Zeitformen in Interviews - direkte/indirekte Rede
Thread poster: Elke Fehling

Elke Fehling  Identity Verified
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Nov 1, 2012

Hallo zusammen,

ich habe eine Grundsatzfrage. Ich übersetze ein Interview, in diesem Fall einen englischen Text. Die direkte und die indirekte Rede innerhalb des Interviews steht in der Gegenwart, die "Zusätze" (also, das "sagte XYZ") jedoch in der Vergangenheit. Also zum Beispiel:

"Die Techniker verbringen viel Zeit mit dem Wartungsteam", sagte der Operations Manager. "Sie haben Zeit, die verschiedenen Aspekte der Anlage zu untersuchen." Die Mitarbeiter sind sehr zufrieden.

Mir erscheint die Vergangenheitsform in den "Zusätze" etwas merkwürdig, und ich würde im deutschen Text gerne alles in die Gegenwartsform setzen, zumal es im Gesamtext keine Einleitung gibt, die die Vergangenheitsform implzieren würde. Also:

"Die Techniker verbringen viel Zeit mit dem Wartungsteam", sagt der Operations Manager. "Sie haben Zeit, die verschiedenen Aspekte der Anlage zu untersuchen." Die Mitarbeiter sind sehr zufrieden.

Gibt es Regeln für die Verwendung der verschiedenen Zeitformen? Ich meine mich zu erinnern, dass Interviews z.B. in Tageszeitungen grundsätzlch in der Gegenwartsform stehen, obwohl das Interview naturgemäß in der Vergangenheit stattgefunden hat.


 

Nicole Schnell  Identity Verified
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Local time: 13:28
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Keine Mischform Nov 1, 2012

Das klingt herzlich merkwürdig. Ich vermeide ohnehin das naive „sagte“ wie die Pest und muss immer grinsen, wenn ich so etwas editieren soll.

Es gibt jede Menge Alternativen:

„Bla-blah“, so der Operations Manager
„Bla-blah“, erläutert der Operations Manager
„Bla-blah“, fügt der Operations Manager hinzu
„Bla-blah“, gibt der Operations Manager zu bedenken
„Bla-blah“, lacht Operations Manager XY
„Bla-blah“, meint Operations Manager XY
„Bla-blah“, betont Operations Manager XY

usw.


 

Gudrun Wolfrath  Identity Verified
Germany
Local time: 22:28
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"so" Nov 1, 2012

ist meine Lieblingsvariante: kurz, elegant - und sogar zeitunabhängig.

 

Elke Fehling  Identity Verified
Local time: 22:28
Member (2005)
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TOPIC STARTER
Gegenwart? Nov 1, 2012

Ich mag das "sagte" auch nicht, aber darum geht es hier ja nicht. Also verwendet Ihr die Gegenwart?

 

Cetacea  Identity Verified
Switzerland
Local time: 22:28
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Vergangenheit Nov 1, 2012

Elke Fehling wrote:

Ich mag das "sagte" auch nicht, aber darum geht es hier ja nicht. Also verwendet Ihr die Gegenwart?


Nein. Ehrlich gesagt, mich nervt der Gebrauch der Gegenwart für etwas, was (möglicherweise sogar vor längerer Zeit) bereits passiert ist, auch wenn diese Praxis in den Printmedien gang und gäbe ist. Diese Aussagen werden schliesslich nicht jetzt im Moment gemacht, also stehen Erläuterungen dazu in der Vergangenheitsform.


 

Rolf Kern  Identity Verified
Switzerland
Local time: 22:28
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Vergangenheit Nov 1, 2012

oder "so ..." oder "laut ...". Die Gegenwart ist absurd, auch wenn man bedenkt, dass sich der Sprecher heute eventuell wieder anders äussern würde.

 

Nicole Schnell  Identity Verified
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Ob Gegenwart oder Vergangenheit Nov 1, 2012

Kommt auf deinen Text an, welchen Zweck der Text hat, wo er erscheint, auf die Situation und vor allem auf die Einleitung. Eine Grundsatzregel gibt es nicht.

 

Nicole Schnell  Identity Verified
United States
Local time: 13:28
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Uih. Nov 2, 2012

Rolf Kern wrote:

oder "so ..." oder "laut ...". Die Gegenwart ist absurd, auch wenn man bedenkt, dass sich der Sprecher heute eventuell wieder anders äussern würde.


Weshalb sollte die Gegenwartsform absurd sein? Weil der Sprecher seine Meinung alle 48 Stunden ändern könnte wie ein gewisser, aktueller US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat? Diese seltsame Einstellung funktioniert ganz gewiss nicht für Wirtschaftsunternehmen. Wenn ein Interview motivierend und mitreißend sein soll, wäre die Vergangenheitsform geradezu albern. ALLE Interviews haben irgendwo in der Vergangenheit stattgefunden, sonst könnten sie nicht zitiert werden, richtig?


 

Rolf Keller
Germany
Local time: 22:28
English to German
In manchen Medien steht manchmal besseres Deutsch als ... Nov 2, 2012

Cetacea wrote:

Ehrlich gesagt, mich nervt der Gebrauch der Gegenwart für etwas, was (möglicherweise sogar vor längerer Zeit) bereits passiert ist, auch wenn diese Praxis in den Printmedien gang und gäbe ist. Diese Aussagen werden schliesslich nicht jetzt im Moment gemacht, also stehen Erläuterungen dazu in der Vergangenheitsform.


So einfach ist das ja nun wirklich nicht. Sprache kann man nicht mit simpler Logik erklären. Da geht es um Norm bzw. Usus.

So ist es auch mit den Zeitformen im Deutschen. Das Präsens z. B. hat seit Urzeiten (jedenfalls schon länger als alle Leser hier leben) mehrere anerkannte Verwendungsarten, die in jedem besseren Grammatikbuch aufgezählt sind:
1. Bezug auf Gegenwärtiges
2. Bezug auf Allgemeingültiges
3. Bezug auf Zukünftiges
4a. Bezug auf Vergangenes (historisches Präsens)
4b. Bezug auf Vergangenes (szenisches Präsens)
4c. Bezug auf Vergangenes (episches Präsens)

Die jeweils stilistisch "gute" Variante sollte einem professionellen Schreiber ohne Nachdenken quasi automatisch aus der Feder fließen.

Präsens 2:
"Der Minister XYZ sagt ja, die Steuern müssten gesenkt werden."

Präsens 3:
"Der Minister XYZ fliegt morgen nach Afrika."

Präsens 4a:
"Gestern war Pressekonferenz. Der Minister XYZ sagt nun endlich offen, er habe bei seiner Doktorarbeit abgekupfert."

Präsens 4b:
"Gestern fand eine Pressekonferenz statt, dabei gab es Einiges an unbeabsichtigter Komik zu sehen. Man stelle sich die Situation vor: Der Minister XYZ flüchtet mit angesengtem Toupet vor der Flambierpfanne."

Präsens 4c:
"Der Attentäter richtet eine Pistole auf den Minister" (im Roman).

Nichts davon bezieht sich auf die Gegenwart, aber alles steht im Präsens. Und alles ist korrektes und (vorbehaltlich des Kontexts und der Absicht des Schreibers) gutes Deutsch.

Die Medien machen also längst nicht immer etwas falsch ...


 


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