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Wie sinnvoll sind Praktika wirklich?
Thread poster: VeronikaM
Jul 20, 2012

Hallo,
da ich gerade darüber nachdenke, ob ich ein Praktikum machen soll oder nicht, dachte ich mir, dass ich hier einfach mal nach Meinungen frage.
Also zu meiner Situation:
Ich befinde mich im letzten Semester des Masters Übersetzen, habe alle Klausuren geschrieben und muss nun nur noch die Masterarbeit schreiben, was ich in den nächsten Monaten vorhatte.
Jetzt wurde mir ein Praktikumsplatz in einem sehr renommierten Unternehmen angeboten (evtl. lässt sich die Masterarbeit in das Praktikum integrieren, muss aber noch geklärt werden).
Es handelt sich dabei um ein Auslandspraktikum, was also für meine Sprachkenntnisse sicher auch Vorteile mit sich bringen würde.
Ich stelle mir nun jedoch die Frage, ob es sinnvoll ist, dieses Praktikum anzutreten oder ob ich mir lieber nach dem Studium direkt eine "richtige" Stelle suchen soll?
Ich bin mir gerade sehr unsicher, denn einerseits ist Berufserfahrung ja schon wichtig und der Firmennamen sieht im Lebenslauf sicher ganz gut aus, aber andererseits will ich auch nicht zur "Generation Praktikum" gehören.
Was mich abschreckt ist, dass das Praktikum 6 Monate dauern soll (was ja schon relativ lange ist) und zwar bezahlt ist, aber da ich mir dort eine Wohnung nehmen müsste, dennoch Kosten für mich mit sich bringt.
Ist es das wirklich Wert oder wird man bei einem Praktikum doch am Ende nur ausgenutzt?
Ich würde mich sehr über Meinungen freuen!


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Bernd Müller
Germany
Local time: 21:48
German to Romanian
+ ...
Gegenfrage: wie sieht denn der Stellenmarkt für Übersetzer derzeit aus? Jul 24, 2012

>>>ob ich mir lieber nach dem Studium direkt eine "richtige" Stelle suchen soll?

Ich höre/ lese recht selten von angestellten Übersetzern; die meisten scheinen Freiberufler zu sein, oder ggf. Inhaber eines Übersetzerbüros- das vermittelt, aber meist- oder immer- NICHT, d.h. zumindest keine Übersetzer, sondern nur Vermittler/ Disponenten/ Akquisiteure o.ä. anstellt!

Bzgl. Praktikum kann ich keine klare Aussage treffen. Aber die Alternative "Freiberufler" sollte auch ins Auge gefasst werden- spätestens dann, wenn die Stellensuche zu lange dauert/ wenig Chancen auf Erfolg zu haben scheint!

Dennoch:
Ein Praktikum dürfte schon einiges an Nutzen bringen- in diesem Fall mehr aus sprachlicher Sicht; bzgl. den Regelungen und der Problematik in Deutschland würde ein Praktuikum hier im Lande wohl mehr bringen. Wobei eher ein Praktikum bei einer kleinen Firma von Nutzen ist, wenn irgendwann doch der Schritt in die Selbständigkeit angestrebt ist- vermute ich mal; wie genau die Abläufe etc. in einem "renommierten" Ü- Büro da nützlich sind, ist mir allerdings nicht bekannt.


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RWSTranslation
Germany
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Praktikum? Jul 24, 2012

Hallo,

ein Praktikum insb. dann wenn man auch seine Abschlussarbeit dabei schreiben kann ist immer hilfreich, wenn:
- das Unternehmen einen guten Namen hat
- man dort betreut wird
- man da etwas dazu lernen kann
- man evtl. seinen zukünftigen Arbeitgeber kennenlernt

Je mehr davon zutrifft, desto besser.

Wenn es nicht gut läuft verliert man ein wenig Zeit, hat aber wahrscheinlich trotzdem was in bezug auf Arbeitgeber dazugelernt.

Ein Auslandspraktikum ist immer hilfreich, weil man auch noch was von der Kultur mitnimmt, was einem auch bei der Arbeitssuche sehr hilfreich sein kann.

Im Übrigen ist man ja noch nicht fertig, wenn man noch die Abschlussarbeit schreiben muss.

Viele Grüße

Hans


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Rolf Keller
Germany
Local time: 21:48
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Eins von beidem ist falsch, aber erst später weiß man, welches. Jul 24, 2012

VeronikaM wrote:

ob ich mir lieber nach dem Studium direkt eine "richtige" Stelle suchen soll?


