Freiberufliche Tätigkeit neben Übersetzer-Anstellung - wird so etwas akzeptiert?
Thread poster: Jonas_Je
Jonas_Je
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Jun 17, 2008

Hallo,

ich bin seit einer Weile als freiberuflicher Übersetzer tätig und bin das auch schon seit einigen Semester neben dem Studium. Dieses neigt sich nun dem Ende zu, und da meine monatlichen Umsätze noch schwanken (von ziemlich ordentlich bis dürftig), denke ich darüber nach, wie ich in der ersten Zeit nach dem Studium dazuverdienen kann. Die finanziellen Belastungen (Krankenversicherung) sind ja nicht ohne.

Kann jemand aus Erfahrung berichten oder einschätzen, inwiefern es möglich ist, bei einer Anstellung (Vollzeit oder auch Teilzeit) in einem Übersetzungsbüro als Übersetzer oder Projektmanager nebenbei weiterhin freiberuflich tätig zu sein? Oder ist ein Nebenverdienstverbot denkbar oder gar üblich in unserer Branche? Mir geht es einfach darum, meinen Kundenstamm nicht aufzugeben (auch wenn er noch überschaubar ist), zumal ich bei einer Tätigkeit als Projektmanager in einem Büro üblicherweise keine Übersetzungen machen würde. Genau das muss ich aber tun, um mich weiterzuentwickeln.

Momentan denke ich darüber nach, mich für eine Vollzeitstelle als Übersetzer (in diesem Fall nicht einem Übersetzungsbüro) zu bewerben. In dem Fall ist es sicherlich noch schwieriger einzuschätzen, ob man mir mit einem Nebenverdienstverbot ankommen würde.

Sollte das freiberufliche Übersetzen als Nebentätigkeit aus Sicht des Arbeitgebers bei einer Anstellung in unserer Branche nicht akzeptabel sein, würde ich mich gezwungenermaßen umorientieren und eher nach einer Halbtagsstelle für Büroarbeiten Ausschau halten - das wäre dann eine weniger interessante Arbeit, aber immerhin eine sichere Einnahmequelle, die sich mit dem Übersetzen kombinieren ließe.

Ich würde mich über Meinungen und Erfahrungen zu diesem Thema sehr freuen und bedanke mich vorweg.

Jonas


[Subject edited by staff or moderator 2008-06-17 20:12]


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RobinB  Identity Verified
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Nur sehr begrenzt möglich Jun 17, 2008

Hallo Jonas,

eine nebenberufliche Tätigkeit als Übersetzer dürfte eigentlich nur zulässig sein, wenn du z.B. in anderen Sprachpaaren bzw. Fachgebieten als der Arbeitgeber übersetzerisch tätig bist.

Oder ist ein Nebenverdienstverbot denkbar oder gar üblich in unserer Branche?


Durchaus denkbar und üblich, wenn du im gleich Markt arbeitest wie der Arbeitgeber. Auch das Gesetz verbietet das. Falls du aber z.B. bei einer Lokalisierungsfirma angestellt bist und du nebenberuflich Romane oder Schulbücher übersetzt, kann das der Arbeitgeber schwer verbieten. Aber falls du nebenbei Texte übersetzt, die dein Auftraggeber auch als Auftrag übernehmen würde (auch z.B. in Hinsicht auf deine eigenen Fähigkeiten) kommt eine Nebenbeschäftigung überhaupt nicht in Frage. Und natürlich stellt eine heimliche Nebenbeschäftigung dieser Art einen sofortigen Kündigungsgrund dar.

Als Grundsatz gilt: Man darf nicht mit dem eigenen Arbeitgeber konkurrieren!

Robin


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Harry Bornemann  Identity Verified
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Alles Verhandlungssache Jun 17, 2008

Hi Jonas,

akzeptiert wird was du durchsetzt bzw. aushandelst.

In der Regel wirst du kein Konkurrent deines Arbeitgebers:

1.) weil Agenturen einen anderen Aufgabenschwerpunkt haben als einzelne Freiberufler (Großprojekte und Full-Service im Vergleich zu einfachen Übersetzungen oder Korrekturen), und

2.) weil es zu viele Agenturen gibt, als dass du deinem Arbeitgeber ausgerechnet seine Stammkunden wegschnappen müsstest.

Aber es würde sicher eine Konkurrenz um deine Arbeitskapazität entstehen:
Die meisten Agenturen sehen es gern, wenn man seine gesamte Energie (10- bis 12-Stunden-Tag, insbesondere für Projektmanager) ihnen allein widmet; manche versuchen das auch vertraglich durchzusetzen. (Wenn du keine Kinder aus dem Kindergarten abzuholen hast, kannst du dich auch kaum vor Überstunden drücken.)

Aber selbst wenn du es schaffst, meistens mit 6 bis 8 Stunden pro Tag aus dem Laden rauszukommen, bleibt dir nicht mehr viel Zeit und Energie für freiberufliche Projekte, außer für so kleine, die sich kaum lohnen.

