Kunde im Ausland - Verklagen oder nicht
Thread poster: Tatjana Baumgärtner

Tatjana Baumgärtner  Identity Verified
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Mar 9, 2015

Liebe Kollegen,

ich möchte kurz eine Geschichte schildern und würde mich über Erfahrungen und Meinungen dazu freuen. Meinung in Bezug auf - was sollte ich tun, Erfahrungen im Sinne von, hat jemand schon ähnliches erlebt, wie ging die Sache aus.

Die Story ist Folgende, ich sitze in Deutschland und arbeitete im September 2014 seit einem Jahr für eine Agentur in Polen. Namen gebe ich gern weiter, weiß aber nicht, ob das aktuell hier zulässig ist. Nun ja, diese Agentur beauftragte rund 50000 Wörter zu einem bestimmten Preis. Die Übersetzung erfolgte direkt in einer Webseite, dadurch konnten die Wörter im Vorfeld von mir nicht nachvollzogen werden. Nach einer Weile fiel mir auf, dass es sich um weit mehr Wörter handelte, ich bekam die Info, das wäre schon aufgefallen, wird im Nachhinein berechnet und bezahlt. Der Endkunde, mit dem ich auch in Kontakt stand, berichtete von 150.000 Wörtner plus man weiß es nicht. Es schien alles geklärt.

Nach drei Monaten Arbeit wurde ich angemeckert, dass ich den Liefertermin nicht eingehalten habe. Natürlich, welche Überraschung - mehr als das dreifache an Arbeit braucht mehr Zeit oder? Des Weiteren hieß es, es würden nur die ursprünglichen 50.000 Wörter bezahlt. Ich stellte meine Arbeiten ein, zählte die Wörter und stellte 320.000 in Rechnung.

An dieser Stelle kam es zu Verhandlungen mit der Agentur, der Endkunde gab keine Kommentare mehr ab. Wir einigten uns auf einen Pauschalpreis von 11.000 Euro, wenn ich die Seite fertig machen würde.

Da es einige Wiederholungen gab, da ich ja schon viel übersetzt hatte, ließ ich mich darauf ein.

Nun kamen wir zum Ende und ich erwartete meine erste Abschlagszahlung. Die gesamte Webseite beläuft sich nunmehr wohl auf um die 450.000 Wörter, wie gesagt, zwar mit Wiederholungen, aber trotzdem. Viel Aufwand. Nun heißt es, meine Zahlungen erhalten ich dann, wenn ich die Urheberrechte in vollem Umfang übertrage, die TM hergebe (die ich natürlich für mich und nicht kostenlos für die künftige Verwendung durch den meiner Meinung nach betrügerischen Kunden erstellt habe), Und, ich muss mich in dieser Vereinbarung verpflichten, 1500 Wörter pro Tag vorrangig für diese Agentur zu bearbeiten, mit großzügigen 15 Tagen Urlaub im Jahr, alles andere bedarf der schriftlichen Zustimmung der Agentur.


Ich war natürlich beim Anwalt. Verklagen könnte man schon, wenn man genug Geld dafür hat.


Im Augenblick tendiere ich dazu, kein Urheberrecht noch sonst irgendwas zu übertragen, sondern einfach die Nutzung meiner Übersetzung zu verbieten. So habe ich zwar nichts davon, aber wenigstens die Agentur und der Endkunde auch nicht.

Hat jemand Erfahrung mit Rechtsstreitigkeiten im europäischen Ausland? Was würdet ihr tun?


 

Marcus König  Identity Verified
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Indizien für die Katastrophe Mar 9, 2015

Liebe Tatjana,

es ist nicht möglich, dich in dieser Frage zu beraten, da wir ja keinen Zugang zu deinen Verträgen haben.

Indizien für diese Katastrophe sind in jedem Fall:

Du erwartest nach vierhundertfünfzigtausend Wörtern deine erste Abschlagszahlung? Warum setzt du dich so einem Wagnis aus? Den Zahlungsplan hätte ich so nicht ausgehandelt. Der Kunde bekommt laufend Teillieferungen? Dann solltest du laufend Teilzahlungen bekommen. Alle 14 Tage Cash wäre m.E. wohl angebracht bei diesem Volumen.

Tatjana Baumgärtner wrote:

da ich ja schon viel übersetzt hatte, ließ ich mich darauf ein.


Dass du schon viel Arbeit und Ärger in das Projekt gesteckt hast, hätte nicht der Grund dafür sein sollen, dieses problematische Verhältnis auch noch zu verlängern.

Tatjana Baumgärtner wrote:

So habe ich zwar nichts davon, aber wenigstens die Agentur und der Endkunde auch nicht


Das Ziel der Sache ist nicht, dass niemand etwas davon hat.

Ich wünsche dir, dass du erkennst, warum die Zusammenarbeit beendet werden muss.

