Berufsethik: Was tun, wenn man auf eine schlechte Übersetzung stößt?
Thread poster: Christian Flury (X)

Christian Flury (X)
Austria
Local time: 10:34
Latin to German
+ ...
Mar 1, 2004

Liebe (zuk√ľnftige) Kollegen,
da dies das erste Mal ist, dass ich in diesem Forum ein neues Thema eröffne, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich schreibe derzeit an meiner Diplomarbeit, um mein ansonsten so gut wie abgeschlossenes Doppelstudium Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Wien zu Ende zu bringen. Seit anderthalb Jahren bin ich Proz.com-Mitglied und habe dabei insbesondere die gelegentliche Teilnahme an den KudoZ-Diskussionen (von denen mich einige wohl schon kennen) stets als willkommene und praxisnahe Ergänzung zum Studium erlebt.

Nun wollte ich aus aktuellem Anlass eine Frage stellen, die mich schon des √Ėfteren besch√§ftigt hat: Was tun, wenn einem - und sei es nur als Kunde - eine miserable √úbersetzung begegnet? Ich m√∂chte das an einigen Beispielen pr√§zisieren:

Beispiel 1: Die deutsche Version der Webseite eines ansonsten seri√∂s wirkenden √úbersetzungsb√ľros (das selbstverst√§ndlich nur Muttersprachler besch√§ftigticon_smile.gif) ist voller Artikel-, Fall- und Kommafehler. Irgendwie habe ich in solchen F√§llen Lust, die Verantwortlichen darauf hinzuweisen, umso mehr, als das dann wohl genau die sind, die in verschiedenen Foren behaupten, f√ľr wenige Cents pro Wort ohne Weiteres eine "fehlerfreie" √úbersetzung zu bekommen.

Beispiel 2: Vor einige Zeit erstand ich einen Wireless Router f√ľr mein Heimnetzwerk - im Preis enthalten: ein mehrsprachiges Benutzerhandbuch. Ich bezweifle aber, dass auch nur irgendein Benutzer die Hardware und Software anhand der deutschen Anleitung installieren konnte, sie war schlicht und einfach unverst√§ndlich, man musste die englische Version lesen, um auf einen gr√ľnen Zweig zu kommen. Als Kunde habe ich aber ein Angebot bezahlt, in dem laut Beschreibung eine deutschsprachige Anleitung enthalten ist. So gesehen sollte ich mich (ganz unabh√§ngig davon, ob ich diese Anleitung auch wirklich ben√∂tige) beschweren.

Beispiel 3 (und das ist aus meiner Sicht das kniffligste): Ich las unl√§ngst das deutsche Vorwort zu einer Musikpartitur und stie√ü mich dabei an zwei inhaltlichen Unstimmigkeiten. Als ich diese Stellen im englischen Originaltext nachlas, sah ich, dass es sich um √úbersetzungsfehler handelte. Generell war die √úbersetzung aber sehr gut, der √úbersetzer wurde auch namentlich genannt; ich fand nur, jemand h√§tte ihn darauf hinweisen k√∂nnen, damit in der n√§chsten Auflage diese zwei kleinen Fehler behoben werden. Andererseits h√§tte ich pers√∂nlich hier Hemmungen, selbst Kritik zu √ľben, da dies besserwisserisch und pingelig wirken oder gar nach pathologischem Querulantentum aussehen k√∂nnte.

In den ersten beiden F√§llen - die keinesfalls Einzelf√§lle sind - tendiere ich hingegen eher dazu, meinem Unmut Luft zu machen. Schlie√ülich wei√ü ja m√∂glicherweise der Auftraggeber mangels entsprechender Qualit√§tskontrolle gar nicht, was er f√ľr eine miserable Figur macht. Oder aber, er glaubt daran, dass er zu Tiefstpreisen eine passable √úbersetzung bekommen k√∂nne, einen Glauben, den es sich durchaus zu ersch√ľttern lohnt, w√ľrde ich sagen.

