Technische Redaktion - wie haltet Ihr es mit der persönlichen Anrede?
Thread poster: Anna Sarah Krämer Fazendeiro

Anna Sarah Krämer Fazendeiro
Germany
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Feb 13, 2015

Zur Zeit übersetze ich eine Kurzanleitung für ein Fahrzeug - es gibt bereits ein umfangreiches TM, allerdings ist das sehr uneinheitlich - teilweise wird die persönliche Anrede verwendet (Betätigen Sie die Taste, um...) und teilweise der Infinitiv (Die Taste betätigen, um...).

Ich habe mich nun entschieden, das Ganze so gut es geht zu vereinheitlichen und den Infinitiv zu verwenden. Aber mich würde auch die Meinung von Kollegen interessieren: Wie handhabt Ihr das? Macht Ihr Unterschiede je nach Zielgruppe? Oder achtet Ihr gar nicht darauf?

Vielleicht sind ja auch "echte" technische Redakteure unter uns, die das Thema noch näher beleuchten können? Gibt es vielleicht Studien, welche Variante für Leser verständlicher ist?

Viele Grüße
Anna


 

Rolf Keller
Germany
Local time: 12:45
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Eine politische Frage ... Feb 13, 2015

Anna Sarah Krämer Fazendeiro wrote:

es gibt bereits ein umfangreiches TM, allerdings ist das sehr uneinheitlich


Sonst wäre es ja auch kein übliches TM ...icon_frown.gif

Es sind aber nicht nur die Übersetzer die Übeltäter, sondern oft auch die Autoren; einige von denen schreiben x-mal denselben Satz, nur mit anderen Satzzeichen, Tippfehlern, Abkürzungen, Wortstellungen, Vokabelvarianten etc. Kennen die kein Cut-and-Paste?

IMHO ist die übliche Praxis, TMs anderen Stellen/Personen einfach ungeputzt hinzuwerfen ("Da, nimm. Und dann mach mal!"), Unfug. Um die Vorteile von TMs wirklich zu nutzen, muss man die gesamte Kette einbeziehen, vom Autor bis zum Endlektor. Der Autor muss dazu verdonnert werden, konsistent zu arbeiten. Und der Lektor muss mehr tun als nur redigieren: Er muss den Inhalt des TM verantwortlich betreuen und ggf. auch Rückmeldungen bis hin zum Autor geben. Ja, so ist das, aber viele denken, die Erde sei eine Scheibe.icon_frown.gif

teilweise wird die persönliche Anrede verwendet (Betätigen Sie die Taste, um...) und teilweise der Infinitiv (Die Taste betätigen, um...)


Es gibt noch eine dritte Variante: "Die Taste X dient dazu, bei ..." Je nach den Umständen kann das die beste Variante sein, aber sie ist nur nutzbar, wenn man den Leser nicht zu einem konkreten Tun auffordern muss.


 

Anna Sarah Krämer Fazendeiro
Germany
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So isses Feb 13, 2015

Rolf Keller wrote:


Es sind aber nicht nur die Übersetzer die Übeltäter, sondern oft auch die Autoren; einige von denen schreiben x-mal denselben Satz, nur mit anderen Satzzeichen, Tippfehlern, Abkürzungen, Wortstellungen, Vokabelvarianten etc. Kennen die kein Cut-and-Paste?



Ist mir auch schon oft aufgefallen. Meist suche ich dann per Concordance Search nach Satzteilen und Wortgruppen, und manchmal habe ich sogar Glück. Ähnlich vernachlässigt ist in diesem Fall auch das Glossar, mit unzähligen Übersetzungsvarianten für dasselbe Wort, und teilweise auch noch mit Fehlern. Umso erschreckender, dass der ganze Spaß im sogenannten Luxussegment stattfindet. Wie ist es dann erst bei Billigautos? Wird da vielleicht schon nur noch MT editiert?

Vielleicht gibt es ja irgendwo spezielle Agenturen für technische Übersetzungen, die den ganzen Prozess gut im Griff haben - aber ich fürchte, das ist wie mit Marketingübersetzern - die meisten glauben nur, sie könnten es.