Du gehörst nicht zufällig zu den Studentinnen, die nach dem Examen überrascht feststellen, dass 90 % aller Übersetzer in D keine "richtige" Stelle bekommen und als Freiberufler arbeiten? Und dass von den verbleibenden 10 % nur ein kleiner Teil wirklich mit halbwegs anspruchsvollen/interessanten Übersetzungen beschäftigt ist?

der Firmennamen sieht im Lebenslauf sicher ganz gut aus


Aber nur, wenn du anschließend noch mindestens zwei Jahre dort bleibst. Das gilt für jeden Job in jeder Branche.

Ist es das wirklich Wert oder wird man bei einem Praktikum doch am Ende nur ausgenutzt?


Das lässt sich so allgemein gar nicht sagen. Fakt ist, dass jedes Unternehmen jeder Branche nur etwas tut, was ihm (ggf. erst langfristig) nutzt. Das schließt aber natürlich nicht aus, dass die Mitarbeiter ebenfalls einen Nutzen davon haben können. Einfach so ins Blaue einen Rat zu geben, ist schwierig: Es hängt ja auch stark von deiner Persönlichkeit ab, und auch davon, wie du dir dein weiteres Leben vorstellst.

Du solltest dich also fragen, warum das Unternehmen dich als blutige Anfängerin haben will. Ohne (Lebens-)Erfahrung ist das für manchen allerdings schwer rauszufinden, manchmal muss man zwischen die Wörter horchen. Nur mal so als Beispiel: Angenommen, das Unternehmen plant, in den Markt des Landes/Erdteils X einzusteigen, dann kommt ein Praktikant gerade recht, weil man den einfach wieder loswerden kann, wenn es mit dem Vorhaben doch nicht so läuft wie gedacht. Aber es gibt natürlich auch positive Szenarien

Interessant wäre auch, ob das ein Unternehmen der Übersetzunsgbranche ist oder nicht - das hast du ja bisher nicht verraten, aber der praktische Unterschied ist enorm.


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Richard Schneider  Identity Verified
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Zahl der Stellen für angestellte Übersetzer steigt seit 2005 Jul 24, 2012

wie sieht denn der Stellenmarkt für Übersetzer derzeit aus?


Der Stellenmarkt für Übersetzer sieht derzeit sehr gut aus. Es gibt heute mehr angestellte Übersetzer als vor 10 Jahren. Die Talsohle des Stellenabbaus war 2005 erreicht. Seitdem geht es wieder aufwärts.

Im Jahr 2010 waren 6.547* Übersetzer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Gesamtzahl der Übersetzer in Deutschland beläuft sich auf ca. 40.000.

In Onlineforen wird die Zahl der angestellten und verbeamteten Übersetzer meist stark unterschätzt, weil alle Foren von Freiberuflern dominiert werden.

Angestellte und vor allem Beamte achten peinlich genau darauf, im Netz keine Spuren zu hinterlassen. Sie betreiben keine Website und beteiligen sich grundsätzlich nicht an Diskussionsforen, um ihrem Arbeitgeber keinen Vorwand für eine Entlassung zu bieten. Bei einem Wechsel des Arbeitgebers möchten sie eine "weiße Weste" vorweisen können.

Dadurch entsteht bei vielen Freiberuflern der falsche Eindruck, es gebe praktisch keine angestellten und verbeamteten Übersetzer und Dolmetscher.

*Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit
http://bisds.infosys.iab.de/bisds/result?region=19&beruf=BO822&qualifikation=2


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Rolf Keller
Germany
Local time: 21:48
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Wieviel Prozent der Übersetzer sind "Freie"? Jul 25, 2012

Richard Schneider wrote:

Dadurch entsteht bei vielen Freiberuflern der falsche Eindruck, es gebe praktisch keine angestellten und verbeamteten Übersetzer und Dolmetscher.


Na ja, die von dir zitierten Zahlen (6.547 von 40.000) sprechen für sich. Angenommen, die Zahl der angestellten und der beamteten Übersetzer steigt um in nächsten Jahr um 10 %, dann entspricht das weniger als einer zusätzlichen Arbeitsstelle pro Groß- oder Mittelstadt.