Beste Grüße
Marcus


 

Tatjana Baumgärtner  Identity Verified
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Katastrophe ist ein gutes Stichwort Mar 9, 2015

Lieben Dank, Marcus, aber ich wollte auch keine Beratung sondern einfach Erfahrungwerte in ähnlichen Lagen.

Die erste Teilieferung bestand, wie im Nachhinein festgestellt, aus 320 k Wörtern, ich habe seit langem mit dieser Agentur gearbeitet, die Bezahlung erfolgte immer pünktlich. Sie haben mir glaubhaft versichert, dass sie kein Geld vom Endkunden erhalten und daher selbst nicht zahlen könnten.
Ich denke, hier wäre das Risiko, sie zu verklagen und nichts zu bekommen, sondern im Gegenteil enorme Ausgaben zu haben, weil sie "Konkurs" anmelden, noch größer gewesen.

Du hast völlig recht mit denen hätte und wäre.

Ich hatte nur, wie gesagt, auf Erfahrungsberichte in Zusammenhang mit Rechtsstreitigen im europäischen Ausland gehofft. Nun ja, und nachdem ich meine Übersetzung aktuell nicht überlassen werde, möchte ich auch gleichzeitig vor einer sehr umfangreichen Übersetzung eines Webkatalogs für Ladungssicherung warnenicon_smile.gif


 

Tatjana Baumgärtner  Identity Verified
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P.S. Mar 9, 2015

P.S.

Das Ziel der Sache ist nicht, dass niemand etwas davon hat.

Ich wünsche dir, dass du erkennst, warum die Zusammenarbeit beendet werden muss.

Beste Grüße
Marcus [/quote]


Das Ziel der Sache WÄRE nicht,dass niemand etwas davon hat. Richtig. Dass aber nur ICH nichts davon habe, und alle anderen Beteiligten glücklich sind ist auch nicht mein Ziel.


 

Marcus König  Identity Verified
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Schlussrechnung schon geltend gemacht? Mar 9, 2015

Liebe Tatjana,
Ich kann zum Glück keine besonderen Erfahrungen in Bezug auf nicht zahlende Kunden beitragen. Bis 2.000 Eur Forderungssumme hätte man es ohne einen Anwalt über die European Small Claims Procedure versuchen können. Ich denke, dass könnte der eine oder andere Kollege bestätigen.

Vielleicht meldet sich ja noch jemand, dessen Versuche der nachträglichen Honorareinstreichung ähnliche Dimensionen angenommen haben. Aber mal ehrlich, die meisten Kollegen dürften nicht annähernd über deine Risikobereitschaft verfügen, egal an wen auch immer, 320 k Wörter im Voraus zu leisten, weder über die Ritterlichkeit, die Agentur von Ihren Zahlungspflichten zu entbinden, weil weil sie dir Finanzprobleme glaubhaft macht.

Ich habe jetzt immer noch nicht genau verstanden, welchen Teil des Geldes du bekommen hast. Aber ich gehe davon aus, dass du deine Forderung (Schlussrechnung) schon beim Kunden geltend gemacht hast?


 

Tatjana Baumgärtner  Identity Verified
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Schlussrechnung Mar 9, 2015

Lieber Marcus,

danke erstmal für den Tipp zwecks der kleinere Beträge. Gut zu wissen.

Die Schlussrechnung wird, nachdem wir ständig in Verhandlungen standen, von meiner Anwältin geltend gemacht, jetzt auch mit Risiko, aber naja, irgendwas muss ich ja tun. Ist schon schlimm, wo doch ein eigentlich ganz gutes deutsches Unternehmen am Ende der Kette steht.

Ich habe bisher lediglich 500 Euro erhalten (ich weiß, lächerlich) und unheimlich viele Knebelverträge, die ich unterzeichnen muss, in verschiedensten Varianten, damit ich die erste Zahlung einer vereinbarten reduzierten Summe erhalte.

Ja, es war ein Risiko, bzw. ist noch es immer noch eins....war vielleicht dumm. Aber bisher hatte ich zumindest die Chance auf eine Bezahlung.


 

Steffen Walter  Identity Verified
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Vertraglich geregelter Urlaub bei freiberuflichen Aufträgen? Mar 9, 2015

Was ist denn das für ein Angebot? Betrachten die dich als Angestellte? Ich gehe aber davon aus, dass du selbst auch schon die Untragbarkeit dieser sogenannten "Vereinbarung" erkannt hast.

(Zum eigentlichen Thema der Rechtsstreitigkeiten mit Kunden im europäischen Ausland kann ich leider nichts beitragen.)

Viele Grüße
Steffen


 

Andrea Halbritter  Identity Verified
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Anwalt Mar 9, 2015

Finde dich auch - positiv ausgedrückt - sehr risikofreudig und optimistisch... So wie das Ganze abgelaufen ist, war ein Problem ja schon fast vorhersehbar. Da wir aber natürlich mit hätte, wäre, wenn... nicht weiterkommen und sich vermutlich auch kein Kollege mit einem ähnlichen Problem melden wird (wie ja auch andere schon angemerkt haben), würde ich dir zu einer Rechtsberatung bei einem nicht allzu teuren Anwalt raten.

