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Stadt- oder Landmaus? Deutschland oder Ausland?
Thread poster: Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla

Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
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Jul 11, 2007

Wo lässt es sich eurer Meinung nach besser als Freelance-Übersetzer leben und arbeiten? Das sind sicherlich mehrere Fragen gleichzeitig. Was mich momentan besonders interessiert und welche "Aspekte" hier impliziert sind:
Wohnt der Freelance-Übersetzer eher in der Stadt, etwa der Kunden wegen oder aber der Abwechslung wegen oder lieber mitten auf dem dicksten Land und meint, dank Internet kommt man da genauso gut an die Kunden ran bzw. die an einen? Ja, und dann die Frage nach Deutschland oder Ausland: Meint ihr, deutsche Auftraggeber vergeben genauso gern oder aber ungern oder aber lieber Übersetzungsaufträge an Freelancer im Ausland? Kommen bei der Auswahl des Übersetzers noch eventuelle Vorurteile, etwa gegenüber dem Süden zum Ausdruck? Was meint ihr?
Mich interessieren genauso Meinungen, Vorlieben, Vorurteile, Erfahrungen mit Auftraggebern in Bezug auf euren Wohnsitz ... wie auch sonstige Kommentare.
Hoffentlich schimpft ihr mich nicht, zwei Sachen in einen Topf zu werfen (hab mir auch überlegt, ob das nicht besser zwei "topic"-Fragen wären). Aber vielleicht wird die Kombination beider Aspekte ja besonders aufschlussreich... Und ihr könnt auch ruhig nur auf einen Aspekt antworten! Ich bin jedenfalls mal gespannt!


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Fabio Descalzi  Identity Verified
Uruguay
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Gruß aus Montevideo Jul 11, 2007

Hallo Nicole,
ein ehemaliger Arbeiter in Deutschland grüßt dich!
Seit 2000 bin ich mit Übersetzungen Deutsch-Spanisch beschäftigt - insbesondere seitdem ich 2004 bei ProZ tätig geworden bin.
Meine ganzen Kunden für Deu>Spa sind aus Spanien, Deutschland oder anderen europäischen Ländern (inklusive Estland!)
Was sie verlangen, das kommt drauf an. Kunden aus Spanien suchen nach "Hilfe" (d.h.: alles, was man tun kann), wogegen deutsche Agenturen in der Regel "einen Architekten mit deutscher+spanischer Sprache" wollen, also viel spezifischer.
Das ist eine ganz, ganz rasche Zusammenfassung meiner Erfahrung als Fachübersetzer.


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Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
Local time: 06:46
Spanish to German
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Rückfrage nach Uruguay Jul 11, 2007

Hallo Fabio:
Danke zunächst für deine schnelle Antwort und den lokalisierten Gruß! Deine Erfahrung lautet hohe Spezialisierung und Konkretisierung der Angebote aus Deutschland gegenüber allgemeinerer Anfragen/Aufträge aus Spanien. Nun, Deutsch-Spanisch und umgekehrt ist ja auch mein Sprachenpaar (des Forums wegen bleib ich aber beim Deutschen): Meinst du, du hättest (bzw. hattest du konkret damals) in Deutschland wohnend genauso viele Aufträge wie jetzt - oder mehr oder weniger? (Falls du das sagen kannst, weiss ja nicht, ob dein Umzug nach Uruguay vor deiner Tätigkeit bei Proz 2004 liegt?)
Auch ganz liebe Grüße nach Montevideo, aus dem grünen und in Deutschland seltsamerweise nahezu unbekannten Asturien (Nordspanien)!!!

[Edited at 2007-07-11 19:04]


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Fabio Descalzi  Identity Verified
Uruguay
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Gute Fragen Jul 11, 2007

Nicole Holzenthal wrote:
Hallo Fabio:
Danke zunächst für deine schnelle Antwort und den lokalisierten Gruß!

Danke, gleichfalls.
Ich freue mich, wenn ich die Gelegenheit habe, meine Arbeitserfahrung zu erzählen.
Deine Erfahrung lautet hohe Spezialisierung und Konkretisierung der Angebote aus Deutschland gegenüber allgemeinerer Anfragen/Aufträge aus Spanien.