Ob die prozentuale Anzahl überhaupt steigt, hast du ja nicht gesagt. Rein theoretisch könnte es trotz deutlichem Anstieg bei den "Festen" im nächsten Jahr z. B. 7000 zu 70.000 stehen. Die allgemeine Tendenz zur Dienstleistungsgesellschaft und damit auch zum Outsourcen scheint mir nicht gebrochen.

Wie gut sind eigentlich die Statistiken? Die Zahl der ordnungsgemäß beim Finanzamt gemeldeten Freiberufler lässt sich vermutlich ziemlich genau ermitteln, weil die ja diesen Beruf ausdrücklich angeben müssen, um den Freiberuflerstatus zu bekommen.

Bei den Angestellten sieht es teilweise anders aus. Agenturen z. B. beschäftigen oft ausgebildete Übersetzer, die aber gar nicht übersetzen. Als was werden die denn gezählt?


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VeronikaM
TOPIC STARTER
Danke für die Antworten Jul 25, 2012

Vielen Dank schon einmal für die Antworten!

"Bzgl. Praktikum kann ich keine klare Aussage treffen. Aber die Alternative "Freiberufler" sollte auch ins Auge gefasst werden- spätestens dann, wenn die Stellensuche zu lange dauert/ wenig Chancen auf Erfolg zu haben scheint!"
Das ist schon klar, aber auch selbsttändig machen kann man ja natürlich als "richtige Arbeit" bezeichnen. Es ging ja darum ob sich ein Praktikum lohnt oder ob man lieber etwas anständiges machen soll, statt sich in einem Praktikum ausnutzen zu lassen, ob das nun eine Anstellung oder Selbstständigkeit ist, kann man ja zunächst mal offen lassen.

"Ein Praktikum dürfte schon einiges an Nutzen bringen- in diesem Fall mehr aus sprachlicher Sicht; bzgl. den Regelungen und der Problematik in Deutschland würde ein Praktuikum hier im Lande wohl mehr bringen."
Aus sprachlicher Sicht bringt es sicher etwas, vor allem da es sich dabei um das Land meiner Zweitsprache handelt, für die ich noch keinen längeren Auslandsaufenthalt vorweisen kann.
Allerdings verstehe ich gerade nicht, warum ein Praktikum in Deutschland mehr bringen würde?

"ein Praktikum insb. dann wenn man auch seine Abschlussarbeit dabei schreiben kann ist immer hilfreich, wenn:
- das Unternehmen einen guten Namen hat"
Das auf jeden Fall, es handelt sich übrigens nicht um ein Übersetzungsbüro, sondern um einen Automobilhersteller.

"- man dort betreut wird
- man da etwas dazu lernen kann
- man evtl. seinen zukünftigen Arbeitgeber kennenlernt"
Das ist leider im Voraus schwer zu wissen... Betreut wohl schon, mein scheint auf jeden Fall einen Tutor dort zu haben, lernen wird man sicher auch etwas, zumindest einmal die Sprache, da es ein Auslandspraktikum ist, aber sicher auch noch mehr... Ob es mein zukünftiger Arbeitgeber werden könnte, naja, das kann man wohl im Voraus wirklich nicht wissen....


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Heike Behl, Ph.D.  Identity Verified
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Praktische Erfahrung Jul 25, 2012

Viele Übersetzer, die nach einem Studium Fuß fassen möchten, sehen sich dem Problem der mangelnden Erfahrung gegenüber.

Nach diesem Praktikum kannst Du etwas Auslandserfahrung ausweisen. 6 Monate sind für Fremdsprachen eigentlich noch immer viel zu kurz, weil es in der Regel doch länger dauert, bis man sich völlig in die Fremdsprache mit ihren idiomatischen Ausdrücken etc. und andere kulturelle Aspekte eingelebt hat. Aber 6 Monate sind natürlich besser als nichts. Ich persönlich wäre bei Übersetzern, die keinerlei Auslandserfahrung haben, sehr skeptisch. Ich habe an mir selbst erlebt, wie lange es dauert, die Fremdsprache wirklich zu beherrschen. Dagegen sind x Jahre in der Schule und der Universität relativ unbedeutend.