 

Gudrun Wolfrath  Identity Verified
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Wäre vielleicht einen Versuch wert Mar 9, 2015

https://student-law.de/

Habe keine Erfahrungen mit dieser Stelle, aber eine Erstberatung (oder mehr) kann nicht schaden.


 

Anett Lindner
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Deine Trümpfe Mar 9, 2015

Hallo Tatjana,

glücklicherweise/leider habe ich weder im Inland noch im Ausland Erfahrung mit derartigen Zahlungsausständen. Aber rein praktisch gedacht kann dir die Größe des Projektes doch nur in die Hand spielen. Wo findet der Endkunde jetzt noch jemanden, der ihm dieses Volumen, wenn du die Verwendung untersagst, noch einmal zu wohl recht günstigen Konditionen und auch so übersetzt, dass er danach seine Produkte damit auch an den Mann bringen kann? Im besten Fall nach 4 Monaten. Falls Kollegen gewarnt werden, z. B. über einschlägige Foren zur Zahlungspraxis, kann sich dies noch schwieriger gestalten. Außerdem hast du das TM, das er gerne haben möchte. Ich würde meinen, dass man da mit einem guten Anwalt und einer entsprechenden Drohkulisse, die jederzeit in die Eröffnung eines Verfahrens übergehen kann, noch etwas erreichen kann.

Wenn die Forderung unstrittig ist, ließe sich die Forderung vielleicht auch verkaufen ...

Viel Glück.

Anett

[Bearbeitet am 2015-03-09 15:47 GMT]

[Bearbeitet am 2015-03-09 16:33 GMT]


 

Tatjana Baumgärtner  Identity Verified
Germany
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Meine Trümpfe Mar 9, 2015

Hallo Anett,

das lässt mich doch Hoffnung schöpfen, danke für deinen Eintrag.


Es ist das, worauf ich spekuliere und hoffe, dass wenn ich die Verwendung komplett untersage, die Bereitschaft, überhaupt zu zahlen und angemessen zu zahlen deutlich steigt.

Die Forderung ist im Grunde völlig unstrittig, darum sicher auch die wirklich krassen Verträge, die jetzt nachgeschoben werden, allerdings, eine Forderung im Ausland zu verkaufen ist sicher schwierig.

Aber wirklich lieben Dank für deine Infos. Kennst du genannte einschlägige Foren zufällig?


 

Michael Wetzel  Identity Verified
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polnischer Anwalt? Mar 9, 2015

Ich würde auf jeden Fall einen polnischen Anwalt engagieren, falls das zuständige Gericht in Polen sitzt. Ich würde auch einen richtigen Anwalt nehmen, der auch ein richtiges Honorar haben will, einen guten Eindruck macht und auch richtige Leistungen anbitetet. (student-law.de - ehrlich?) Und ich würde nichts weiteres tun, bis der Anwalt gesagt hat, was ihr jetzt machen sollt.

Zumindest für deutsche Verhältnisse schreit der Vertrag nach Scheinselbständigkeit, d. h., wenn die Agentur nicht mitspielen will, kann es vermutlich nur noch schlimmer für sie werden, falls du einen richtigen Anwalt findest und falls die nicht insolvent werden.
Dass man etwas unterschrieben hat, heißt auch nicht, dass es auch vor Gericht Bestand hat. Das klingt auf jeden Fall alles extrem dubios und du solltest dich professionell beraten lassen (da springt am Ende vielleicht auch deutlich mehr als 11.000 EUR für 450.000 Wörter raus).

Wenn ich schon mindestens (!) eine größere dreistellige Summe an unbezahlten Arbeitsstunden in dieses "Projekt" investiert hätte, würde ich auf jeden Fall auch noch die Kosten für eine ordentliche rechtliche Beratung auf mich nehmen.


 

Andrea Halbritter  Identity Verified
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Zustimmung Mar 10, 2015

Angesichts der Summe, um die es geht, und der Zeit, die du investiert hast, würde ich Michael zustimmen. Außerdem ist ein Erstgespräch mit einem Anwalt in Polen sicher nicht sooooooooo teuer.

 

Kelly Neudorfer  Identity Verified
Germany
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BDÜ Mitglied Mar 12, 2015

Hi Tatjana,

bist du BDÜ Mitglied? Über den BDÜ kann man nämlich die Dienste bestimmter Rechtsanwälte zu etwas günstigeren Preisen in Anspruch nehmen. Falls ich mich je in so einer Lage finden sollte, würde ich mich an sie wenden.
Ich hoffe, das geht für dich gut aus!

Grüße,
Kelly


 


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