den sehr wichtigen Punkt des Sprachwandels erwähnen. Und siehe da... Hallo,



nachdem ich alle Euere Beiträge gelesen hatte, wollte ich den sehr wichtigen Punkt des Sprachwandels erwähnen. Und siehe da... Klaus hatte die passende Quelle. Deswegen lieber Auszüge daraus.

Und dass Menschen unbedarft einen Fremdwortschatz [ob aus einer Fremdsprache oder aus einem Fachgebiet] übernehmen, hat es in jedem Kulturkreis immer gegeben. Ich denke noch an \"Le bourgeois gentilhomme\" de Molière. Es ließen sich mehr Beispiele finden. Imponiergehabe, Faulheit, Unbedarftheit...



Und da sind die Auszüge:

-------------------------------------------

Und damit bin ich bei meiner zentralen These: Was wir als Sprachverfall wahrnehmen ist der allgegenwärtige Sprachwandel, aus der historischen Froschperspektive betrachtet. Wir beobachten die Sprache punktuell durch ein schmales Zeitfenster und erkennen in diesem begrenzten Ausschnitt notwendigerweise jede Menge Fehler und Barbarismen. Die systematischen Fehler von heute sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen. Ich will versuchen, dies an einer Reihe von Beispielen zu belegen und zu veranschaulichen.



Damit sind wir an einem Punkt, der ausschlaggebend sein könnte für die verbreitete Ansicht, die Sprache gehe allmählich zugrunde: Jede Veränderung einer Konvention beginnt notwendigerweise mit deren Übertretung, und Übertretungen sprachlicher Konventionen nennt man „Fehler“. Wenn der Fehler schließlich zum allgemeinen Usus geworden ist, dann hat er aufgehört, ein Fehler zu sein und eine neue Konvention ist entstanden. Solange das Präteritum des Verbs schrauben noch schrob lautete, machte der, der schraubte sagte, einen Fehler. Heute machen wir alle diesen „Fehler“ und genau deshalb ist es keiner mehr. (Erhalten geblieben ist uns nur noch die starke Form des Partizips von verschrauben in seiner metaphorischen Bedeutung: verschroben.)



Die systematischen Fehler von heute sind die neuen Regeln von morgen. Die folgende Analogiebildung geschah offenbar bereits gestern: Der Genitiv des femininen Substantivs die Nacht heißt bekanntlich der Nacht, auf keinen Fall jedoch des Nachts. Dennoch hat sich des Nachts eingebürgert analog zu den semantisch ähnlichen Ausdrücke des Morgens, des Mittags und des Abends, die allesamt Maskulina sind. Hier ist die Analogieform mittlerweile voll akzeptiert, im Falle von diesen Jahres befindet sich die Sprachkonvention gerade im Umbruch.

-------------------------------------------

Schönes Wochenende an alle



Geneviève


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Ralf Lemster  Identity Verified
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Noch was Hübsches... Nov 7, 2002

Hierzu passt vielleicht ein Artikel von Max Behland, der in der letzten Ausgabe der \"Sprachnachrichten\" des Vereins Deutsche Sprache vds-ev.de/verein/sprachnachrichten/sn2002-03.pdf veröffentlicht wurde. Bisschen lang fürs (für\'s?? ) Forum, ich weiß - aber ich find\'s einfach Klasse...



Auf der Achse des Blöden:

Blow up – calm down



Ein Text, der mit Anglizismen aufgeblasen ist, hat denselben Effekt wie ein gutes Gespräch aneinander vorbei



Fast 80 Prozent der Deutschen sind nicht in der Lage, den abendlichen Fernsehnachrichten uneingeschränkt zu folgen. Die meisten der Zuschauer haben die Schule besucht, als Pisa noch nichts Schlimmeres war als der Name einer italienischen Stadt und sich die Schieflage nur auf deren Kirchturm beschränkte. Nur jeder sechste Deutsche spricht – mehr oder weniger virtuos – Englisch. Die Kenntnis anspruchsvollerer angelsächsischer Vokabeln tendiert gegen Null.



Trotzdem ist der deutsche Alltag mit Anglizismen aller Art belastet, die bei den Lesern und Hörern nicht ankommen. Sieben von zehn Deutschen erkennen in dem geschriebenen Wort „Highlight“ nur Hick-lickt, können sich also nichts darunter vorstellen.



