QuoVadis 2013: Übersetzer im 21. Jahrhundert...
Thread poster: Jerzy Czopik

Jerzy Czopik  Identity Verified
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Nov 16, 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen
Nicht nur die letzten, teilweise heftigeren Diskussionen in dem Übersetzer-Longue-Forum und an anderen Ecken, sondern auch der neuerliche Besuch auf der Tekom und meine eigenen Überlegungen, die ich seit langem mit mir herumtrage, bewegten mich dazu, dieses Thema hier zu öffnen.

Mir stellt sich nämlich die Frage, wie wir uns im 21. Jahrhundert als Übersetzer definieren. Sind wir die reinen Sprachmittler, die sich lediglich damit befassen, den Text von A nach B transferieren? Oder sind wir schon mehr als das?
Und wenn wir nun feststellen, was und wie wir machen, was brauchen wir dazu?
Welche Erwartungen haben wir an unseren Beruf? Aber auch welche Erwartungen bringt der Beruf mit sich? Was erwartet heute unsere Kunden?

Warum stelle ich all diese Fragen?
Nun, zu oft habe ich wohl die Aussage "ich bin NUR Übersetzer" gehört. Gerade in der letzten Zeit ist mir diese Aussage recht sauer aufgestoßen. Denn sie wertet unseren Beruf ab. Ganz ehrlich, habt ihr schon einen Arzt "ich bin NUR ein Arzt" sagen hören? Würde sich wirklich ein Anwalt vor Gericht erheben und sagen "ich bin nur ein Anwalt", weil der Richter von ihm eine in Word formatierte Datei gewollt hätte? Wir aber sagen oft, dass wir nur Übersetzer sind - sei es darum, dass wir ein Tool benutzen müssen, sei es aber auch darum, weil wir einen Computer benutzen müssen! Auch in diesem Zusammenhang habe ich diese Aussage - dicht gefolgt von "wir sind doch keine IT-Spezialisten" - gehört.
Kann man es heute wirklich noch wagen, ohne Computer zu arbeiten? Meines Erachtens absolut nicht. Sollen wir dann aber wirklich als "nur Übersetzer" fungieren, wenn es um die grundlegende Technik geht, die wir heute ohnehin benutzen müssen?

Aber es geht mir nicht nur um die Technik - auch andere Aspekte möchte ich berücksichtigen. Denn die meisten von uns sind Selbständige. Selbständig sein bedeutet aber - und das nun wirklich nicht gerade seit jetzt, sondern schon immer -, dass man sich auch mit wirtschaftlichen Aspekten unserer Arbeit beschäftigt. Dass man den eigenen Preis so berechnen kann, dass am Ende das herauskommt, was wir zum Leben brauchen. Hinzu kommt auch noch die Notwendigkeit, die eigene Leistung an den Man zu bringen... Auch das ist nichts neues, obgleich sich das Bild hier sicherlich seit 1990 - als ich angefangen habe, als selbständiger Übersetzer zu arbeiten - dramatisch verändert hat.

Daher möchte ich Euch bitten, mir hier Eure Einschätzungen zu geben.
Idealerweise möchte ich wissen, wie viel Prozent Eures übersetzerischen Daseins die rein sprachliche Arbeit, wie viel die dazu notwendigen Tools, wie viel dann das Marketing und auch die Verwaltung ausmachen. Diese Umfrage, die ich auch in andere Foren stellen werde, wird sicherlich nicht repräsentativ sein, dennoch erhoffe ich mir daraus gewisse Erkenntnisse, die ich auch hier vorstellen werde.
Ich bin wirklich sehr gespannt, inwiefern sich Eure Erfahrungen mit meinen decken oder diesen widersprechen.

Schon jetzt ein herzliches Dankeschön fürs Mitmachen
Jerzy

[Edited at 2013-11-17 09:43 GMT]


 

Melanie Di-Costanzo  Identity Verified
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Umfrage Nov 17, 2013

Hallo Jerzy,

Ich bin ziemlich neu in diesem Beruf aber allgemein verbringe ich genau so viel Zeit mit Übersetzungen als mit Marketing (50-50). Ich glaube, dass es auch einiger Zeit so bleiben wird.

