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Wenn der eigene Perfektionismus zum Raubbau an der Gesundheit führt - Erfahrungen, Lösungen?
Thread poster: Tal Anja Cohen

Tal Anja Cohen  Identity Verified
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May 10, 2009

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Mich würde mal interessieren, wie jene, denen dieses Problem (s.o.) vertraut ist, damit umgehen resp. es allenfalls "entschärfen" konnten.

Ich gehe vorerst nicht weiter ins Detail - in der Annahme, dass alle, die Ähnliches erleben/erlebt haben, wissen, wovon ich spreche.

Vielen Dank im Voraus für eure Tipps und Beschwörungsformeln für innere Dämonen...!




[Edited at 2009-05-10 19:45 GMT]


 

Aniello Scognamiglio  Identity Verified
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Perfektionismus - privat oder beruflich? May 10, 2009

Hallo Anja,

ich gehe davon aus, dass du von beruflichem Perfektionismus sprichst. Meine Meinung dazu ist, dass gerade in unserem Beruf ein Höchstmaß an Qualität ohne Perfektionismus gar nicht möglich ist. Dem Raubbau an der Gesundheit kann und muss man mit Disziplin, Organisation und Konsequenz begegnen. Das ist durchaus machbar, ohne auf Perfektionismus zu verzichten.

VG Aniello


 

Tal Anja Cohen  Identity Verified
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Beruflich... May 10, 2009

Hallo Aniello und danke für Deine Antwort. Ich denke, mein ganz persönlicher Perfektionismus zieht sich durch alle Bereiche, aber hier spreche ich doch aus diversen Gründen nur vom beruflichenicon_wink.gif. Sprich, das stundenlange Herumfeilen an der Sprache und am Stil; so lange nicht zur Ruhe kommen, bis die Deadline (nomen est omen) dem geistigen und körperlichen Verschleiß gnädig ein Ende setzt...

Aniello Scognamiglio wrote:
Dem Raubbau an der Gesundheit kann und muss man mit Disziplin, Organisation und Konsequenz begegnen. Das ist durchaus machbar, ohne auf Perfektionismus zu verzichten.
VG Aniello


Kannst Du dieses Statement noch etwas präzisieren?

[Edited at 2009-05-10 22:40 GMT]


 

Aniello Scognamiglio  Identity Verified
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Beispiele May 10, 2009

Aniello Scognamiglio wrote:
Dem Raubbau an der Gesundheit kann und muss man mit Disziplin, Organisation und Konsequenz begegnen. Das ist durchaus machbar, ohne auf Perfektionismus zu verzichten.
VG Aniello


Anja Cohen wrote:
Kannst Du dieses Statement noch etwas präzisieren?


Ich will gerne ein paar Beispiele nennen.
Disziplin:
Strikt zwischen Geschäft und Privatleben trennen. Zeitliche Limits innerhalb der Bearbeitungsdauer setzen (z.B. maximal 15 h für dieses Whitepaper)
Organisation:
Anständige Lieferfristen vereinbaren. Eine gewisse Stundenzahl nicht überschreiten. Regelmäßig Sport treiben.
Konsequenz:
Die unter "Disziplin" und "Organisation" genannten Punkte immer umsetzen, nicht gelegentlich. Das sind auch nur ein paar Beispiele. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Soweit die Theorie. Die Praxis - das ist auch mir als Perfektionist bewusst - ist viel schwieriger. Gerade wenn man perfektionistisch veranlagt isticon_wink.gif

[Edited at 2009-05-10 21:26 GMT]


 

Claudia Dylakiewicz  Identity Verified
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Wirtschaftlichkeit, Konsequenzen May 11, 2009

Hallo Anja,

vielleicht hilft es Dir, wenn Du dir diese Fragen stellst:

Ist das Verhältnis von Aufwand und Nutzen noch wirtschaftlich? Welche Qualität wird wirklich von Dir erwartet? (Wer z. B. Schuhe in einem günstigen Laden kauft, erwartet in der Regel nicht die allerhöchste Qualität, sondern eine passable.)
Was würde im schlimmsten Fall passieren, wenn Du nur eine gute/annehmbare Übersetzung liefertest? Würden dann z. B. Deine Kunden gleich zu einem anderen Übersetzer wechseln?