In solcher Situation zeugt es von nachgerade selbstzerstörerischem Mut, wenn Unternehmen ihre Kunden mit Begriffen wie „Agency Securities Lending“, „Private Equity“ oder auch nur „Homebanking“ und „Asset Management“ beglücken. Schlimmer noch, wenn sie ihnen von „Client-Ralationship-Managern“ (also schlicht: Kundenbetreuern) „Prime Brokerage“ und „Risk Methodology Trading“ um die Ohren hauen lassen. All das legt die Vermutung nahe, dass sie die „Customer-Behaviour“-Analysen nicht richtig zu deuten wissen und wahrscheinlich Global Debt mit Global-Depp verwechseln.



In letzter Zeit sind immer mehr Marketingabteilungen großer Unternehmen, vor allem in der Konsumgüter-Industrie, von Kommunikations-Dilettanten unterwandert worden; diese Leute haben fast alle Informationen mit einem anglophonen Sprachmix aufgequirlt, sodass bei den Kunden oder Verbrauchern fast nichts mehr verständlich ankommt. Sie missachten den ersten Grundsatz der Kommunikation: Es ist völlig egal, was jemand mitteilt – wichtig ist allein das, was beim Empfänger ankommt.



Manche Anglizismen-„User“, deren „Brain Capacity“ nur zum Nachbeten (Recyceln) ebenso abgedroschener wie falscher Argumente reicht, wärmen gern die Begründung auf: Die Welt werde immer internationaler; Englisch sei die globale Sprache; also kämen wir nicht daran vorbei, Englisch zu sprechen. Schön wär’s! Kaum einer, der sich exzessiv an Anglizismen berauscht, kann deren Bedeutung präzise erläutern. Und nur wenige sind in der Lage, über ihr eigenes Fachgebiet in fehlerfreiem Englisch zu referieren, geschweige denn drei Sätze von Shakespeare oder Faulkner ins Deutsche zu übertragen.



Eine reizvolle Kreation ist die „Roadshow“; sie trägt ihren Namen nicht etwa deshalb, weil ein Vorstand eine Schau abzieht; und der Begriff „road“ ist ein Scherz der Veranstalter, weil die Show gerade nicht unterwegs, sondern vorzugsweise in geschlossenen Räumen stattfindet. Unerlässlich für die „Performance“ ist natürlich der Event-Manager, eine hochtrabende Berufsbezeichnung, hinter der sich im angelsächsischen Sprachgebrauch vor allem der Schiffschaukelbremser auf dem Jahrmarkt verschanzt.



So zieht sich in den Unternehmen die Achse des Blöden durch alle Ebenen der Hierarchie. Da wird geworben mit Business-Travel oder Icecream, die „spoonable“ sein muss; „go for it“ und „give life“, „go create“ und „leading to results“, schließlich mit allen Arten von „Centers“ – vom Call Center über das Assessment Center bis zum Frische-Center auf dem Hauptbahnhof, also dem WC. Die Kunden mutieren zu „Clients“, zu „Large Caps\" und „Mid Caps\" oder „Multinationals\" und werden dann mit „Tools\" bearbeitet wie Hackfrüchte. Wer sich früher ums Personal kümmerte, also um Menschen, beschäftigt sich jetzt mit Human-Resource-Management und schreckt nicht einmal zurück vor der lehn-übersetzten Vokabel Humankapital; von da ist es dann nicht mehr weit zum menschenverachtenden Begriff Menschenmaterial.



Bei Unternehmensberatern ist besonders das Kick-off-meeting beliebt – ein entlarvender Begriff, weil doch am Ende auch wieder ein Kick-off steht, der Rausschmiss von Mitarbeitern: die dann den echten Kick-off erleben: out-gesourct, down-gesizt und off-gekickt – oder ge-kickofft.





© Max Behland



[ This Message was edited by: on 2002-11-07 20:10 ]


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langnet  Identity Verified
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Member (2002)
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TOPIC STARTER
Wow, Nov 7, 2002

...mir ging es ja eigentlich nur um den Bindestrich und drüber dann ums Apostroph usw...