Ich benutze OmegaT, denke daran mich mit Wordfast auseinanderzusetzen. Den Schritt habe ich aber noch nicht gewagt. Ich weiss nicht, ob ich noch lange NUR mit OmegaT werde arbeiten können...

Dieser Beruf finde ich durchaus spannend aber eines vergesse ich nicht und zwar, dass nichts dauerhaft ist und dass ich immer wieder neues dazu lernen muss, mich neu vermarkten muss .....


 

Erik Freitag  Identity Verified
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Schätzung aus dem Bauch heraus Nov 17, 2013

Jerzy Czopik wrote:

Idealerweise möchte ich wissen, wie viel Prozent Eures übersetzerischen Daseins die rein sprachliche Arbeit, wie viel die dazu notwendigen Tools, wie viel dann das Marketing und auch die Verwaltung ausmachen.

[Edited at 2013-11-17 09:43 GMT]


Lieber Jerzy,

interessant! Ich habe das nie mit der Uhr überprüft und kann nur aus dem Gefühl heraus Angaben machen:

"reine" sprachliche Arbeit: ca. 60 %
Tools: ca. 20 %
Verwaltung/Marketing: ca. 20 %

Bin gespannt darauf, was Du herausfindest!

Gruß,
Erik


 

Matthias Brombach  Identity Verified
Germany
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Dutch to German
+ ...
"Nur Übersetzer"... Nov 17, 2013

Hallo Jerzy,

vielen Dank für deinen Beitrag.
Behaupten das wirklich einige deiner Kollegen von sich, dass sie eben "nur" Übersetzer seien, oder wird es von dritter Seite über deine Kollegen behauptet? Diese Erfahrung meine ich nämlich des Öfteren zu machen:
Outet man sich Fremden gegenüber als Übersetzer, ist das Ansehen oftmals nur solange relativ hoch, bis man zwischen Übersetzer und Dolmetscher differenziert. Differenziert man dann noch weiter und stellt klar, dass man als Übersetzer in seine eigene Muttersprache übersetzt, hört man schon ein "Aha...", weil das ja wohl jeder kann, es gibt ja schließlich Wörterbücher und Google-Translate, und beim Stichwort "Technischer Übersetzer" (also noch nicht mal Literaturübersetzer!) kommen schnell die bekannten katastrophalen Toaster- und Smartphone-Übersetzungen aus dem Chinglischen ins Spiel, für die man nun endlich einen Verantwortlichen vor sich stehen hat. Ist man dann noch nicht mal in einem der bekannten örtlichen großen Industrieunternehmen angestellt, sondern outet sich als Freiberufler, d.h. man hat nicht mal Angestellte, ist nicht mal "Chef!!!", dann wird man schnell in den Bereich der Aufstocker, kreativen Steuerkünstler, Frührentner, Langschläfer usw. eingeordnet. Fällt meinerseits der Hinweis, dass ich schon seit einiger Zeit den Höchstsatz in der gesetzlichen Krankenversicherung bezahle, ist es mit dem Respekt ganz und gar vorbei: "Was, nicht mal privat krankenversichert?" Und an welcher Hochschule man denn einen Abschluss erworben habe? Was für ein Abschluss denn, bitte? Ja dann...dann ist man schnell "nur Übersetzer", vor allem, wenn man dann auch noch zufrieden damit ist und garnichts anderes mehr machen möchte: dann hat man überdies nicht mal mehr Ehrgeiz!
Dies soweit in überspitzter Form meine Erfahrungen, die ich vorzugsweise in (deutschen) akademischen Kreisen mache. Ich kann mir übrigens vorstellen, dass dies auch kulturell geprägt ist und dass man in anderen Ländern doch etwas mehr Ansehen besitzt allein nur aus der "earning my own bread and butter"-Tatsache heraus.
Was die Zukunft des Berufes bzw. was meine persönliche berufliche Situation anbetrifft, mache ich mir zwar nichts vor (und werde vor allem nichts "über die Stränge schlagen"), mache mir aber auch keine übermäßigen Sorgen, zumindest für die nächsten 5 Jahre nicht. Ich freue mich über alte Kunden der ersten Stunde, die meine Preiserhöhungen mitgemacht haben, und über neue Kunden, die meinen Preis akzeptieren und mich respektieren. Das Thema "Arbeiten für Agenturen" gehört aber auf ein anderes Blatt...
Sicher hat die Branche seit Einführung der CAT-Tools einen Wandel erfahren, den du, Jerzy, erlebt und überstanden hast. Ich kann mir aber aus linguistischen Gründen nicht vorstellen, dass der nächste technologische Schritt, nämlich maschinelle Übersetzungen im Verbund mit dem "Post-Editing", der Branche nun ganz und gar den Garaus macht, bis wirklich nur noch die oben erwähnten kreativen Aufstocker und Frührentner übrig bleiben, die dann die mir/uns unterstellten schrägen Toaster- und Tablet PC-Übersetzungen bieten.
Was wird denn übrigens hinsichtlich maschineller Übersetzungen und Post-Editing so auf deinen Tekom-Treffen gemunkelt?
Was die Gewichtung meiner Arbeit anbetrifft, schließe ich mich Erik an, wobei der technische Aspekt locker auf 10 % reduziert werden könnte, müsste ich mich nicht noch mit Studio 2011 herumschlagen, sondern könnte ausschließlich mit Déjà Vu arbeiten.
Freue mich auf die weiteren Beiträge hier!
Gruß,
Matthias