Daher würde ich eher empfehlen 1-3 Jahre Vollzeit in einer Agentur zu arbeiten um Erfahrungen zu sammeln und ein finanzielles Polster für Durststrecken anzulegen und sich dann erst selbständig zu machen.

Viel Spaß,

Harry

[Edited at 2008-06-17 21:53]


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Sonja Biermann  Identity Verified
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Harry hat Recht Jun 18, 2008

Ich kann nur bestätigen, was Harry sagt. Bevor ich mich als Freiberufler selbstständig gemacht habe bzw. ins Ausland gegangen bin, habe ich mehrere Jahre in einem Fachübersetzungsbüro gearbeitet. Überstunden waren quasi nicht zu vermeiden (als Ablehnungsgrund galten nur Krankheit, Tod oder Hochzeit, ansonsten drohte eine Abmahnung) und persönliche oder berufliche Entwicklung waren auch nicht gerne gesehen (was ja eigentlich Quatsch ist). Ich hatte mit einer amerikanischen Kollegin einen Übersetzungsworkshop organisiert, den wir jedoch heimlich abhalten mussten, da es tausend Gründe für Überstunden gerade an diesem Tag gab. Jeder, der am nächsten Tag müde wirkte, wurde der heimlichen Nebenarbeit verdächtigt.

Um evtl. Bemerkungen vorzugreifen: Nein, ich leide nicht an Paranoia. Als Ausgleich habe ich am Wochenende in einer Cocktailbar gearbeitet, quasi zur mentalen Hygiene, aber auch das war nicht gerne gesehen. Das Büro bestand neben den Verwaltungsmitarbeitern aus bis zu 10 festangestellten Übersetzern und Dolmetschern, war also nicht so ganz klein.

Erkundige dich doch mal beim Arbeitsamt, ob es Zuschüsse für Existenzgründer gibt. Dann sollte es doch eigentlich kein Problem sein, dich mit deinem bestehenden Kundenstamm direkt selbstständig zu machen. Alles andere ist "learning by doing".


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Jonas_Je
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TOPIC STARTER
Keine einfache Entscheidung Jun 18, 2008

Vielen Dank für eure interessanten und hilfreichen Antworten!

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es lehrreich wäre, eine Weile als Angestellter in einem Übersetzungsbüro tätig zu sein. Ich denke auch, dass es zeitlich schwierig wäre, noch nennenswert Aufträge freiberuflich anzunehmen.

Nun sieht es bei mir so aus, dass ich vor meinem Studium bereits vier Jahre als Angestellter gearbeitet habe - einschließlich meiner kaufmännischen Berufsausbildung. Immerhin habe ich in der Zeit gelernt, wie die Arbeits- und Angestelltenwelt funktioniert, wie ich richtig kalkuliere, meine Buchführung mache, mich präsentiere und vermarkte. Ich muss sagen, dass sich mein Interesse an einer Festanstellung vielleicht auch deshalb eher in Grenzen hält.
Ich will damit sagen, dass ich sie nicht für so zwingend notwendig halte wie für jemanden, der bislang "nur" Schule und Studium kennen gelernt hat.

Ein gewisses finanzielles Polster ist bei mir vorhanden, weil ich mit meinem Ziel vor Augen jahrelang gespart habe.

Was mich bei einer Anstellung in Vollzeit ein wenig stören würde, wären im Wesentlichen zwei Dinge: 1) Müsste ich klären, ob ich wirklich als Übersetzer aktiv wäre. Ehemalige Mitstudenten, die heute in Übersetzungsbüros arbeiten, werden meistens als Projektmanager angestellt. 2) Sehe ich da wirklich das Problem, dass ich erst am Ende des Angestelltenverhältnisses aktiv Kunden akquirieren und mich wieder bei Agenturen als freiberuflicher Mitarbeiter bewerben kann. Wie lange das alles dauern kann, habe ich in den letzten ca. 7 Monaten besonders gemerkt, als ich zahlreiche Bewerbungen an Agenturen geschrieben habe. Bis die Probeübersetzungen gemacht, die Informationsbögen ausgefüllt sind etc. vergeht schon etwas Zeit, und dann ist es auch nicht sicher, wann und wie häufig Aufträge kommen.

Die Frage ist also insbesondere, inwiefern ich eine Nebentätigkeit durchsetzen könnte. Ganz darauf zu verzichten, würde bedeuten, die mehr als ein Dutzend Agenturen anzuschreiben, in deren Karteien ich es mittlerweile geschafft habe (immerhin schon als Student) - und mich dort wieder austragen zu lassen. Kein schöner Gedanke.

Momentan habe ich ein Unternehmen im Auge, das einen Übersetzer ausschließlich für unternehmensinterne Übersetzungen sucht. Vielleicht ist es da realistischer, das Übersetzen als Nebentätigkeit beizubehalten, auch wenn es zeitlich sicherlich nur eingeschränkt möglich wäre.

Ansonsten tendiere ich zu einer Halbtagsstelle, möglicherweise als Bürokraft, zumal dann noch einigermaßen Zeit für das freiberufliche Übersetzen bliebe.

Nochmals danke für eure Meinungen und Erfahrungen!

Jonas


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