Das Problem: Die Sache ist deshalb komplizierter, weil ich selbst auch in naher Zukunft versuchen werden, mich als Dolmetscher und √úbersetzer zu etablieren. B√∂swilligerweise k√∂nnte der Adressat daher ja auch zwischen den Zeilen lesen, hier versuche ein frecher junger Absolvent, sich unfairerweise auf Kosten seiner Kollegen zu profilieren - wobei ich andererseits jemanden, der im Zweifel nicht einmal im W√∂rterbuch das Geschlecht eines deutschen Substantivs nachschl√§gt, nicht unbedingt als "Kollegen" definieren w√ľrde. Aber, wie gesagt, unter diesem Gesichtspunkt ist die Angelegenheit doch heikel. Manche √úbersetzer und Dolmetscher stehen auf dem Standpunkt, man d√ľrfe nie eine √úbersetzung (oder die Leistung eines Dolmetschers) kritisieren, da dies dem Ansehen des Berufsstandes schade (ich f√ľr meinen Teil glaube, die schlechten √úbersetzungen an sich schaden ihm viel mehr).

Mich w√ľrde interessieren, wie Ihr anderen Prozianer dies seht. Interveniert Ihr in F√§llen wie den ersten beiden oder empfindet Ihr das als "Anschw√§rzung" oder gar als unlauteren Wettbewerb? Gibt es unter Euch welche, die im Gegensatz zu mir sogar im dritten Fallbeispiel den betreffenden √úbersetzer kontaktieren w√ľrden?

Ich bin gespannt auf Eure Antworten (wenn √ľberhaupt jemand Zeit und Mu√üe hat, dieses elend lange Posting bis zum Ende durchzulesenicon_smile.gif)...

Schönen Abend!


[Edited at 2004-03-02 00:58]


 

schmurr  Identity Verified
Local time: 10:34
Italian to German
+ ...
Was tun? Lachen! und... Mar 2, 2004

...die Seite(n) im Internet ver√∂ffentlichen oder mir senden, damit ich sie zu http://www.proz.com/home/20424/delinks.html hinzuf√ľge... ;o)

 

Uwe Kirmse  Identity Verified
Local time: 10:34
Polish to German
+ ...
na ja, was tun? Mar 2, 2004

Ich habe gerade einen Virus bekommen, bei dem als Absender die Adresse leipzig@ekogas.com angegeben war. Das veranlasste mich, mir die Seite www.ekogas.com anzusehen. Es ist eine Firma mit Sitz in Leipzig, und nichts weist darauf hin, dass sie irgendetwas mit Polen zu tun haben k√∂nnte, nur der Text der Seite ist eindeutig eine miserable √úbersetzung aus dem Polnischen. (Nicht das Intro √ľberspringen, falls ihr auf die Seite klickt, das hat es n√§mlich auch in sich!) Ich werde es so machen wie Martin, ich verlinke die Seite im Gruselkabinett meiner Internetseite. Material daf√ľr habe ich recht wenig, da ich maschinelle √úbersetzungen nicht aufnehme. Ich denke noch dar√ľber nach, ob ich ihnen nicht eine Mail in polnischer Sprache schreibe, damit sie es auch verstehen.

Aber jetzt zu deinen Fällen:

1. In diesem Fall w√ľrde ich nichts tun. Falls es keine maschinelle √úbersetzung ist, w√ľrde ich es vielleicht ins Gruselkabinett aufnehmen. Ich gehe davon aus, dass es besser ist, eventuelle Kunden sehen diese Seite, als wenn die Firma aufgrund deines Hinweises ihre Seite verbessert, ihren Kunden dann aber solche √úbersetzungen liefert, weil die eben doch billiger sind als eine gute.

2. Prinzipiell hast du nat√ľrlich Recht. Allerdings wirst du ohne Gerichtsverfahren keinen Preisnachlass durchsetzen k√∂nnen. Wenn du Lust, Geld und Nerven dazu hast, warum nicht!

3. Wenn einem ansonsten guten √úbersetzer Fehler unterlaufen, sollte er dankbar sein, wenn ihn jemand kollegial darauf hinweist. Ich w√ľrde mich aber in diesem Fall direkt an ihn wenden und nicht an den Verlag. Auch wenn auf ansonsten guten Internetseiten von √úbersetzern kleinere Fehler auftreten, mache ich sie manchmal darauf aufmerksam. Aber wer sich als √úbersetzer mit seiner Seite kompromittiert, soll das bittsch√∂n auch weiter tunicon_smile.gif

[Edited at 2004-03-02 18:56]


 

Christian Flury (X)
Austria
Local time: 10:34
Latin to German
+ ...
TOPIC STARTER
Bewusste Entscheidung vs Unwissenheit Mar 2, 2004

Hi und danke f√ľr Eure R√ľckmeldungen!

ad Uwe: In der Tat, da hat man etwas zu lachen - "Funktionierung" ist so auf den ersten Blick mein Liebling. Und was den dritten Fall betrifft - stimmt eigentlich, ich freue mich ja auch, wenn ich etwas dazulernen kann.

