Deutsch zum Abgewöhnen – vom Rom-Korrespondenten
Thread poster: Stephanie Wloch

Stephanie Wloch  Identity Verified
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Jan 31, 2007

Schlechtes, hölzernes Deutsch und katastrophale Zeichensetzung in einer Tagesschau-Meldung. Hatte ich nicht gerade erwartet. Schon länger fällt mir auf, dass Journalisten ihre übersetzerischen Fähigkeiten überschätzen. Jörg Seisselberg sitzt im ARD-Hörfunkstudio in Rom und schreibt solche Sätze wie:

- "Im Laufe der Beziehung mit meinem Mann", schreibt Veronica Berlusconi, "habe ich mich entschieden, keinen Platz für Ehekonflikte zu lassen, auch als seine Verhaltensweisen dafür die Voraussetzungen geschaffen haben".(Die Welt: auch wenn sein Verhalten dazu Anlass gab)
- "Mit Schwierigkeiten", schreibt Signora Berlusconi in ihrem offenen Brief, gebe sie die Zurückhaltung auf, die sie in den 27 Jahren an der Seite eines "öffentlichen Menschen, Unternehmers und später bekannten Politikers",ausgezeichnet habe.
- "das Beispiel einer Frau geben, die fähig ist, ihre Würde im Verhältnis zu Männern zu schützen".
- Darin lobt er Veronica als "eine besondere Frau" und "wunderbare Mutter", die ihn nie habe schlecht aussehen lassen. (in der SZ und sogar im Express steht: sie hat mich niemals blamiert)
http://tinyurl.com/2pchl3

Kann sich die ARD keine Übersetzer leisten? Und warum liest da keiner mehr drüber?

Rätselnde Grüße
Steffi


[Edited at 2007-01-31 16:39]


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Claudia Krysztofiak  Identity Verified
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Tagesschau.de - da guckst du Jan 31, 2007

Steffi, schau dir mal die Seiten von Tagesschau.de an. Die wimmeln nur so von unfertigen Sätzen, Schreibfehlern und schlechter Grammatik.

Die öffentlich-rechtlichen meinen eben, sie müssten alle Medien mit dem vorhandenen Personal bedienen. Aber keine Sorge: Sobald die neuen GEZ-Gebühren für Internet-fähige Rechner so richtig eintrudeln, können sie sich auch mal wieder Lektoren leisten ...


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Gert Hirschfeld  Identity Verified
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Schnell, schnell, man versteht schon den Sinn... Feb 1, 2007

Rechtschreibung und sprachtreue Formulierung scheinen der Vergangenheit anzugehören. Der gute Mann von der Tagesschau würde, darauf angesprochen, vermutlich verwundert dreinschauen und äußern, er habe doch das Rechtschreibprogramm von MS Word benutzt und dieses habe keinen Fehler gefunden.

Hierzulande wird es immer schlimmer und selbst Büroangestellte, deren Aufgabe der Schriftverkehr ist, verschicken massenweise fehlerhafte Schreiben. Damit nicht genug, findet man seit ein paar Jahren selbst in den großen Tageszeitungen plötzlich immer mehr Schreibfehler, die nicht als Tippfehler einzustufen sind.

Ich selbst wurde kürzlich als Translater betitelt - frei nach dem Motto "wie's klingt, so schreibt man es"

Good knight & C U lator!

[Edited at 2007-02-01 12:18]

[Edited at 2007-02-01 12:24]


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Matthias Quaschning-Kirsch  Identity Verified
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Kahm daun Feb 1, 2007

Solche Fehler passieren eben, wenn man in einem Tempo Texte produziert, in dem andere simultan dolmetschen. Und wenn wir zur Abwechslung mal ein bißchen ehrlich sind, müssen wir doch eigentlich zugeben, daß die Erwartungshaltung, die zu solchen Auswüchsen führt, uns auch nicht immer so ganz fremd ist. Nicht nur in dem Sinn, daß das Internet als Ingebriff der allgemeinen Beschleunigung das Medium ist, in dem wir oft arbeiten. Natürlich wollen wir darüber hinaus von den Medien wenigstens manchmal auch möglichst noch schneller über alles anscheinend oder scheinbar Wichtige informiert werden, als unsere Kunden beliefert werden wollen. Und das will ja was heißen.

Klar sind solche Fehler (allen voran "eines von Berlusconis meistgehassten Blättern"; das ist regelrecht sinnentstellend) grauslich, und wenn ein Übersetzer, der für einwendfreie Übersetzungen bezahlt wird, sie gemacht hätte, dann hätte ich mich auch aufgeregt. Aber wenn man mir meine Texte mit diesem Tempo aus den Fingern reißen würde, sähen sie häufig auch nicht viel anders aus.

Dietrich Bonhoeffer hat übrigens mal im Gefängnis gemäkelt, die Zeit werde leider immer schnellebiger. Wo man sich früher mit einem guten Buch hingesetzt habe, lese man heute meist bloß noch Zeitung. Ach, wenn der Gute wüßte...

