Staatliche Prüfung - mündlicher Teil
Thread poster: Hendrika Müller

Hendrika Müller  Identity Verified
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Sep 8, 2008

Hallo,

wer kann mich Tipps geben: wie bereitet man sich am Besten auf den mündlichen Teil der Staatlichen Übersetzerprüfung vor? Was für Fragen kann man erwarten? Hat jemand vielleicht konkrete Beispiele von Fragen (egal welcher Sprache)?

Und (die Chance ist eher klein befürchte ich): Hat jemand vielleicht die Staatliche Prüfung für Niederländisch gemacht?

Würde mich über Reaktionen freuen!


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KSL Berlin  Identity Verified
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staatliche Prüfung in Berlin Sep 8, 2008

Ich fand den mündlichen Teil viel einfacher als die ersten zwei Teile. Ich machte mir einige Sorgen über "Landeskunde", weil der Umfang nicht besonders gut definiert wurde, und wenn ich wie ein Gelehrter über die politischen Systeme in allen englischsprachigen Ländern reden sollte, müsste ich zugeben, dass ich wenig zu Neuseeland sagen kann. Mit Niederländisch ist alles wohl überschaubarer.

Spontanes Übersetzen sollte man üben, so dass man unbekannte Texte in beide Sprachrichtungen ohne Hilfe gut übersetzen kann. Für Dolmetscher ist diese Übung vielleicht weniger notwendig, aber wenn man normalerweise gewöhnt ist, lange nach dem richtigen Wort zu suchen, kann es hier schwierig sein. Natürlich in beide Sprachrichtungen auch. Ich habe nicht geübt, weil ich dachte, nach 30 Jahren kann ich das oder nicht, aber mit Übung hätte ich bestimmt bessere Ergebnisse erreicht.

Den Teil, in dem man über Arbeitsmethoden und "Werkzeuge" geredet hat, fand ich etwas seltsam. Meine Prüfer waren eher von der "alten Schule" und hatten wenig Verständnis für elektronische Werkzeuge, ob Wörterbücher oder andere - ich hatte den Eindruck, ein Teilnehmer arbeitet noch mit Federkiel und Tinte. Als ich erwähnt habe, dass ich gelegentlich Themen in Wikipedia nachlese, wurde die Gruppe richtig aufgeregt, bis ich hinzugefügt habe, dass das nur der Anfang für eine viel ausführlichere Recherche sei. Als ich nach Wörterbüchern für bestimmte Fachgebiete gefragt wurde, war man auch ein bißchen ungeduldig, dass nicht sofort alle "richtige" Standardwerke genannt wurden, aber bei einer Sammlung von mehr als 300 Fachwörterbücher für DE-EN habe ich in einigen Fällen einige Sekunden überlegen müssen, welche die besten waren. Also vorsichtshalber alle Titeln und Autoren Ihrer Wörterbücher auswendig lernen, falls man von Ihnen auch so etwas erwartet.

Aber insgesamt war die Atmosphäre eigentlich locker und freundlich, und die Prüfung hat Spaß gemacht. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen und geniessen Sie die Stunde(n) einfach.


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Marinus Vesseur  Identity Verified
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Täglich üben und Selbstvertrauen entwickeln Sep 8, 2008

Hi Hendrika

Wo findet die Prüfung denn statt? Ich habe in 2004 die Prüfung Deutsch-Niederländisch in Germersheim gemacht und das lief eigentlich recht locker und angenehm ab. Zur mündlichen Prüfung sind damals 3 Personen erschienen, wovon allerdings eine es nicht geschafft hat. Der Kollege war äußerst nervös, was bestimmt auch zu seinem Misslingen beigetragen hat. Es ist von größter Wichtigkeit nicht nervös zu werden, aber gerade diese "Anforderung" kann schwer umzusetzen sein. Man kann sich durch tägliche Übung vorbereiten, aber wichtiger fand ich das eigene Selbstvertrauen.

Es waren zwei Prüferinnen, eine Deutsche und eine Niederländerin. Zuerst wurde nach einem vorgegebenen Muster abgefragt, man stellte sich vor, plauderte kurz über sich und die Welt und musste dann ad hoc eine mündliche Übersetzung aus dem Fachgebiet ins Deutsche und eine ins Niederländische absolvieren. Das läuft nie ohne Stottern ab, und das ist auch nicht schlimm, es ist ja keine Dolmetscherprüfung.