Im ersten Fall hingegen sollte ich vielleicht den aktuellen Anlass genauer beschreiben, was aber schwierig wird, ohne gegen die Proz.com-Etikette zu versto√üen. Um es daher m√∂glichst allgemein zu bleiben: In einem anderen Forum lie√ü der Besitzer einer Agentur sich - durchaus kompetent und sympathisch - √ľber professionelle Standards aus und wurde in seinen Ansichten von den anderen Diskussionsteilnehmern auch best√§rkt. Offenbar war ich der einzige, der die deutschsprachige Version seiner Homepage besuchte und dabei interessante Dinge erfuhr, wie etwa dass in Schweden die Sprache "Schweiz" (sic!) gesprochen wird. Es war direkt kafkaesk, wie ich im einen Fenster seine Homepage, die keinen einzigen geraden Satz enth√§lt, offen hatte, im anderen seine Postings, in denen er schrieb, wieviel er doch auf Professionalit√§t halte. In diesem Fall habe ich dann doch ein - diplomatisch gehaltenes - Mail geschickt, weil die Situation einfach so komplett absurd war.

Was Endkunden betrifft, glaube ich aber eigentlich schon, dass es manchmal Sinn machen kann, nicht einfach zu lachen (auch wenn die Versuchung gro√ü ist), sondern sie darauf hinzuweisen. Vielleicht bin ich dahingehend naiv, aber ich denke, wenn man eine Branche noch nicht gut kennt, w√§hlt man gerne zun√§chst das billigste Angebot, l√§sst sich aber dann durchaus √ľberzeugen, dass das keine gute Idee war. Mir ist es beispielsweise mit dem Webhosting so gegangen (1/2 Jahr bei Billiganbieter, Homepage oft nicht erreichbar -> Wechsel zu etwas teurerem, aber auch viel besserem Hoster, mit dem ich voll und ganz zufrieden bin). Und ich habe auch schon einen Auftrag bekommen, bei dem ein Auftraggeber, der vorher sehr billig hatte arbeiten lassen, mit der Zeit dazugelernt hatte, dass die Leistungseinbu√üen, die er daf√ľr in Kauf nehmen musste, nicht daf√ľr standen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich glaube, oft ist es nicht Bosheit, sondern schlicht und einfach Naivit√§t, die Leute f√ľr miserable Billig√ľbersetzungen optieren l√§sst, und in solchen F√§llen macht es auch Sinn, einen Lernprozess in Gang zu setzen. Oder bin ich es, der hier zu naiv ist?


[Edited at 2004-03-02 15:46]


 

Harry Bornemann  Identity Verified
Mexico
English to German
+ ...
Mach was draus.. Mar 2, 2004

Beispiel 1:
Das w√ľrde ich stehen lassen, damit potentielle Kunden gewarnt sind.

Beispiel 2:
Wenn ich gerade Lust dazu h√§tte, w√ľrde ich diese √úbersetzung in der Luft zerrei√üen (im √ľbertragenen Sinneicon_wink.gif) und dem Hersteller meine Dienste als √úbersetzer und Lektor anbieten und ein konkretes Angebot unterbreiten. Dabei w√ľrde es sich lohnen, h√∂chstens das erste Drittel des Textes zu korrigieren, damit der Kunde einen Anreiz hat, f√ľr die Korrektur des Restes einen Auftrag zu erteilen.

Beispiel 3:
Wenn der √úbersetzer ansonsten sympathisch erscheint, w√ľrde ich ihn diskret auf die Fehler hinweisen und w√§re mir sicher, dass er sich √ľber das kostenlose Feedback freut. Manchmal f√ľhrt so etwas sp√§ter zu einem Auftrag.