Herzliche Grüße

Claudia


 

Harry Bornemann  Identity Verified
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Umzug nach Äthiopien May 11, 2009

Im April und Mai gibt es hier jeden zweiten Tag (zum Glück nur tagsüber) Stromausfall, und es ist erstaunlich entspannend, wenn man mal ein paar Stunden etwas anderes machen _muss_ als am Computer zu hocken.
Ich nutze die Zeit hauptsächlich zum Einkaufen, Freunde besuchen und um meine neue Wohnungseinrichtung zusammenzubasteln (Möbel sind hier so teuer wie in Deutschland, Internet auch, sonst kostet alles nur 10%.icon_smile.gif


 

Ansgar Knirim  Identity Verified
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Professionalität statt Perfektionismus May 11, 2009

Hallo Anja,
das von Dir geschilderte Problem ist mir leider nur allzu gut vertraut, deswegen möchte ich aus meiner Erfahrung etwas beisteuern.
Ich leide (bzw. litt) an der gleichen Problematik und habe mich einer Linderung von zwei Seiten angenähert.
Mir hat es erstens sehr geholfen, als Ziel meiner Arbeit nicht mehr ein "perfektes", sondern ein "professionelles" Resultat anzustreben. Perfektion ist ja philosophisch gesehen etwas, was es streng genommen gar nicht gibt, daher ist man letztlich mit diesem Anspruch zum Scheitern verurteilt, so rigoros das auch klingt. "Professionalität" schließt hingegen für mich die (manchmal eben nicht optimalen, persönlichen wie äußeren) Rahmenbedingungen mit ein und steht trotzdem ausgezeichneten Resultaten nicht im Wege. Wie Claudia schon sagt, eine wirtschaftliche Relation von Aufwand und Nutzen ist wichtig, und sie erstreckt sich eben auch auf die persönliche (gesundheitliche, psychische usw.) Ökonomie.
Die andere Seite (Organisation, Grenzen ziehen etc., wie von Aniello beschrieben) ist für mich genau so wichtig, ich mache z.B. im Gegensatz zu meiner Einstiegsphase wieder 4x pro Woche Sport, das hilft mir sehr, die innere Balance zu halten.
Viele Grüße und Kopf hoch,
Ansgar


 

Tell IT - Helene Salzmann-Mingardi
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Mit Kritik umgehen May 12, 2009

Perfektion ist ja philosophisch gesehen etwas, was es streng genommen gar nicht gibt, daher ist man letztlich mit diesem Anspruch zum Scheitern verurteilt, so rigoros das auch klingt.
Hoi Anja. Die Frage ist halt auch, wie man mit Kritik umgehen kann und ob es wirklich ein Weltuntergang ist, wenn man mal eins auf den Deckel kriegt, was m. E. oft gar nicht schadet und uns immer wieder ein grosses Stück weiterbringt - aber auch vor Überheblichkeit bewahrt. Gemeint ist natürlich die positive Kritik.


 

Aniello Scognamiglio  Identity Verified
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Mickrige Resonanz May 19, 2009

Anja Cohen wrote:

Ich gehe vorerst nicht weiter ins Detail...



[Edited at 2009-05-10 19:45 GMT]


Ich bin neugierig.


 

xxxAWa
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die perfekte Lösung gibt es nicht May 19, 2009

Im Maschinenbau-Studium sagte ein Professor mal sinngemäß:
"Sie lernen hier nicht die beste Lösung zu finden. Die gibt es nicht. Sie werden immer die beste Lösung unter den gegebenen Randbedingungen finden müssen."

Das fand ich erstmal blöd: etwas nicht perfektes "abliefern"?
Aber dann stellte ich fest: er hat Recht, und nicht nur für den technischen Bereich.
Um das Umzusetzen braucht man allerdings die Disziplin sich selbst klarzumachen, wann da Feilen an Feinheiten ein Ende haben muß. Das 10. Korrekturlesen und Ändern bringt nichts mehr, macht nur nervös und kostet Zeit.
Natürlich findet man, wenn man seinen Text Wochen nach der Übersetzung nochmal liest die ein oder andere Stelle, die man aus der aktuellen Tagesform heraus vielleicht anders formulieren würde. Wäre die andere Formulierung wirklich perfekter als die erste - oder eben nur anders?

Allerdings setzt man sich selbst auch unter Druck wenn man die Erfüllung höchster Qualitätsansprüche explizit verspricht und damit die Erwartungen der Kunden hochschraubt.
Das man seinen Kunden einen gebrauchsfertigen Text in bestmöglicher Qualität liefert ist selbstverständlich. Jobs bei denen Zeitrahmen und/oder Preis (der ja die Bearbeitungsszeit festlegt) eine Übersetzung in der Qualität, die man von sich erwartet, nicht ermöglicht kann man eben nicht annehmen. Trifft das auf alle Jobs zu - macht man irgendetwas falsch.