Ich finde gerade das Thema Verständlichkeit von technischen (und anderen) Texten sehr spannend - vielleicht auch unter anderem wegen der oft frustrierenden Missverständnisse in meiner mehrsprachigen Familie. Oder wenn ich mal wieder eine Übersetzung prüfe, in der sich zwischen den zwei Teilen eines Verbs eine ganze Wüste von Nebensätzen erstreckt.

Ich würde mich auch sehr über Literaturvorschläge freuen - es gibt so viele Bücher über technische Redaktion, aber welche sind gut und gehen vielleicht auch speziell auf die Situation beim Übersetzen ein?

Viele Grüße
Anna


 

Uta Schulz  Identity Verified
Portugal
Local time: 11:45
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techniker- oder anwenderorientiert Feb 13, 2015

Ich kann mich den Kollegen oben nur anschließen, habe ähnliche Erfahrungen. Ich gehe in solchen Fällen auch über die Concordance-Suche und versuche, dem Chaos nicht noch eine Variante hinzuzufügen.

Wenn ich bei einem Projekt Kundenkontakt habe und dieser Kunde ist selbst Techniker, so wird in der Regel die unpersönliche Form bevorzugt. Ich als Techniker finde das auch angenehmer. Allerdings könnte eine Anleitung für einen Epilierer oder Küchenmixer für den Anwender verständlicher und angenehmer sein, wenn die persönliche Form verwendet wird. Dann steht das Verb am Beginn des Satzes, sodass der Normalverbraucher deutlich handlungsorientiert angeleitet wird.
Der Techniker dagegen erkennt ja schon an der Überschrift des Kapitels, ob er gerade demontieren oder schmieren muss und findet es deshalb womöglich angenehmer, wenn der Handlungsgegenstand zuerst im Satz genannt wird, also wie bei der unpersönlichen Form (reine persönliche Ansicht meinerseits...).

Auch kann es sinnvoll sein, die Sicherheitshinweise in der persönlichen Form zu formulieren. Es gibt da die verschiedensten Kombinationsmöglichkeiten. Aber ohne Rücksprache, Styleguide und Koordination können wir als Übersetzer mit TM an der Konsistenz meiner Meinung nach wenig ausrichten.


 

Anna Sarah Krämer Fazendeiro
Germany
Local time: 12:45
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Handlungsorientiert Feb 13, 2015

Uta Schulz wrote:


Wenn ich bei einem Projekt Kundenkontakt habe und dieser Kunde ist selbst Techniker, so wird in der Regel die unpersönliche Form bevorzugt. Ich als Techniker finde das auch angenehmer. Allerdings könnte eine Anleitung für einen Epilierer oder Küchenmixer für den Anwender verständlicher und angenehmer sein, wenn die persönliche Form verwendet wird. Dann steht das Verb am Beginn des Satzes, sodass der Normalverbraucher deutlich handlungsorientiert angeleitet wird.
Der Techniker dagegen erkennt ja schon an der Überschrift des Kapitels, ob er gerade demontieren oder schmieren muss und findet es deshalb womöglich angenehmer, wenn der Handlungsgegenstand zuerst im Satz genannt wird, also wie bei der unpersönlichen Form (reine persönliche Ansicht meinerseits...).


Das klingt für mich logisch. Gut möglich, dass ich mit meinem Infinitiv in der Kurzanleitung nicht die optimale Form gewählt habe, so richtig überzeugt bin ich leider nicht von der Option mit dem Infinitiv. Deine Argumentation kann ich gut nachvollziehen.

Viele Grüße
Anna


 

Heinrich Pesch  Identity Verified
Finland
Local time: 13:45
Member (2003)
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Deutscher Infinitiv ist zweideutig Feb 14, 2015

Wenn man aus dem Deutschen übersetzt, stellt sich dauernd die Frage, was mit dem Infinitiv gemeint ist: Beschreibung oder Aufforderung. Die meisten Autoren verwenden den selben Satz sowohl als Überschrift (Beschreibung) als auch als Aufforderung im Text danach. Z.B. im Finnischen ist das widersinnig, in der Überschrift wird beschrieben, um was es sich im folgenden Text handelt:

Überschrift:
(Das) Festschrauben des Geräts (stattdessen meistens "Gerät festschrauben")

Text:
Gerät festschrauben.

