Vetternwirtschaft - Qualität egal?
Thread poster: MiGru
MiGru
Local time: 09:31
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Jun 15, 2006

Liebe Mitstreiter,

Mir ist klar, dass sich hier hauptsächlich technische Übersetzer tummeln, aber ich denke, dort verhält es sich ähnlich wie in der Literatur-Übersetzer Sparte. Sicher habt ihr es auch schon öfter erlebt, dass ihr eine haarsträubende Übersetzung in die Finger bekommt, die klingt, wie durch die Maschine gejagt? Und ihr wisst genau, derjenige welche hat den Job nur bekommen, weil er "jemanden kennt", sonst hätte ihm das Lektorat sein Geschreibsel um die Ohren gehauen.

Mich frustriert das einfach. Mitunter fange ich schon an, mich zu fragen, ob ich vielleicht irgendwie blöd bin, weil ich immer versuche, das bestmögliche Ergebnis zu liefern. Sicher bin ich einerseits stolz darauf, dass meine "Werke" in der Regel genauso gedruckt werden, wie ich sie abgegeben habe (klar, meine üblichen Rechtschreibfehler werden vom Lektorat natürlich korrigiert und moniert) und denke mir: So verkehrt kannst du's ja dann nicht machen. Aber andererseits ... ich bin noch relativ neu in der Branche - 6 übersetzte Bücher bis jetzt - und mich irritiert das alles.

Ist es wirklich so, dass meine Herangehensweise, durch gute Arbeit überzeugen zu wollen, das hirnverbrannteste ist, was man tun kann? Das ist keine Ironie, ich meine es wirklich ernst. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Hat man überhaupt eine Chance, auf diesem Weg weiterzukommen, oder tun die Verlage/Auftraggeber im Grunde nur so "wählerisch" und ich reiße mir vollkommen umsonst den A... auf? Ist es sinnvoll, gerade am Anfang, auf Leistung zu spielen, um Punkte zu machen? Oder bringt das überhaupt nichts und man bekommt so nur höchst selten einen Fuß in die Tür, weil's gar nicht um die Qualität geht? Wie seht ihr das, pack' ich die Sache falsch an?

verwirrte Grüße,
MiGru


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Vauwe
Local time: 09:31
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+ ...
Vetternwirtschaft? Jun 15, 2006

Hallo MiGru,

ich baue total auf 'Vetternwirtschaft', würde es aber eher 'Empfehlung' nennen. Circa 90% meiner Arbeit besteht aus Jobs, die ich bekommen habe, weil ich in einer Agentur/beim Kunden jemanden persönlich kenne oder weiterempfohlen wurde. Das schließt aber keinesfalls Qualität aus. Im Gegenteil. Ich muß den neuen Kunden durch Qualität überzeugen, und mein Kumpel, der mich empfohlen hat, darf sein Gesicht nicht verlieren, nach dem Motto "Welche Niete hat der uns denn da empfohlen". Du wirst auch eher Brötchen bei dem Bäcker kaufen, der Dir empfohlen wurde, weil die Brötchen dort knuspriger sein sollen, als in eine x-beliebige Bäckerei zu stiefeln.

Dein Ansatz, gute Qualität liefern zu wollen, ist richtig. Nur sie wird sich auf Dauer auszahlen. Es mag Kunden geben, die mehr auf den Preis als auf die Qualität achten. Ob damit aber alle Beteiligten langfristig zufrieden sind und sich solche Agenturen/Übersetzer lange am Markt halten können, sei dahingestellt. Du wirst immer wieder auf schlechte Übersetzungen stoßen. Es wird Dir immer wieder mal ein Job von einem 'schlechteren' Übersetzer vor der Nase weggeschnappt werden. Es lohnt nicht, sich darüber zu grämen.

Deine 6 übersetzten Bücher? Immer derselbe Verlag? Hat man beim zweiten Buch schon auf Dich zurückgegriffen, weil Du beim ersten Mal schon gute Qualität geliefert hast? Glaubst Du, Du bekommst tatsächlich mehr Aufträge, wenn Du Deinen Qualitätsstandard senkst? Glaubst Du, ein Verlag kommt ein zweites Mal auf Dich zu, wenn Du einmal schlechte Qualität abgeliefert hast?


