(Angehörige von) Endkunden kontaktieren und etwaige Relevanz im Asylverfahren
Thread poster: Matthias Quaschning-Kirsch

Matthias Quaschning-Kirsch  Identity Verified
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Aug 22

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Folgende Räuberpistole: Ein Asylbewerber braucht eine Übersetzung von Dokumenten. Die Arbeitsagentur kommt für die Kosten auf und gibt die Übersetzung in Auftrag.

Der Übersetzer kennt den Nachnamen des Asylbewerbers. Hat bei Facebook einen Freund gleichen Nachnamens.

Der Übersetzer fragt seinen Facebook-Freund, ob er den Asylbewerber kenne und ihm sagen könne, wo der sich aufhalte und unter welcher Telefonnummer dessen in einem Drittstaat lebende Mutter erreichbar sei. Sie solle den Asylbewerber bitten, sich beim Übersetzer für einige Rückfragen zu melden.

Der Facebook-Freund erweist sich als (Nenn-)Verwandter des Asylbewerbers, ruft die Mutter an usw. Der Übersetzer macht also in der Familie sämtliche Pferde scheu. Dazu ist zu ergänzen: Nachdem der Asylbewerber das Herkunftsland verließ, lebte er zunächst bei der Mutter im Drittstaat. Nachdem sich wiederholt Unbekannte aus dem Herkunftsland bei der Mutter nach dem Asylbewerber erkundigt hatten, fühlte der sich dort nicht mehr sicher und ging nach Deutschland. Seither ist die Mutter stets beunruhigt, wenn Unbekannte sich nach ihrem Sohn erkundigen.

Der Asylbewerber kontaktiert mich und sagt, er befürchte, der Übersetzer werde die Informationen an die Behörden im Herkunftsland verraten. Er habe große Angst.

Ich erkläre ihm, daß ich den Vorgang für ungewöhnlich halte und der Sache nachgehen will. Das habe aber Zeit, bis ich aus dem Urlaub zurück bin. Es bestehe keine direkte Gefahr.

Er solle nichts unternehmen, nur Daten und Informationen sichern, brauche sich keine Sorgen zu machen und könne ruhig schlafen (in Europa ist es inzwischen 22.30).

Genau das tut der Asylbewerber nicht. Er besorgt sich einen neuen Facebook-Account, schickt dem Übersetzer eine Freundschaftsanfrage und fragt ihn, was das alles solle. Der Übersetzer beruhigt ihn und sagt, er habe nur ein paar Fragen zu den Ausgangsdokumenten gehabt.

Das alles innerhalb einer Stunde.

Jetzt sind offenbar alle friedlich auf Facebook verbrüdert.

So weit die Story.

Sehe ich Gespenster, wenn ich einen solchen Übersetzer für dumm, niederträchtig oder beides halte? Kann ich als Übersetzer wissen, was ich in Gang setze, wenn ich am direkten Auftraggeber vorbei den Endkunden oder gar dessen Verwandte oder Bekannte kontaktiere?

Hinzu kommt: Die Staatsmacht im Herkunftsland schreckt nicht vor der Ermordung im Exil lebender Oppositioneller zurück und übt auch auf deren im Herkunftsland lebende Familien Druck aus. Wenn ich das Regime wäre, würde ich derartigen Druck auch auf Übersetzer und deren Familien ausüben, um an Informationen zu kommen. Schließlich laufen bei uns wertvolle Datenstränge zusammen. Und so was ist ja auch alles schon da gewesen. Wer weiß also, ob besagter Übersetzer nicht längst mit der Staatsmacht kooperiert?

Bin ich ein Verschwörungstheoretiker oder sehe das alles einfach nur zu kleinkariert?

Zudem: Momentan wartet der Asylbewerber auf die Entscheidung des BAMF in seinem Verfahren. Jetzt ist u.U. eine neue Sachlage eingetreten. Müsste man die dem BAMF umgehend mitteilen, oder sollte man erst einmal die Entscheidung abwarten? Und was fange ich mit dem Übersetzer an? Gar nichts? Der Arbeitsagentur als Auftraggeberin Bericht erstatten? Oder was?

Leider werde ich nur rudimentär weiter mitdiskutieren können, da ich bis zum nächsten Internet-Zugang eine halbe Stunde Fußmarsch habe.

Vielen Dank schon mal für eure Anregungen!

Gruß
Matthias


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Rolf Keller
Germany
Local time: 06:39
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Der Übersetzer gehört von der Liste der Beeidigten gestrichen Aug 22

Matthias Quaschning-Kirsch wrote:

Sehe ich Gespenster, wenn ich einen solchen Übersetzer für dumm, niederträchtig oder beides halte?