Nach diesem Praktikum kannst Du eventuell, wenn Du Deine Zeit optimal nutzt, ein solides zweisprachiges Vokabular in der Automobilherstellung, eventuell auch in der Geschäftssprache vorweisen. Das erfordert natürlich zusätzlichen Einsatz Deinerseits bei der Erstellung zweisprachiger Glossare (bzw. Recherche bezüglich vorhandener und Erweiterung derselben) und andere aktive Bemühungen. Versuche, das Praktikum wirklich so praktisch wie möglich werden zu lassen. Und eventuell Deine eigene Zeit in praktische Studien vor Ort zu investieren. Praktische Erfahrung in einem Feld eignet sich gut für eine Spezialisierung. Vielleicht kannst Du mit der Firma ja ein Tätigkeitsfeld ausmachen, dass für Dich am nützlichsten ist.

MMn würde Dir so ein Praktikum schon einen guten Schritt weiterhelfen, "Street Cred" als beginnender Freelance-Übersetzer zu bekommen, und Deinen professionellen Einstieg erleichtern.


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Elke Fehling  Identity Verified
Local time: 21:48
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Für mich war es gut Jul 25, 2012

Ich habe nach meinem Studium ein Praktikum in einem Übersetzungsbüro in Belgien gemacht, und das war der Grundstein meiner Karriere.

Ich hatte dort die Zeit, Übersetzungen in aller Ruhe zu machen, ohne den Zeitdruck, dem der Übersetzer immer ausgeliefert ist. Das Übersetzungsbüro war sogar so zufrieden mti mir, dass ich nach den veranschlagten 4 Monaten bleiben durfte. Ich bekam alle Übersetzngen, die ich machen konnte (das war am Anfang noch nicht so viel), plus allgemeine Büroarbeiten, um ausreichend Geld zu verdienen. Letztendlich bin ich dort dann 4 Jahre geblieben.

Ich habe dort meine ersten Schritte als Vollblutübersetzer gemacht. Ich bin diesem Unternehmen nach wie vor dankbar, auch weil sie weiterhin gute Kunden sind, weil ich über sie per Mundpropaganda weitere Kunden gefunden habe.

Ich würde es jederzeit wieder machen!


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Bernd Müller
Germany
Local time: 21:48
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Danke, Richard! S. aufschlussreich! Jul 26, 2012

Mir war klar, dass es angestellte Übersetzer gibt/ geben muss, aber tatsächlich habe ich deren Anzahl auch weit unterschätzt. Meines Wissens gibt es sie in Deutschland bei:

- Bundessprachenamt Hurth
- diversen Ministerien u.a. Regierungsstellen, wie z.B. dem Auswärtigen Amt, Kanzleramt, Verteidigungsministerium, NATO- Stellen, anderen div. Stellen der internationalen Gremien, Justizministerium,
- ggf. / sicherlich fast - auch bei den Landesregierungen (wobei aber ich selbst z.B. mal auf der Ebene Staatssekretär gedolmetscht habe, für RO- daher würde ich mal einschränkend annehmen, dass es sie hier nur für die ganz großen Sprachen geben mag, hauptsächlich EN)
- EU- Stellen
- BfA/ Deutsche Rentenversicherung- huier ist mir nicht klar, inwieweit sie angestellt oder Freiberufler mit Dauervertrag sind (etwa gar … scheinselbständig???)
- sicherlich auch bei Kripo, BND etc.
- bei großen Firmen, für die obersten Etagen, vermutlich auch; weiter unten eher nicht
- etc.- da kommt schon einiges zusammen!



Richard Schneider wrote:



Angestellte und vor allem Beamte achten peinlich genau darauf, im Netz keine Spuren zu hinterlassen. Sie betreiben keine Website und beteiligen sich grundsätzlich nicht an Diskussionsforen, um ihrem Arbeitgeber keinen Vorwand für eine Entlassung zu bieten. Bei einem Wechsel des Arbeitgebers möchten sie eine "weiße Weste" vorweisen können.



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Bernd Müller
Germany
Local time: 21:48
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+ ...
Gibt es eigentlich Zahlen bzgl. der Agentur- Angestellten? Jul 26, 2012

Ich habe da immer den Eindruck, dass die Agenturen und Ü- Büros keine oder kaum angestellte Übersetzer haben- oder höchstens in Führungspositionen- kann aber gut sein, dass ich mich da täusche!

Kennt jemand Zahlen?



Rolf Keller wrote:

Agenturen z. B. beschäftigen oft ausgebildete Übersetzer, die aber gar nicht übersetzen. Als was werden die denn gezählt?




