Der Spiegel 49/2005: Kultur geht in Berufung
Thread poster: Nicole Maina

Nicole Maina  Identity Verified
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Dec 6, 2005

Interessanter Artikel auf Seite 183 des Spiegel dieser Woche:

Kultur geht in Berufung


Selbst aus einem John-Updike-Roman würde ein mittelmäßiges Buch, wenn ein mittelmäßiger Übersetzer ihn ins Deutsche übertrüge. Weil die Kulturleistung der Übersetzer traditionell nicht angemessen gewürdigt wird, klagt deren Gewerkschaft Ver.di derzeit Urteil um Urteil ein. Die Verlegerin Antje Kunstmann sieht den "Ruin für jeden Hardcover-Verlag" voraus, wenn die jüngste Entscheidung des Landgerichts München im Streit um angemessene Übersetzerhonorare umgesetzt würde. Abgesehen von ihrem Entgelt pro übertragener Seite (13 bis 20 Euro) müssten Übersetzer danach je nach Auflage mit einem halben bis zwei Prozent am Verkauf der Werke ausländischer Autoren beteiligt werden. Zusätzlich hätten die Verlage 25 Prozent aller Erlöse abzugeben, die sie durch die Zweitauswertung erzielen. Diese Vorgabe träfe insbesondere Verlage, die selbst keine Taschenbücher herausgeben und ihre Unternehmen aus Lizenzerlösen mitfinanzieren. Zur Zweitauswertung gehören Taschenbuchlizenzen ebenso wie Zeitungsabdrucke oder Hörfunklesungen. Unstrittig ist, dass Übersetzer mit durchschnittlich zwei- bis dreitausend Euro brutto im Monat nicht zu den Großverdienern gehören. Andererseits, rechnet Kunstmann vor, blieben einem Verlag etwa von einem Taschenbuch, das 50 000 Euro umsetze, nach Abzug des Autorenhonorars (60 Prozent) und des Übersetzer-Viertels künftig gerade mal 7500 Euro - für alle Kosten, für die Finanzierung noch unbekannter Autoren, für Flops. Selbst Groß-Schriftsteller, erklärt Dirk Stempel, Abteilungsleiter Rechte und Lizenzen bei Hanser, könnten nach einem Erfolg auch mal wieder mit einer Mini-Auflage zu Buche schlagen. Die alte Überlebensformel der Verlage - ein Drittel der Bücher kostet Geld, ein Drittel geht plus/minus null auf, ein Drittel verdient und finanziert den Rest - bräche künftig zusammen. Die Idee der Richter, die Verlage könnten Kosten von den Schriftstellern zurückholen, sei "naiv". Die meisten ausländischen Autoren werden von Agenturen vermarktet, die keinen Bruchteil ihrer Honorare zurückzunehmen gedächten. Man hoffe auf richterliche Einsicht in der Berufungsinstanz.


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Peter Bouillon  Identity Verified
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Es gibt immer Daten, die eine Meinung bestätigen; man muss sie nur finden Dec 6, 2005

Nicole Maina zitierte aus dem "Spiegel":
Andererseits, rechnet Kunstmann vor, blieben einem Verlag etwa von einem Taschenbuch, das 50 000 Euro umsetze, nach Abzug des Autorenhonorars (60 Prozent) und des Übersetzer-Viertels künftig gerade mal 7500 Euro


Vor einigen Jahren habe ich mal selber am Layout eines Informatikbuches mitgewirkt. Damals habe ich erfahren, dass von rund 60 DM Buchpreis bei den Autoren weniger als 15 DM hängen blieben. Ich vermute also mal ganz unschuldig, dass es nicht gerade der Regelfall ist, dass Verlage an Autoren 60% auszahlen. Sie schreiben das nur, um Mitleid zu erwecken.

P.

[Edited at 2005-12-06 23:28]


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Nicole Maina  Identity Verified
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TOPIC STARTER
Genau das vermute ich auch! Dec 6, 2005

Peter Bouillon wrote:

Ich vermute also mal ganz unschuldig, dass es nicht gerade der Regelfall ist, dass Verlage an Autoren 60% auszahlen. Sie schreiben das nur, um Mitleid zu erwecken.

P.


Genau das vermute ich auch!


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Marinus Vesseur  Identity Verified
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Hat jemand mal ein Tempo? Mir kommen die Tränen. Dec 6, 2005

Peter Bouillon wrote:
Ich vermute also mal ganz unschuldig, dass es nicht gerade der Regelfall ist, dass Verlage an Autoren 60% auszahlen. Sie schreiben das nur, um Mitleid zu erwecken.
P.