Vermutlich ist der Übersetzer ist einfach nur doppelt strohdumm. (Die Vokabel "niederträchtig" passt dann allerdings absolut nicht, denn er hat es ja gut gemeint und wollte niemandem schaden.)

Dummheit 1: Er gibt private Informationen an fremde Dritte weiter. Allein schon die Tatsache, dass eine Urkundenübersetzung in Auftrag gegeben wurde, ist eine Information, die dem Datenschutz unterliegt. Obendrein kennt er die wahre Identität und die Motive aller Beteiligten gar nicht, er glaubt es nur.

Dummheit 2: Er möchte rückfragen, also seinen übersetzten Text davon abhängig machen, was ihm ein Wildfremder erzählt, der ein starkes Motiv haben kann, die Übersetzung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Auch dies ist bei einem Urkundenübersetzer eine schlimme Pflichtverletzung. Wenn er sich nicht in der Lage sieht, die Urkunde ohne Hilfe korrekt zu übersetzen, dann muss er den Auftrag zurückgeben oder Anmerkungen machen.

Bin ich ein Verschwörungstheoretiker oder sehe das alles einfach nur zu kleinkariert?

Nein, du hast völlig Recht. Aber in der Übersetzergemeinde ist der Prozentsatz der Naiven mindestens so hoch wie unter ****. "Nein, die Frau X ist für zwei Wochen im Krankenhaus. Aber ich kann Ihnen aufschließen, Herr Kriminalpolizist, wenn Sie kontrollieren wollen. ob nichts gestohlen ist. Ich kenne Sie ja, Sie haben ja vorhin schon angerufen."

(In meiner Umgebung musste gerade ein ehrenamtlicher Sozialhelfer rausgeworfen werden, weil er Informationen über Klienten bei seiner vertrauten Friseurin "ausgequatscht" hat und einfach nicht einsehen wollte, dass das nicht geht. "Wieso, ich kenne doch die Silke, die erzählt das nicht weiter".)


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erika rubinstein  Identity Verified
Local time: 06:39
Member (2011)
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Gespenster Aug 22

Hallo Matthias,
die ganze Geschichte klingt jetzt etwas wirr. Was hat das ganze mit dir zu tun? Was hat das ganze mit unserem Beruf zu tun?
Wenn man einen Kunden hat, soll man immer zuerst beim Kunden nachfragen. Und erst wenn dieser entweder selber erlaubt, den (in diesem Fall) Asylbewerber zu kontaktieren, oder wenn der Kunde nicht in der Lage ist, die Frage zu beantworten, diese aber für die Übersetzung erheblich ist, kann man die betreffende Person kontaktieren. Das sind die Aspekte des Berufs. Alle anderen "moralischen" Überlegungen haben nichts mit unserem Beruf zu tun. Natürlich kann man als Übersetzer nicht wissen, dass man da irgendwelche Lawine getreten hat.


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Thomas Pfann  Identity Verified
United Kingdom
Local time: 05:39
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Unprofessionell und naiv – vielleicht sogar strafbar? Aug 22

Matthias Quaschning-Kirsch wrote:

Sehe ich Gespenster, wenn ich einen solchen Übersetzer für dumm, niederträchtig oder beides halte?


Dumm auf jeden Fall, niederträchtig geht wohl zu weit, da ich dem Übersetzer keine böse Absicht unterstellen möchte – er hat es bestimmt nur „gut gemeint“. Auf jeden Fall aber war das Verhalten des Übersetzers unglaublich naiv, unprofessionell und unverantwortlich – und es würde micht nicht überraschen, wenn es sogar strafbar wäre.

Der Übersetzer hat vertrauliche Informationen von seinem Auftraggeber, dem BAMF, erhalten, die er nicht so einfach an Dritte (seinen Facebook-Freund, den Asylbewerber) weitergeben darf. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern mit professionellem Verhalten und gesundem Menschenverstand.

Was tun? Darauf habe ich leider keine Antwort.

[Edited at 2017-08-22 09:41 GMT]


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Matthias Quaschning-Kirsch  Identity Verified
Germany
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TOPIC STARTER
. Aug 22

Hallo Erika,

Die Geschichte klingt nicht nur wirr, Sie ist auch wirr. Der Asylbewerber hat mir den Vorgang Recht konfus und mit einigen Widersprüchen geschildert. Das Wesentliche ist allerdings ziemlich klar.