Anschließend wurde dann über die aktuelle Politik (Nachrichten in beiden Sprachbereichen verfolgen!) geplaudert. Hier ist es gut eine eigene Meinung zu vertreten. Dadurch kannst du das Gespräch ein wenig führen und die Zeit in deinem Vorteil verstreichen lassen.

Konkrete Vorbereitung ist praktisch unmöglich. Daher wiederhole ich nochmal: Selbstvertrauen! Du hast dir die Fähigkeit zu diesem Beruf in vielen Jahren erarbeitet, es ist dir in Fleisch und Blut übergegangen, somit wird sie sich automatisch offenbaren, sobald sie gefordert wird. Du kannst kurzfristig wenig anderes machen, als dich tagtäglich mit dem Übersetzen und Dolmetschen in beiden Sprachen zu befassen, vorzugsweise Thematik, die zu deinem Fachgebiet passt. Das ist alles. Wenn das 'Fieber' der Nervosität ansteigt: Pause machen, bis du dich beruhigt hast.

Denn jetzt kommt das Kuriose: weniger als ein Jahr später habe ich die gleiche Prüfung für Englisch-Deutsch gemacht, diesmal in Erlangen. Es war eine hektische Zeit und ich glaubte mir in den Wochen vor der Prüfung nicht genug mit der Materie befasst zu haben. Als ich dann am Prüfungstag in Erlangen im kleinen Wartezimmerchen saß und die anderen Kandidaten kommen und gehen sah, wurde mir plötzlich angst und bange. Die Spannung stieg ins unerträgliche, meine Ohren begannen zu sausen, ich hatte das Gefühl, dass ich diese Prüfung völlig vermiesen wurde. Völlig irrational, absolut unbegründet, aber nicht mehr zu kontrollieren.

Auch hier waren die Prüfer aus den beiden Sprachbereichen, ein junger Deutscher und eine englische Dame in meinem Alter. Freundlich, aber sie schien streng. Ich war immer noch total high-strung, musste schwer nachdenken, als ich nach meinem Namen gefragt wurde. Es lief eine Viertel Stunde lang miserabel. Ich wusste nichts mehr, weder von englische, noch von deutsche Politik, es war ein Trauerspiel. Zum Glück fragte der deutsche Prüfer mich dann, ob ich abwechselnd in Englisch und Deutsch das Prinzip des Verbrennungsmotors erläutern könne, da war ich gerettet, darauf hatte ich mich vorbereitet. Stotternd wie ein abgesoffener Rasenmäher fing ich an und Schrittchen für Schrittchen konnte ich die Situation doch noch unter Kontrolle bringen. Zum Schluß hatte ich die Prüfung also doch noch geschafft, mit mittelmäßiger Note, aber "Who cares?", Diplom ist Diplom.

Die Tatsache, dass ich es trotz Nervenversagen noch geschafft habe, war der Beweis, dass ich von vorne herein ausreichend vorbereitet war (okay, etwas mehr englische Nachrichten hören hätte nicht geschadet). Die ganze Prüfungsangst war völlig unbegründet und absolut kontra-produktiv. Und ich hätte es wissen sollen, vom Jahr davor!

Kannstemasehen: Ruhe bewahren. Du kannst es! Wie sagte der Gewichtheber, als er einen Zentner Kohle aus dem Keller holen sollte: "Kein Thema. Kann ich."

Also dann: viel Erfolg! Lass' uns wissen, wie es gelaufen ist.



Hendrika Müller wrote:

Hallo,

wer kann mich Tipps geben: wie bereitet man sich am Besten auf den mündlichen Teil der Staatlichen Übersetzerprüfung vor? Was für Fragen kann man erwarten? Hat jemand vielleicht konkrete Beispiele von Fragen (egal welcher Sprache)?

Und (die Chance ist eher klein befürchte ich): Hat jemand vielleicht die Staatliche Prüfung für Niederländisch gemacht?

Würde mich über Reaktionen freuen!


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Hendrika Müller  Identity Verified
Germany
Local time: 13:46
Member (2006)
German to Dutch
TOPIC STARTER
Übung (Erfahrung?) macht den Meister Sep 9, 2008

Hi Kollegen,

danke für die ausführlichen Antworten, das ist ja toll! Marinus, die Geschichte von deiner Englisch-Prüfung war echt spannend

Die Prüfung in München findet voraussichtlich 2009 statt (Niederländisch findet alle paar Jahre statt). Ich habe mich allerdings noch nicht angemeldet....