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Bernd Müller
Germany
Local time: 21:48
German to Romanian
+ ...
verstehe ich gerade nicht, warum ein Praktikum in Deutschland mehr bringen würde? Jul 26, 2012

Nun ja- das war so gemeint- und nur auf den genannten Bereich bezogen:

Vorausgesetzt, Du willst später in Deutschland und als Freiberuflerin arbeiten, brauchst Du neben sprachlichen und fachsprachlichen etc. Kenntnissen auch gewisse Kenntnisse bzgl. der Tätigkeiten als freiberuflicher Übersetzer- quer Beet von Akquise bis Zahlungserinnerungen/ Mahnungen.

Die für Deutschland gültigen Infos bekommst Du verständlicherweise nur in Deutschland in ausreichendem Maße mit; andere Länder, andere Sitten- in anderen Ländern läuft Vieles anders! Manches davon hast Du sicherlich im Studium gelernt- nur sieht die Praxis ja meist recht anders aus als das Gelernte!

Ist also letztendlich eine Frage der Prioritäten, was Du mit diesem Praktikum erreichen willst.




VeronikaM wrote:

" bzgl. den Regelungen und der Problematik in Deutschland würde ein Praktikum hier im Lande wohl mehr bringen."
........
Allerdings verstehe ich gerade nicht, warum ein Praktikum in Deutschland mehr bringen würde?



[Editat la 2012-07-26 06:10 GMT]


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Rolf Keller
Germany
Local time: 21:48
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Praktische Erfahrung nützt sicher - aber wie viel nützt sie? Jul 26, 2012

Heike Behl, Ph.D. wrote:

"Ich habe an mir selbst erlebt, wie lange es dauert, die Fremdsprache wirklich zu beherrschen. Dagegen sind x Jahre in der Schule und der Universität relativ unbedeutend"


Das ist natürlich völlig richtig. Wenn man aber zu den nicht wenigen Anhängern der Meinung gehört, dass "man" ohnehin nur in die eigene Muttersprache übersetzen sollte, dann muss man fragen, wie groß der praktische Nutzen solchen "wirklich Beherrschens" ist. Was man beim mehrmonatigen Auslandsaufenthalt lernt, ist größtenteils nur Umgangssprache (geringer Wortschatz, Allerweltsthemen). Sobald es um Schriftsprache und Fachübersetzungen geht, braucht man aber etwas ganz anderes, nämlich etwas, das die Masse der einheimischen Bevölkerung nicht beherrscht, also kann man es von ihr nicht lernen.

Sicher, als Deutscher mit 6 Jahren Schulenglisch fällt man in jedem Londoner Bäckerladen sofort als Ausländer auf. Das wäre selbst dann so, wenn man keinerlei fremden Akzent hätte. Aber: Kann die Bäckereiverkäuferin z. B. alle Details in ihrem schriftlichen Arbeitsvertrag oder in der Installations- und Bedienungsanleitung für den Backautomaten genau verstehen? Das kann sie weder von der Sprache noch von der Sache her. Also kann sie diese Texte nicht gut übersetzen. Aber gibt es nicht Deutsche, die das viel besser können, ohne Sprache, Jura oder Backautomatenherstellung studiert zu haben? Ich gebe aber zu, nach 6 Monaten in London steht man im Bäckerladen deutlich besser da und kann dann auch die Sun halbwegs gut lesen.

Der rennomierte frühere ATA-Präsident Ben Teague hat auf Compuserve-FLEFO meiner Erinnerung nach mal gesagt, Fachübersetzungen seien ja ziemlich einfach zu erledigen, dafür brauche man keine tiefgehenden Kenntnisse der Ausgangssprache. Sehr viel schwieriger sei z. B. das Übersetzen eines Artikels aus einer Tageszeitung. AFAIK hat er kein Sprachstudium und keinen erwähnenswerten Auslandsaufenthalt hinter sich.

Man muss aber auch sagen, dass es nicht bei allen Sprachen so einfach ist. Manche Sprachen sind deutlich schwerer zu erlernen, z. B. Chinesisch. Und wenn es um das Recherchieren geht, ist das beim Englischen wegen der Menge der Internet-Quellen viel leichter als bei anderen Sprachen.

Und noch ein Punkt: Es gibt viele Leute (einschließlich mir), die behaupten, man könne Übersetzungen von Nicht-Muttersprachlern fast immer als solche erkennen, wenn es nicht zu kurze Fließtexte sind. Auch wenn die Übersetzer die Fremdsprache "wirklich beherrschen".