Sehr scharfsinnig bemerkt! Die 60% gibt es nur für Autoren, die schon sehr erfolgreich sind und einen guten Agenten haben. Mit anderen Worten: wer sich seine Rechte nicht erkämpft, bekommt einen Butterbrot bezahlt. So wie z.B. der Übersetzer, der nicht 'berühmt' ist und ohne Agent auskommen muss. Gut, dass darüber mal Recht gesprochen wurde.


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Steffen Pollex  Identity Verified
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Die armen Verlage aber auch Dec 6, 2005

Zwei Prozent Umsatzbeteiligung für den Übersetzer würden sie ruinieren... Die müssen auch glauben wir ziehen die Hosen mit der Kneifzange an.

Ich finde es einen Hammer, dass Übversetzer mit ihrem eher traurigen Honorar abgespeist werden, während die Bücher vielleicht Millionen-Auflagen erzielen.

Mir geht es dabei auch gar nicht so sehr um die Höhe einer solchen möglichen Beteiligung, sondern darum, dass man, wie dieser Tage in einem anderen Posting angemerkt, ja in vielen Fällen die Bücher noch mal schreibt, um sie in der fremden Sprache verständlich zu machen.

Überspitzt hieß es da "der Autor selbst kann ein Idiot sein", die eigentliche Denkleistung vollbringt der Übersetzer. Und das kam von einem Autor.

Nun sind Autoren sicher keine Idioten - wer ein Buch schreibt, hat in der Regel auch einen IQ.

Aber man bringt doch als Übersetzer durchaus eine eigene schöpferische Leistung, und keine kleine. Warum sollte die nicht auch mit ein paar lebenslangen Prozentchen honoriert werden können, wenn sich die Verlagsdirektoren und Vorstände die Taschen vom Erlös eines Bestsellers vollhauen können.


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Victor Dewsbery  Identity Verified
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Wenn du mit dem Tempo fertig bist ... Dec 6, 2005

... hätte ich auch mal ein Tränchen wegzuwischen.

Marinus Vesseur wrote:
Hat jemand mal ein Tempo? Mir kommen die Tränen.


Bei meinen Ausflügen ins Schriftstellerische waren die normalen Absatzhonorare eher bescheiden. Das Gesamthonorar für den Autor (oder das ganze Autorenteam) ist nach meiner Erfahrung nie über 10%. Irgendwo habe ich mal von 12% gelesen, aber das halte ich für eine Ausnahme.

Wohlgemerkt, ca. 10% vom Verlagsnettopreis (nicht vom Ladenpreis).
Bei der üblichen Verlagskalkulation geht meines Wissens (nach Abzug der Umsatzsteuer) schon mal 30% bis 40% für den Vertriebsweg drauf. Danach bleibt der "Verlagsnettopreis" übrig, und davon werden besagte ca. 10% für den Autor / die Autoren berechnet.

Allerdings zielt der Artikel auf einen anderen Marktsegment: die Zweitverwertung (in diesen Genuss bin ich nie gekommen). Bei der Hardcover-Auflage wird nach wie vor ein geringer Prozentsatz an Honoraren gezahlt (für Übersetzer 0,5 bis 2 Prozent laut Artikel). Bei dieser Auflage wird auch der Spitzenautor vermutlich nicht über 15% hinauskommen. Wenn der Verlag die Hardcover-Auflage verkauft hat, kam bisher die Zweitauflage als Goldesel hinterher. Von diesem Goldesel wollen die Verlage nichts an die Übersetzer abgeben.

Unter dem Strich werden die Verlage vermutlich versuchen, die Hardcover- und Taschenbuch-Ausgaben vertraglich anders zu definieren, damit das Taschenbuch nicht als Zweitverwertung gilt.

An die eigentliche Wurzel des Problems (Hungertuch-Seitenhonorar) ist das Gericht nicht herangegangen. Das im Artikel zitierte Honorarniveau (13 bis 20 EUR pro Normseite von 1800 Anschlägen) ist jenseits von gut und böse -- schon die Obergrenze ist weit unterhalb der Mindesthonorare, die ich vor etwa 10 Jahren bekam. Meine Lösung: ich stimme mit den Füssen ab, d.h. mit solchen Verlagen arbeite ich ohnehin nicht zusammen.


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Steffen Pollex  Identity Verified
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Wusste ich gar nicht Dec 6, 2005

Wenn Autoren so mies bezahlt werden, würde ich kein einziges Buch schreiben (habe ich ja auch noch nicht).

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