 

Tal Anja Cohen  Identity Verified
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Resonanz folgt May 19, 2009

Ich möchte mir Zeit nehmen, auf die Beiträge zu antworten - nicht wenige Kollegen haben mir auch privat geschrieben. Nächste Woche wird's bei mir etwas ruhiger, bis dahin muss ich noch haushalten mit meinen Kräften...

Herzliche Grüße,
Anja


 

Bentext  Identity Verified
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Überarbeitet? May 20, 2009

Das Perfektionismus-Syndrom beruht möglicherweise auf Überarbeitung – vielleicht hilft Dir ein ausgiebiger Urlaub, um wieder den richtigen Abstand zur Arbeit zu bekommen. Am Ende entscheidet ohnehin der Kunde/Korrektor, was er für "perfekt" hält.

Im Übrigen kann ich mich AWa nur anschließen. Eine gewerbliche, nicht-literarische Übersetzung ist kein Kunstwerk. Wenn man eine fehlerfreie und adäquate Übersetzung gefunden hat, sollte man es dabei belassen; man muss nicht noch einmal Stunden investieren, um die Qualität von 98 auf 99 Prozent zu heben. Wer soll das bezahlen?

Natürlich fällt einem manchmal die geniale Formulierung erst ein, wenn der Text schon fertig ist; es ist nichts dagegen einzuwenden, diese dann noch schnell zu integrieren. Wenn das zur Regel wird, sollte man allerdings seine Arbeitsweise ändern – Änderungen in letzter Minute bedeuten Stress und bergen ein hohes Fehlerrisiko. Für mich besteht die Lösung darin, bereits im ersten Durchgang die bestmögliche Qualität anzustreben und alle – entsprechend bezahlten – Texte von einem Kollegen lesen zu lassen. Das Vier-Augen-Prinzip hebt erfahrungsgemäß die Qualität und beruhigt ungemein.


[Edited at 2009-05-21 08:08 GMT]


 

Nicole Schnell  Identity Verified
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Anja: "In der Ruhe liegt die Kraft", May 20, 2009

Hatte mein erster Chef, Präsident des GWA (Gesamtverbands Werbeagenturen), mir eingetrichtert. Der beste und wertvollste Spruch aller Zeiten.

Anja Cohen wrote:
Sprich, das stundenlange Herumfeilen an der Sprache und am Stil; so lange nicht zur Ruhe kommen, bis die Deadline (nomen est omen) dem geistigen und körperlichen Verschleiß gnädig ein Ende setzt...


Perfektion wird nicht so sehr durch endloses Herumfeilen erreicht (die 14. Änderung macht das Produkt sicherlich anders, aber nicht unbedingt besser).
Diagnose: Unsicherheit und mangelndes Selbstvertrauen.

Habe ich nicht mal irgendwo aufgeschnappt, dass du mit dem Reitsport vertraut bist? Dann ist dir sicherlich der Begriff "ein Pferd versammeln" geläufig. Genauso sollte dein Arbeitsstil aussehen. Dann kriegst du auf Anhieb ein gutes Ergebnis. Kleine Verbesserungen beim späteren, nochmaligen Durchlesen (vorzugsweise nach mindestens ein paar Stunden Pause) sind dann wie eine Extraschicht Mascara für den besonders umwerfenden Look, wenn ich das mal so sagen darf.

Noch ein Aspekt: Kein Mensch schreibt für die Agentur oder den Korrekturleser. Deine wahren Kunden sind die Personen, die dein Produkt später nutzen werden, sonst niemand.

Noooch ein Aspekt: Ich bin ein Verfechter des Lean-Konzepts. Als mein früherer Arbeitgeber (damals ca. 150 Mitarbeiter) ISO9001-zertifiziert wurde, habe ich die Unternehmensberater aus meinem Büro geschmissen und das Handbuch für meine Abteilung selbst geschrieben. Nach dem gleichen Konzept wird heute auch meine eigene Firma geführt. Resultat: So gut wie keine Verluste aufgrund von verkorkster Arbeit, Missgeschicken oder Überstunden, die man von Anfang an hätte vermeiden können. Beim ersten Arbeitsdurchgang muss das sitzen. Schlamperei ist nicht erlaubt. Ein mit voller Konzentration entwickelter Text benötigt später keine stundenlange Überarbeitung.

Ich nehme an, das ist, was auch Aniello und Ansgar unter Professionalität und Disziplin verstehen.

LG,

Nicole


 

Aniello Scognamiglio  Identity Verified
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Lass dir Zeit! May 20, 2009

Keiner erwartet "perfekte" Antwortenicon_wink.gif
Ich neige auch dazu, erstmal Beiträge zu "sammeln", bevor ich antworte.


 
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