Ich betreue den Asylbewerber ehrenamtlich. Der Zusammenhang mit unserem Beruf ist eigentlich auch Recht deutlich: Das Verhalten des Übersetzers wirft Fragen auf, die allgemein von der Berufsethik bis hin zum konkreten Handlungsbedarf in diesem Fall reichen.

Mein Problem ist, dass ich wegen Entfernung und Zeitverschiebung kaum etwas ausrichten kann und froh wäre, die Sachlage wenigstens einigermaßen bewerten zu können.

Darum bin ich auch für jeden Tipp dankbar.


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Mariusz Wstawski  Identity Verified
Germany
Local time: 06:39
Member (2006)
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Behauptung Aug 22

Diese Schilderung stimmt nicht. Das ist lediglich eine Behauptung mit einigen Widersprüchen, was auch Alarm schlagen sollte. Gibt es einen einzigen Beweis für diese Schilderung, was das Wesentliche bestätigt?
Diese Schilderung passt nicht zur tigrinischen Sprache (Eritrea würde ich schon am Anfang ausschließen). Für Kurden, egal aus welchem Herkunftsland (die Türkei, der Irak, der Iran oder Syrien) ist auch untypisch. Diese Bevölkerungsgruppe würde ich im zweiten Schritt ausschließen. Aber nicht 100-prozentig. Schon bei dieser Etappe bleiben Übersetzer für drei Sprachen im Spiel. Die Tatsache, dass so viele Familienmitglieder im Exil leben, lässt nur eine davon vermuten. Ein weiteres Indiz wäre hier der Vorname oder alle Vornamen des AB-es. Falls da die Konsonanten wie "M", "H" oder "T/D" vorkommen, kannst du dir selbst sofort die Frage beantworten, wovor der AB Angst hat und unter anderem, warum er (denn dann ist das schon er) sich nicht fotografieren lässt.

Ich vermute nur, dass du bei der nächsten Schilderung des AB dann unwillig die erste Rolle spielen kannst. AB sucht alle erdenklichen Methoden, um die Asylablehnung zu vermeiden. Beim nächsten Mal werden alle anderen schuldig (analogisch zur Strafprozessverhandlung, wenn der Gefangene ins Gefängnis gehört, versucht er im Endeffekt alle Beteiligten anzugreifen, dann sind alle schuld: der Richter, Rechtsanwalt, die Strafprozessordung, letztendlich auch der Dolmetscher). Und das ist normale Reihenfolge...

Diese Geschichte/Schilderung kann nur eine Person bewerten, die anhand der Muttersprache des AB viele Informationen erschließen kann. Das war in diesem Fall der Übersetzer. Deshalb auch hat der/die AB Angst vor Personen, die seine/ihre Sprache bewerten können. Falls du die Muttersprache des/der AB sprichst, kann du ihn um etwas fragen, damit er/sie die Zahl "vier" sagt. Ist das genug klar? Unter anderem so kannst du genau den Herkunftsort lokalisieren....

Ich wünsche dir Gelassenheit

[Edited at 2017-08-22 20:21 GMT]


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Andrea Halbritter  Identity Verified
France
Local time: 06:39
French to German
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Ich würde mich da raushalten Aug 22

Finde das auch sehr wirr und wäre mir nicht sicher, ob das alles auch wirklich so abgelaufen ist. Wer weiß, wer da was von sich gibt und warum.

Sollte es sich tatsächlich so zugetragen haben, wäre dies natürlich nicht okay.

Ich persönlich würde mich da raushalten. Eigentlich geht dich das ja nichts an... Ob hier etwas zu unternehmen ist oder nicht, sollte meiner Meinung nach die Person entscheiden, die du betreust.


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Matthias Quaschning-Kirsch  Identity Verified
Germany
Local time: 06:39
Member (2006)
Swedish to German
+ ...
TOPIC STARTER
Danke... Aug 22

... schon mal für eure Rückmeldungen.

@ Mariusz: Ich spreche sämtliche Landessprachen des Herkunftslandes, über das ich mich täglich über Medien aller politischer Richtungen informiere. Den AB kenne ich sehr gut und halte ihn für sehr glaubwürdig. Sonst hätte ich die Geschichte hier auch gar nicht vorgetragen. Die Widersprüchlichkeit seiner Darstellung kann alle möglichen Gründe haben. Anhörungen om Asylverfahren dauern ja nicht zuletzt deshalb so lange, weil es oft auch darum geht, einen ziemlichen Wirrwarr irgendwie zu strukturieren.


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