Wenn ich eure Geschichten lese und Prüfungsbeispiele durchlese, denke ich dass es nicht 'unmachbar' ist. Trotzdem bin ich noch am überlegen, ich habe einige Jahre Übersetzererfahrung, aber sicherlich keine 30


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KSL Berlin  Identity Verified
Portugal
Local time: 12:46
Member (2003)
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Keine 30 Jahre Übersetzungserfahrung erforderlich! Sep 9, 2008

Hendrika Müller wrote:
ich habe einige Jahre Übersetzererfahrung, aber sicherlich keine 30


Nein, ich meinte 30 Jahre Erfahrung mit der deutschen Sprache, nicht Übersetzung. Ich habe zwar während des Studiums und im Laufe meiner Karriere als unterstützende Tätigkeit für meine Aufgaben Übersetzungen gemacht, aber nicht als berufliche Tätigkeit wie jetzt. Was "Berufszeit" als Übersetzer betrifft, liegen wir wohl nicht so weit auseinander.

Der Rat von Marinus ist absolut richtig - Selbstvertrauen ist das Wichtigste. Man soll wahrscheinlich auch keine große Erwartung, dass die Prüfung einen Unterschied im Beruf machen wird. Sie ist zwar die Voraussetzung für Ermächtigung durch die Gerichte in Bayern (bei LG I in München hat man auch erwähnt, dass die Erwartungen von vielen nicht erfüllt werden), aber geschäftlich kommt man auch ganz gut ohne aus. Ich habe die Prüfung weitgehend aus Spaß gemacht, zum Teil auch, weil ich die endlose "Qualifizierungsdebatte" nicht mehr hören und als "Qualifizierter" den Wunsch für die Ausgrenzung der Quereinsteiger und andere ohne Übersetzer-Diplom oder staatliche Prüfung als Quatsch bezeichnen wollte. Daher war ich ziemlich entspannt, und das hat wohl sehr geholfen.


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Nicole Y. Adams, M.A.  Identity Verified
Australia
Local time: 21:46
Member (2006)
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Spezialgebiet inhaltlich vorbereiten Sep 12, 2008

Hallo Hendrika,

Meine Vorredner haben zwar schon so gut wie alles angesprochen, nur eines wollte ich nochmal betonen: Ich würde mich auf die inhaltliche Vorbereitung in deinem Spezialgebiet konzentrieren. Weißt du schon, welches Spezialgebiet du wählen wirst?

Ich habe mit Marinus zusammen damals die Staatliche Übersetzerprüfung in Erlangen abgelegt (hallo Marinus!), und ich fand die mündliche Prüfung ebenfalls happig. Ich hatte in den schriftlichen Teilen sehr gut abgeschnitten und ging mit entsprechend hohem Selbstvertrauen in die mündliche Prüfung. Da lief zunächst auch alles gut. Das allgemeine Gespräch ist auf jeden Fall mit Leichtigkeit zu meistern, die Spontanübersetzungen sind auch machbar, doch dann kam die Katastrophe: Der 'spezialisierte Teil'. Ich hatte damals Schwerpunkt Geisteswissenschaften gewählt, merkte aber schon nach der ersten Frage, dass ich diesen Teil stark unterschätzt hatte. Die Fragen waren sehr schwer und spezifisch, ich wurde immer nervöser, verwechselte dann Whitehall mit Whitechapel(!!) und konnte im Endeffekt keine Frage zur Zufriedenheit der Prüfer beantworten. Nach langem hin und her und unter Berücksichtigung meiner sehr guten schriftlichen und anderen mündlichen Leistungen wurde mir dann in diesem Teil der mündlichen Prüfung eine Gnaden-5 gegeben. Ansonsten wäre die ganze Prüfung im Sande verlaufen.

Also würde ich empfehlen, dich auf deine Spezialisierung inhaltlich so viel wie möglich vorzubereiten. Meinen Leichtsinn nach dem Motto 'mit Allgemeinwissen und guten Sprachkenntnissen wird das schon klappen' kann ich auf keinen Fall weiterempfehlen.

Ansonsten muss ich mich Kevin anschließen: Auch ich habe die Prüfung mehr oder weniger als Freizeitvergnügen abgelegt. Große berufliche Vorteile kann ich bisher keine feststellen.


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