In keinem der 3 F√§lle h√§tte ich ein schlechtes Gewissen mich profilieren zu wollen. Profilieren im negativen Sinne bedeutet f√ľr mich, wenn jemand eine durchaus passable √úbersetzung mithilfe von Kleinigkeiten und unn√∂tigen √Ąnderungen schlecht macht, um auf diese Weise einen Kunden abzuwerben.
Mit der Funktion "√Ąnderungen verfolgen" ist das einfach, weil man so gut wie nie einen Text hat, in dem man bei langem Hinsehen nichts mehr zu verbessern findet. (So einen Text habe ich erst 1 Mal gesehen, und das war eine halbe Seite Probe√ľbersetzung von einem sehr erfahrenen √úbersetzer.)

[Edited at 2004-03-02 19:18]


 

Uwe Kirmse  Identity Verified
Local time: 10:34
Polish to German
+ ...
Mail schicken Mar 3, 2004

Christian Flury wrote:...In diesem Fall habe ich dann doch ein - diplomatisch gehaltenes - Mail geschickt, weil die Situation einfach so komplett absurd war. ...


Schreib doch mal, ob eine Antwort kam! Aber im Ernst, glaubst du wirklich, dass er, falls er reagiert und seine Seite verbessert, dann seinen Kunden etwas besseres verkauft? Deine Beschreibung klingt ja fast nach einer maschinellen √úbersetzung.

Ich habe √ľbrigens an Ekogas geschrieben, um ihnen eine Chance zu geben, meinem Gruselkabinett zu entgehen. Mit einer Antwort rechne ich aber eher nicht.


 

Christian Flury (X)
Austria
Local time: 10:34
Latin to German
+ ...
TOPIC STARTER
Keine Antwort bis jetzt Mar 3, 2004

Nein, ich habe bis jetzt keine Antwort bekommen, ich habe allerdings nur die ersten zwei S√§tze korrigiert, und ich glaube nicht, dass diese Site, auch wenn er sie jetzt noch mal √ľbersetzen l√§sst (was ihn zumindest einiges kosten d√ľrfte, weil sie recht umfangreich ist), dauerhaft professionell wirken wird. Zudem lesen sie h√∂chstwahrscheinlich ohnehin die wenigsten auf deutsch. Aber prinzipiell bin ich einverstanden, dass man Agenturen und √úbersetzer, die sich selbst disqualifizieren, nicht zwanghaft davon abhalten sollteicon_smile.gif

Allgemein bin ich beruhigt, dass Ihr die Grundfrage - ist unterhalb eines bestimmten Qualitätsniveaus "translation-bashing" nicht geradezu angebracht? - ähnlich seht wie ich.

Schönen Abend!


 

ingo_h
Germany
Local time: 10:34
English to German
Gurkensammlung Mar 16, 2004

so nenne ich das in Anlehnung an die (ehemalige) Site der Harry-Potter-Amatuer-√úbersetzer.
Ich wollte so etwas hier schon vorschlagen, sehe aber, dass es schon diverse Gruselkabinette gibt.
Nur. könnte man so etwas vernetzen oder dergleichen, m.a.W. eine größere Datenbank schaffen? Wobei der Name des getadelten Übersetzers nicht genannt werden sollte, der und die Eingeweihten werden es schon wissen.
Ich kam auf die Idee, als ich eine Rundfunksendung h√∂rte, bei der offenbar ein krasser sinnentstellender Fehler den Redakteuren nicht aufgefallen ist (Stress, Zeitmangel?) Wobei die ja noch Zeit haben (ein paar Tage mindestens). Zu einer Blo√üstellung von Kollegen d√ľrfte eine solche Sammlung also auf keinen Fall f√ľhren (au√üer vielleicht in besonders krassen F√§llen).


 


There is no moderator assigned specifically to this forum.
To report site rules violations or get help, please contact site staff »


Berufsethik: Was tun, wenn man auf eine schlechte Übersetzung stößt?

Advanced search






memoQ translator pro
Kilgray's memoQ is the world's fastest developing integrated localization & translation environment rendering you more productive and efficient.

With our advanced file filters, unlimited language and advanced file support, memoQ translator pro has been designed for translators and reviewers who work on their own, with other translators or in team-based translation projects.

More info »
WordFinder Unlimited
For clarity and excellence

WordFinder is the leading dictionary service that gives you the words you want anywhere, anytime. Access 260+ dictionaries from the world's leading dictionary publishers in virtually any device. Find the right word anywhere, anytime - online or offline.

More info »



Forums
  • All of ProZ.com
  • Term search
  • Jobs
  • Forums
  • Multiple search