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Ulrike Kraemer
Germany
Local time: 09:31
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+ ...
Richte dich nach deinen eigenen (hohen) Maßstäben... Jun 16, 2006

...statt dich dem niedrigeren Niveau anderer Übersetzer anzupassen.

Ich stimme Vauwe in allen Punkten voll zu. Ich arbeite sowohl als technische Übersetzerin wie auch als Literaturübersetzerin (ca. 50:50) und habe bis dato knapp 30 Bücher übersetzt. Bei dem (kleinen, aber feinen) Verlag, für den ich arbeite, bin ich quasi Hausübersetzerin, und zwar zum einen, weil ich den Verleger seit vielen Jahren (aus einer ganz anderen Richtung) kenne, und zum anderen, weil er von meiner Arbeit absolut überzeugt ist. Das wäre ganz sicher nicht so, wenn ich schlechte oder nachlässige Arbeit abliefern würde. Mir ist es wichtig, dass die LeserInnen der von mir übersetzten Bücher nicht entsetzt fragen, welcher Stümper das Buch denn übersetzt hat, sondern dass sie gar nicht merken, dass es eine Übersetzung ist. Mir ist jede Formulierung wichtig, und dafür nehme ich auch in Kauf, dass ich manchmal vielleicht ein wenig länger brauche, bis ein Buch fertig ist, als es bei anderen Kollegen der Fall wäre. Immerhin werden die Bücher von vielen tausend Menschen gelesen!

Ich lese auch in meiner Freizeit sehr viel. Ein berühmter Mann hat mal gesagt, dass man die Dinge immer von dem Stuhl aus beurteilt, auf dem man sitzt. Ich finde es einfach schrecklich, wenn ich ein (vom Inhalt her absolut tolles) Buch lese, das so grottenschlecht und teilweise falsch übersetzt ist, dass ich an vielen Stellen wortwörtlich sagen kann, was da im englischen bzw. amerikanischen Original gestanden hat. So bereits mehrfach geschehen. Und der Gipfel ist, dass bei einem dieser Bücher (das ein Bestseller war!) die Übersetzerin auch noch als Co-Autorin aufgeführt ist!

Also, MiGru, lass den Kopf nicht hängen, und lass vor allem nicht zu, dass die Qualität deiner eigenen Arbeit darunter leidet, dass andere Kollegen weniger Wert auf Qualität legen. Das ist keine Alternative. Wo käme die Übersetzerbranche hin, wenn alle so denken würden? Auch wenn es immer Ausnahmen gibt und manche (schlechtere) Übersetzer durch "Vetternwirtschaft" vielleicht ungerechtfertigt zu "Ruhm und Ehre" kommen - letztlich zählt immer die Qualität.

Kopf hoch und kollegiale Grüße,
LB


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MiGru
Local time: 09:31
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TOPIC STARTER
Danke Jun 19, 2006

Liebe Leute,

puh, ich war wirklich frustriert an dem Tag. Da saß ich nämlich bereits seit drei Wochen - 11 Std/7 Tage die Woche - an einem Auftrag, nur um das Ganze so gut hinzubekommen, dass ich kein Problem damit habe, wenn mein Name am Ende darin auftaucht.

Hätte ich geschlunzt (so wie ich es eben anderswo gesehen hatte), wäre ich wohl mit 7-8 Stunden täglich ausgekommen - Ergebnis entsprechend mau. Aber eure Antworten haben mir geholfen, wieder klar zu sehen. Wenn ich was ändern sollte, dann ist es wohl nicht mein Qualitätsdenken, sondern meine Konditionen: weiterhin gute Arbeit, aber ab jetzt für gutes Geld in einem vernünftigen Zeitrahmen. Ich habe noch nicht so das ausgereifte Verhandlungsgeschick in solchen Dingen, andererseits kann ich es mir allein schon finanziell nicht mehr leisten, mich für lau halb tot zu ackern und wenn Verlag A das nicht einsieht, dann vielleicht Verlag B.

Insofern war es wohl tatsächlich richtig so wie ich es gemacht habe, denn obwohl ich bisher jämmerlich wenig damit verdiente, habe ich auf die Weise zumindest genügend vorzeigbare Belegexemplare produziert (und nicht irgendwelchen "Schrott", der mich zwar wenig Mühe gekostet hat, aber bei dem jeder potentielle neue Auftraggeber vor Schreck vom Stuhl fällt).

Danke für die aufmunternden, bestärkenden Worte!

Viele Grüße,
MiGru


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