[Bearbeitet am 2013-11-18 07:40 GMT]


 

Heinrich Pesch  Identity Verified
Finland
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Finnish to German
+ ...
Traumberuf Nov 18, 2013

Ich hätte immer gern als Übersetzer gearbeitet, konnte damit aber erst anfangen, als ich den Tritt in den Hintern bekam und mit 52 arbeitslos war. Auch dann meinte ich lange, Übersetzen wird zu schlecht bezahlt, und wollte erst im Internet etwas anderes machen, Web-Designer oder so. Merkte aber dann, dass technisches Übersetzen gut bezahlt wird, falls man erst mal die richtigen Leute kennt. Literarisches Übersetzen dageben ist ein Hungerberuf.

In Finnland (und den anderen nördlichen Staaten) kann jeder zum Finanzamt gehen und am Computer einsehen, wieviel irgend jemand anderer im letzten Jahr versteuert hat. Deshalb entstehen nicht so leicht Illusionen über die eigene finanzielle Situation, weder negativ noch positiv. Ich glaube, kaum jemand heutzutage verdient mit so wenig Arbeit so gutes Geld wie wir.

Manche verkaufen sich aber leider zu billig. Dieses Jahr suchte ich einen Korrekturleser, nachdem mein früherer nicht mehr wollte. Diese Dame meinte, 25 Euro pro Stunde wäre wohl angemessen. Meine Antwort: Ich selbst berechne auch 40, also zahle ich dir das selbe. Dabei ist 40 Euro ja gar kein hoher Betrag für Spezialisten, aber meine Nebenkosten sind ja auch minimal.
Und oft, wenn ich ein Angebot ablehne, weil der Preis zu niedrig ist, kommt als Antwort: Danke fürs Antworten, aber wir haben den Auftrag schon platziert.

Was andere über uns denken, ist mir schnuppe. Aber bei der Technik müssen wir mitgehen, stehenbleiben ist nicht möglich. In dem Zusammenhang vielen Dank an dich, Jerzy, für deinen Einsatz bei der Kollegenhilfe hier im Forum und als Tester von Software sowie als Ausbilder. Ohne Kollegen wie dich wäre alles viel schwieriger.


 

Jerzy Czopik  Identity Verified
Germany
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TOPIC STARTER
NUR Übersetzer Nov 18, 2013

wird sehr oft von uns selbst in den Mund genommen.
Daher wird auch wohl der Ruf dieses Berufes in der Öffentlichkeit so sein, wie er ist und hier - aus meiner sich trefflich, leider - beschrieben wurde.