Man hat dann im TM zwei übersetzungen für genau den selben deutschen Wortlaut. Oft erkennt man am fehlenden Punkt, dass es sich um eine Überschrift handelt.


 

Andrea Halbritter  Identity Verified
France
Local time: 12:45
Member (2014)
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Andere Möglichkeiten Feb 14, 2015

Neben persönlicher Anrede und Infinitiv gibt es doch auch noch folgende Möglichkeiten: Passiv, Umschreibung mit "man".

Eine persönliche Anrede würde ich nicht ausschließen - v. a. bei Sicherheitshinweisen.


 

Dr. Matthias Schauen  Identity Verified
Germany
Local time: 12:45
Member
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Kochrezepte Feb 14, 2015

Im deutschsprachigen Raum sind wir seit langer Zeit die unpersönliche Form gewohnt, siehe Kochrezepte ("100 g Margarine und 3 Eier vermengen und langsam 100 g Mehl einrühren"). Eine Anleitung in diesem Stil wirkt nicht unfreundlich oder unpersönlich, sondern ist so geschrieben, wie es für die Leser am natürlichsten ist. Die Zunahme der persönlichen Form, die mit dem Verb beginnt, halte ich für eine Folge zu vieler Übersetzungen aus dem Englischen, die am Original kleben. In der Folge wird das dann rationalisiert mit Argumenten wie "der Kunde wird persönlicher angesprochen".

[Edited at 2015-02-14 18:04 GMT]


 

Anna Sarah Krämer Fazendeiro
Germany
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Natürlich Feb 17, 2015

Dr. Matthias Schauen wrote:

Im deutschsprachigen Raum sind wir seit langer Zeit die unpersönliche Form gewohnt, siehe Kochrezepte ("100 g Margarine und 3 Eier vermengen und langsam 100 g Mehl einrühren"). Eine Anleitung in diesem Stil wirkt nicht unfreundlich oder unpersönlich, sondern ist so geschrieben, wie es für die Leser am natürlichsten ist. Die Zunahme der persönlichen Form, die mit dem Verb beginnt, halte ich für eine Folge zu vieler Übersetzungen aus dem Englischen, die am Original kleben. In der Folge wird das dann rationalisiert mit Argumenten wie "der Kunde wird persönlicher angesprochen".

[Edited at 2015-02-14 18:04 GMT]


Dass Leser dies schon von Kochrezepten kennen, ist ein gutes Argument, daran hatte ich nicht gedacht. Ob es aber wirklich die natürlichste Form ist, weiß ich nicht. Die persönliche Anrede wirkt vielleicht eher so, als würde jemand neben dem Leser stehen und den Sachverhalt erklären.

Was aber auf jeden Fall für den Infitiv spricht, ist die Kürze. Dreimal "Sie" in einem Satz bläht das Ganze doch ziemlich auf.

Heinrich Presch wrote:

Wenn man aus dem Deutschen übersetzt, stellt sich dauernd die Frage, was mit dem Infinitiv gemeint ist: Beschreibung oder Aufforderung. Die meisten Autoren verwenden den selben Satz sowohl als Überschrift (Beschreibung) als auch als Aufforderung im Text danach. Z.B. im Finnischen ist das widersinnig, in der Überschrift wird beschrieben, um was es sich im folgenden Text handelt:

Überschrift:
(Das) Festschrauben des Geräts (stattdessen meistens "Gerät festschrauben")

Text:
Gerät festschrauben.


Manchmal klingt es allerdings so nach Beamtendeutsch, wenn man Verben krampfhaft in Nomen umwandelt. Und wenn schon ein Genitiv vorhanden ist ("die Abdeckung des Geräts"), wird es ganz umständlich.

Andrea Halbritter wrote:

Neben persönlicher Anrede und Infinitiv gibt es doch auch noch folgende Möglichkeiten: Passiv, Umschreibung mit "man".


"Man" und Passiv gehen natürlich auch, aber die Übersetzung wird natürlich auch wieder länger.

Viele Grüße
Anna


 


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