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Richard Schneider  Identity Verified
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Praktika sind ein Muss Jul 26, 2012

Praktika sind überaus sinnvoll, denn sie vermitteln die überlebenswichtigen berufspraktischen Kenntnisse. Praktikumsabsolventen wissen, wie man Kunden akquiriert, welche Preise üblich sind, wie Übersetzungsprojekte fachgerecht abgewickelt werden, wie man Rechnungen und Mahnungen schreibt usw. Das lernt man an der Uni nicht. (Allerdings ist es auch nicht Aufgabe der Uni, diese Kenntnisse zu vermitteln.)

Ich selbst habe in meiner Studienzeit drei Praktika absolviert, davon eines im Sprachendienst der ZF Friedrichshafen AG, einem Automobilzulieferer mit 72.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 15 Mrd. Euro. Die Gespräche mit dem Sprachendienstleiter (bei der Arbeit, beim Essen, bei einer Einladung zu sich nach Hause) und den Kollegen aus drei Nationen waren für mich von unschätzbarem Wert.

In meinem eigenen Übersetzungsbüro habe ich bislang zehn Praktikantinnen betreut. Die Dauer beläuft sich meist auf zwei Monate. Das kürzeste Praktikum lief eine Woche (Schülerpraktikum), das längste 7 Monate.

Aus dieser Erfahrung heraus lautet mein Fazit: Praktika sind Turbolader. In drei Monaten Praktikum erwirbst du etwa ein Jahr Praxiswissen. Ein sechsmonatiges Praktikum verschafft dir einen Zeit- und Wissensvorsprung von zwei Jahren gegenüber deinen Konkurrenten, die nach dem Uni-Abschluss ohne Praktikum ins kalte Wasser einer meist freiberuflichen Existenz springen müssen.

Bekanntlich schafft es nur die Hälfte von ihnen, sich länger als zwei Jahre über Wasser zu halten. Wer hingegen ein Praktikum absolviert hat, besitzt einen Wettbewerbsvorteil, weil er im Praktikum schon das Schwimmen gelernt hat.

oder wird man bei einem Praktikum doch am Ende nur ausgenutzt?


Natürlich gibt es Praktikumsgeber, die Praktikanten als kostenlose Arbeitskräfte missbrauchen. So etwas findet sich vor allem in Produktionsbetrieben.

In der Übersetzungsbranche funktioniert das so nicht – sonst wäre die Zahl der Praktikumsanbieter höher. Der Einarbeitungs- und Betreuungsaufwand ist hoch und alle Arbeitsergebnisse des Praktikanten müssen kontrolliert werden. Übersetzungspraktikanten benötigen (anders als in Produktionsbetrieben) einen vollständig ausgestatteten Computerarbeitsplatz. Schon allein das können sich viele kleine Büros räumlich und finanziell nicht leisten.

Deshalb gibt es deutschlandweit allenfalls 50 Praktikumsgeber in der Übersetzungsbranche. Bei rund 40.000 berufstätigen Übersetzern und etwa 300 größeren Übersetzungsbüros und Sprachendiensten ist das eine sehr kleine Zahl. (Eine Liste findet sich unter www.uepo.de/karriere/praktikum )

Ich kann dir deshalb nur eindringlich raten, die Chance zu nutzen, die sich dir bietet. Lass dich nicht von anderen davon abbringen. Selbst wenn dein Freund damit droht, dich zu verlassen, wenn du sechs Monate ins Ausland gehst – pfeif drauf! Männer gibt es wie Sand am Meer. Aber die Möglichkeit, ein sechsmonatiges bezahltes Auslandspraktikum anzutreten und in dieser Zeit wesentliche Teile der Abschlussarbeit zu schreiben, bietet sich – wenn überhaupt – nur einmal im Leben.