Aber schön, daß mein kleiner (?) Beitrag so eine lebhafte Diskussion ausgelöst hat, und vor allem: ICH BIN NICHT ALLEIN )))



Ralfs Beitrag läßt mich hoffen: auch in Zukunft wird man als Übersetzer von Englisch-Deutsch wohl nicht arbeitslos (obwohl ich diese Sprachkombination nur sekundär behandle). Aber es freut mich vor allem für die \"Vollblut-Kollegen\" in dieser Sprachrichtung.



Ich habe mich schon oft gefragt, woran es liegt, daß wir im Deutschen so viele Anglizismen haben vielleicht, weil die beiden Sprachen recht eng miteinander verwandt sind (obwohl ich da in Hinblick auf die romanischen Sprachen nicht so überzeugt davon bin, aber das ist ein anderes Thema).



Auf jeden Fall, in anderen europäischen Sprachen (Paradebeispiel Französisch, wo es ja sogar ein Gesetz gibt, das \"französische\" Ausdrücke für Fremdwörter neueren Ursprungs vorschreibt) ist die Überflutung mit Anglizismen nicht so extrem wie im Deutschen. Im Italienischen z.B. hält sich das einigermaßen in Grenzen, allerdings wohl auch und gerade aufgrund der Tatsache, daß die grammatikalische Struktur ziemlich identisch mit dem Englischen ist und sehr sehr viele Begriffe auf einen lateinischen Ursprung zurückgeführt werden können (ist aber nur meine Vermutung). In Italien ist es mit den Englischkenntnissen übrigens noch schlechter gestellt als (Ralfs Beitrag zufolge)in Deutschland, d.h. wer Abitur hat, muß nicht unbedingt Englisch zumindest in dem Umfang können, daß er normale - nicht die einfache Sorte, aber auch nicht die anspruchsvollen - Texte versteht. Von Sprechen ganz zu schweige. Das hängt mit dem Schulsystem zusammen, in dem 2 Fremdsprachen nicht Pflicht sind (bzw. waren, es hat sich da einiges getan, aber darüber weiß ich nicht leider zuviel). Dafür gibt es aber ganz tolle Anglizismen, von den die \"Angelsachsen\" in ihrem Leben noch nichts gehört haben, z.B. \"footing\" für \"jogging\"...



Die Frage, die ich mir schon oft gestellt habe, ist: \"warum eigentlich so viel Englisch\"? Meine Theorie ist ganz einfach: weil es so \"einfach\" ist... Sich was eigenes, einprägendes und \"wohlklingendes\" zu überlegen, ist halt alles andere als einfach. Also, das soll jetzt nicht in die sprachpuristische Ecke gehen und zu Ergebnissen wie \"Gesichtserker\" (interessanter Versuch )anstelle von \"Nase\" führen, aber ich habe mal was über die linguistische Dynamik gelernt, das jede Sprache mit ihren Mitteln in der Lage ist, alles auszudrücken... Haben wir heute etwa nicht mehr genug \"Phantasie\" oder \"Sprachschöpfungskraft\"???



Das andere, was ich auch immer sage (Ralfs Beitrag), ist: mein Gott, die wenigsten können (so gut) Englisch oder zumindest soweit, daß sie sich einigermaßen durchwursteln können. Diese Menschen müssen sich ja minderwertig oder \"hinterwäldlerisch\" vorkommen bei dem ganzen denglischen Geschwätz, obwohl sie es gar nicht sind...

Auf keinen sollte man englische Begriffe in der deutschen Sprache verdammen, die \"Zuwanderung\" von fremdsprachlichen Begriffen hat immer zur Entwicklung einer Sprache gehört. In vergangenen Jahrhunderten waren es Latein, Französisch und Italienisch (in der Wirtschaftssprache), heute ist es Englisch. Aber es kommt immer auf das richtige Maß an, und man kann es auch übertreiben... Stimmt schon: zuviel \"Financial Times\" gelesen und darüber \"der Mutter Zunge\"verlernt )))



Tipp- und Rechtschreibfehler u.dgl. sind diesmal gratis für alle, habe es eilig und daher in die Tasten gehauen, als wäre der Teufel hinter meiner Seele her...



Grüße!







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