Gruß
Matthias


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Barbara Wiegel  Identity Verified
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Heimatschutz Feb 1, 2007

Tuliparola wrote:

Kann sich die ARD keine Übersetzer leisten? Und warum liest da keiner mehr drüber?



[Edited at 2007-01-31 16:39]


Das Heimatschutz-Ministerium der USA ist auch auf dem Mist von ARD und ZDF gewachsen - da würde ich einen nicht unbeträchtlichen Geldbetrag drauf verwetten. Wahrscheinlich hat einer der einschlägigen US-Korrespodenten in der berühmten Einstellung mit dem Weißen Haus im Hintergrund aus der "la meng" (wie der Sachse sagt) kurzerhand aus "homeland security" "Heimatschutz" gemacht und schon war ein guter Kandidat für das Unwort des Jahres geboren. Es merkt irgendwie nur keiner...
Come on, HEIMATSCHUTZ - wo sind wir denn? In Bayern auf der Alm?

Dabei verwendet sogar die US-Botschaft in Berlin den Begriff "US-Ministerium für Innere Sicherheit".

Sicherlich gibt es noch jede Menge solcher Beispiele, aber das ist der Begriff, der mir sofort beim Lesen von Steffis Beitrag eingefallen ist.

Weiterhin frohes Schaffen,
Barbara


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Steffen Walter  Identity Verified
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Um Entschuldigung bitten - wer wen? Feb 1, 2007

Tuliparola wrote:
- "Im Laufe der Beziehung mit meinem Mann", schreibt Veronica Berlusconi, "habe ich mich entschieden, keinen Platz für Ehekonflikte zu lassen, auch als seine Verhaltensweisen dafür die Voraussetzungen geschaffen haben".(Die Welt: auch wenn sein Verhalten dazu Anlass gab)
- "Mit Schwierigkeiten", schreibt Signora Berlusconi in ihrem offenen Brief, gebe sie die Zurückhaltung auf, die sie in den 27 Jahren an der Seite eines "öffentlichen Menschen, Unternehmers und später bekannten Politikers",ausgezeichnet habe.
- "das Beispiel einer Frau geben, die fähig ist, ihre Würde im Verhältnis zu Männern zu schützen".
- Darin lobt er Veronica als "eine besondere Frau" und "wunderbare Mutter", die ihn nie habe schlecht aussehen lassen. (in der SZ und sogar im Express steht: sie hat mich niemals blamiert)


Und noch ein grober Schnitzer, der den Sinn ins Gegenteil verkehrt:

"Die Äußerungen vom Wochenende aber, formuliert eine offensichtlich zutiefst getroffene Veronica Berlusconi, verletzten ihre Würde als Frau. Sie bitte Ihren Ehemann daher öffentlich um Entschuldigung."

Wie jetzt? Sie entschuldigt sich bei Ihrem Ehemann [sic! wessen Ehemann denn nun? wer ist die unsichtbare Dritte?] für sein unmögliches Verhalten?

Sachen gibts...

Viele Grüße
Steffen

[Edited at 2007-02-01 08:28]


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Leena vom Hofe  Identity Verified
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nicht nur korrespondenten... Feb 1, 2007

Guten Morgen liebe Kollegen!

Auffällig ist ja auch, dass es nicht nur den Korrespondenten gelingt, unsere Sprache zu "verhunzen", sondern auch die Sprecher (bzw. Texter) von Tagesschau und Co. das Sprachregister ganz schön niedrig ansetzen, mittlerweile...

So ist es doch bald wahrscheinlich nicht mehr so ungewöhnlich, zu hören, in Bagdad sei eine Bombe "hochgegangen" (obwohl ich sagen muss, dass ich und sogar mein Göttergatte, der unserer Branche nicht angehört, deutlich zusammengezuckt sind, als wir vor einigen Wochen eben jenen Ausdruck in der Tagesschau hörten!).

Auch das "in 2006" ist mittlerweile schon so normal geworden, dass meine Umgebung sich nicht einmal mehr sträubt, auf diese "Kurzform" zuzugreifen. In den Nachrichten ist das durchaus auch zu hören...

Ein weiteres Beispiel schwebt mir im Kopf, wurde auch von Max Goldt schon mal bemerkt: "deutlich machen" "Frau M. machte deutlich..."

Soviel zum Thema: Tagesschau-Sprecher könnten ja eine Art "Sprachvorbild" sein, wie in England die Radiosprecher... damals...als die Welt noch in Ordnung war...

(Vielleicht liegt das alles aber auch an dieser unseligen Umfrage, die vor ein paar Wochen durch die Medien geisterte: Die Zuschauer der Tagesschau verstehen jedes 5. Wort nicht, oder war es andersherum? Sie verstehen nur jedes 5. Wort...?)

Woran das wohl liegt?

Schöne Grüße und "macht" Euch einen schönen Tag!
Leena


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