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Heike Behl, Ph.D.  Identity Verified
United States
Local time: 12:48
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Unterschätze den Wert der Sprachkenntnisse nicht Jul 27, 2012

Rolf Keller wrote:

Heike Behl, Ph.D. wrote:

"Ich habe an mir selbst erlebt, wie lange es dauert, die Fremdsprache wirklich zu beherrschen. Dagegen sind x Jahre in der Schule und der Universität relativ unbedeutend"


Das ist natürlich völlig richtig. Wenn man aber zu den nicht wenigen Anhängern der Meinung gehört, dass "man" ohnehin nur in die eigene Muttersprache übersetzen sollte, dann muss man fragen, wie groß der praktische Nutzen solchen "wirklich Beherrschens" ist. Was man beim mehrmonatigen Auslandsaufenthalt lernt, ist größtenteils nur Umgangssprache (geringer Wortschatz, Allerweltsthemen). Sobald es um Schriftsprache und Fachübersetzungen geht, braucht man aber etwas ganz anderes, nämlich etwas, das die Masse der einheimischen Bevölkerung nicht beherrscht, also kann man es von ihr nicht lernen.

Sicher, als Deutscher mit 6 Jahren Schulenglisch fällt man in jedem Londoner Bäckerladen sofort als Ausländer auf. Das wäre selbst dann so, wenn man keinerlei fremden Akzent hätte. Aber: Kann die Bäckereiverkäuferin z. B. alle Details in ihrem schriftlichen Arbeitsvertrag oder in der Installations- und Bedienungsanleitung für den Backautomaten genau verstehen? Das kann sie weder von der Sprache noch von der Sache her. Also kann sie diese Texte nicht gut übersetzen. Aber gibt es nicht Deutsche, die das viel besser können, ohne Sprache, Jura oder Backautomatenherstellung studiert zu haben? Ich gebe aber zu, nach 6 Monaten in London steht man im Bäckerladen deutlich besser da und kann dann auch die Sun halbwegs gut lesen.

Der rennomierte frühere ATA-Präsident Ben Teague hat auf Compuserve-FLEFO meiner Erinnerung nach mal gesagt, Fachübersetzungen seien ja ziemlich einfach zu erledigen, dafür brauche man keine tiefgehenden Kenntnisse der Ausgangssprache. Sehr viel schwieriger sei z. B. das Übersetzen eines Artikels aus einer Tageszeitung. AFAIK hat er kein Sprachstudium und keinen erwähnenswerten Auslandsaufenthalt hinter sich.

Man muss aber auch sagen, dass es nicht bei allen Sprachen so einfach ist. Manche Sprachen sind deutlich schwerer zu erlernen, z. B. Chinesisch. Und wenn es um das Recherchieren geht, ist das beim Englischen wegen der Menge der Internet-Quellen viel leichter als bei anderen Sprachen.

Und noch ein Punkt: Es gibt viele Leute (einschließlich mir), die behaupten, man könne Übersetzungen von Nicht-Muttersprachlern fast immer als solche erkennen, wenn es nicht zu kurze Fließtexte sind. Auch wenn die Übersetzer die Fremdsprache "wirklich beherrschen".


Selbst in Fachtexten kommen ausreichend idiomatische Ausdrücke vor. Wie oft habe ich schon Übersetzungen korrigiert, die in einwandfreiem Deutsch und wunderbarem Stil verfasst waren, aber oftmals keinen Sinn ergaben oder auch erst bei genauerem Vergleich mit der Quelle erkennen ließen, wie viele Missverständnisse es gegeben hat. Ein Beispiel, das ich in Geschäftstexten schon mehrfach korrigieren musste: "to report directly to someone" übersetzt in dem Sinne, dass man für bestimmte Personen keine Berichte schreiben darf. Gerade solchen Ausdrücken begegnet man im Schulenglischen wohl eher selten, aber wenn man im Ausland lebt und Informationen aller Art verarbeitet (nicht nur von der Bäckereiverkäuferin, die Du mMn stark unterschätzt, sondern Zeitung, Fernsehen, Diskussionen, Freunden etc.), hat man weitaus bessere Chancen, solche Fehler zu vermeiden.

Kein Wunder, dass man so vielen Übersetzungsfehlern begegnet, wenn sogar ein ATA-Präsident so einen Blödsinn verzapft! Ignorance is bliss - in anderen Worten: So denken halt Übersetzer, die sich überhaupt nicht bewusst sind, wie viele Fehler sie beim Übersetzen machen.

Dein letzter Punkt geht meilenweit vom Thema ab. Es geht um die Kenntnisse der Quellsprache, nicht um die Fähigkeit, in die Zweitsprache zu übersetzen. Aber mMn ist eine Beherrschung der Quellsprache, die fast so gut wie die der Muttersprache ist, Voraussetzung für einen guten Übersetzer. Und diese Art von Beherrschung erlangt man nur sehr schwer ohne längeren Auslandsaufenthalt.


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