Mit der "Technik" im Beruf verstehe ich aber gar nicht erst die ausgewachsenen Übersetzungs-Tools, sondern die einfache Tatsache, dass wir für unsere Arbeit Computer benutzen (müssen oder nicht).
Ein einfaches Beispiel: wenn ich für einen Job InDesign brauche, um die Arbeit zu bekommen, ist das Verhältnis Sprache zu Technik ausgewogen bei 50:50.
Sprache setze ich bei uns allen als gegeben Voraus - das ist die notwendige Bedingung.
Die Nutzung bestimmter Mittel, um die Inhalte in einer für den Kunden brauchbaren Form von A nach B zu bringen (dh. aus Papier mit Handschrift - Kugelschreiber, mit Schreibmaschine - selbige, mit Word - Computer mit entsprechendem Betriebssystem und der entsprechenden Word-Version usw.), stellt dann die hinreichende Bedingung dar.
Wie wir aus Mathe wissen, muss die notwendige Bedingung erfüllt sein, damit ein bestimmter Umstand eintreten *kann*. Ist aber NUR die notwendige Bedingung erfüllt, ist es immer noch möglich, dass der gewünschte Umstand *nicht* eintrifft. Die hinreichende Bedingung reicht alleine aber nicht aus, erst wenn die "condicion sine qua non" (also die beiden - notwendige und hinreichende Bedingung) erfüllt ist, tritt der gewünschte Umstand ein. So verstehe ich meine Umfrage hiere.

Zur Vereinfachung habe ich eine Affenumfrage aufgestellt: https://de.surveymonkey.com/s/2ZTCMLM


 

B. D. Laux  Identity Verified
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German to Norwegian
+ ...
Frage Nov 19, 2013

Ich verstehe nicht ganz, was unter "sprachliche Belange" zu verstehen ist. Dreht es sich hier auch um das Übersetzen an sich, oder nur um die sprachliche Recherche?

 

Jerzy Czopik  Identity Verified
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+ ...
TOPIC STARTER
Sprachliche Belange Nov 19, 2013

bedeuten für mich in diesem Zusammenhang all das, was auch ohne technische Hilfsmittel vorhanden ist.
Nochmals als Beispiel: wenn ein Kunde mit einem InDesign-Auftrag droht, kann ich diesen nur unter der Voraussetzung annehmen, dass ich über InDesign verfüge (nicht notwendigerweise selbst, kann auch in Kooperation sein). Da wir bei uns Übersetzern die notwendigen Sprachkenntnisse als gegeben voraussetzen, ist die Bedingung "InDesign" der Bedingung "Sprache" gleichgestellt - deren Verhältnis ist 50:50. Den Auftrag gibt es weder ohne das eine, noch ohne das andere - nur wenn BEIDE Bedingungen erfüllt sind.
Ich suche die Aufteilung dieser Wichtigkeit - wie oft kommt es bei uns vor, dass wir einen Auftrag bekommen, egal mit welchen Mitteln dieser bearbeitet wird.
Dabei darf man die Frage nicht aus den Augen verlieren, ob wir überhaupt in der Lage sind, jegliche Aufträge ohne den Computer zu erledigen. Das erzwingt meines Erachtens schon einen nicht unerheblichen Teil der Technik an unserem Beruf.


 

Olaniza  Identity Verified
Germany
Local time: 01:04
German to Polish
+ ...
Ergebnisse Nov 20, 2013

Kann man die Ergebnisse dieser Umfrage sehen?

Schöne Grüße
Aleksandra Nizamova

[Bearbeitet am 2013-11-20 10:45 GMT]


 

Melanie Di-Costanzo  Identity Verified
Germany
Member (2013)
German to French
Ergebnisse Nov 21, 2013

Hallo Jerzy,
kannst du schon die Ergebnisse deiner Affenumfrage mit uns teilen?

[Edited at 2013-11-21 06:24 GMT]


 

Jerzy Czopik  Identity Verified
Germany
Local time: 01:04
Member (2003)
Polish to German
+ ...
TOPIC STARTER
Ergebnisse... Nov 21, 2013

werden im BDÜ-Blatt veröffentlicht und im FIT-Kongress 2014 in Berlin umfangreich vorgestellt.
Momentan sind noch viel zu wenig Stimmen da, um sie als "Ergebnis" zu betrachten.
Ich stelle dieselbe Frage noch in Englisch und warte dann noch mindestens bis Mitte Dezember, bevor ich das zusammenfasse.


 


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