Und die allerersten Aufträge kamen aus Spanien oder aus der Tschechei. Mit deutschen Agenturen war es nicht so einfach, mal Aufträge zu kriegen - bis ich endlich eine anerkannte Erfahrung beweisen konnte.
Naja: Diplom-Übersetzer bin ich auf keinen Fall, das ist sehr klar. Meine ganzen Sprachenstudien fanden in der Schulzeit statt, und dann im Goethe-Institut (Lehrbefähigung Deutsch als Fremdsprache). Sonst: Diplom-Architekt in Uruguay, mehrere Fachkurse, Arbeit, usw. usw.
Übersetzungen habe ich in Deutschland gemacht - nur: die "Kunden" waren eigentlich meine Chefs in einer Bauträgerfirma. Als unabhängiger Übersetzer ("freelancer") ist alles später angefangen: 2004+ProZ.com!
Nun, Deutsch-Spanisch und umgekehrt ist ja auch mein Sprachenpaar (des Forums wegen bleib ich aber beim Deutschen)

Im Prinzip kann ich auch beide - nur: am besten tue ich NUR: in meine Muttersprache übersetzen! Einfacher, besser, sicherer. Bilingual bin ich nicht!
Meinst du, du hättest (bzw. hattest du konkret damals) in Deutschland wohnend genauso viele Aufträge wie jetzt - oder mehr oder weniger? (Falls du das sagen kannst, weiss ja nicht, ob dein Umzug nach Uruguay vor deiner Tätigkeit bei Proz 2004 liegt?)

Auf keinen Fall. Wie oben gesagt: die "echte" Fachübersetzer-Tätigkeit fing erst 2004 an. Und: meine Deutschlandaufenthalt war zeitlich begrenzt (damals arbeitete ich hauptsächlich als Architekt). Mein Anfang als "freelancer" war eine besondere Entscheidung, die mit der Zeit kam (und mit dem Bewußtsein, dass die Globalisierung an der Tür HEFTIG klopfte!)
Auch ganz liebe Grüße nach Montevideo, aus dem grünen und unbekannten Asturien

Liebe Asturien! Dort war ich vor 13 Jahren zu Besuch!
Grüße mir die lieben hórreos!


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Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
Local time: 06:46
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Jetzt fragt sich jeder: Was ist denn ein "hórreo"? Jul 11, 2007

Na, das ist ja schön, noch so einen Asturien-Fan zu treffen (wer mal hier war, weiß was er vorher verpasst hat...)! Fabio, ich lad dich auf ´ne Sidra (Apfelwein) ein, wenn du nochmal über den Atlantik springst!
Nun, jetzt kann ich nicht anders, mich bereits jetzt als Landmaus zu "outen": Etwa 10 m von meinem 100 Jahre alten, restaurierten Haus (mit Breitbandanschluss!!) stehen gleich zwei hórreos. Das sind ursprüngliche Kornhäuser (aus Holz) auf vier Pfeilern (das obere Bild ist ja eigentlich eine "panera", die auf 6 Pfeilern steht, anstatt 4).
Aber nun sind ja auch die anderen gefragt: Welche Erfahrungen, Meinungen, Vorlieben habt ihr mit eurem Wohnsitz als Freelance-Übersetzer?????

Ups, das Foto stellt sich bei genauerem Hinschauen (v.a. vergrößert) ja doch als hórreo heraus, sorry!

[Edited at 2007-07-11 20:01]


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Fabio Descalzi  Identity Verified
Uruguay
Local time: 02:46
Member (2004)
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Es leben die lieben hórreos! Jul 11, 2007

Danke Nicole für deine gute Laune!
Und danke für die Einladung mit sidra! Lecker!
Hórreos kenne ich schon seit meiner Kindheit: in einer Zeitschrift "EL MUEBLE" da gab es ein Haus, das eigentlich ein Umbau eines hórreos war. Wunderbar! Unvergeßlich!

Naja: mein Wohnsitz und Freelance-Übersetzen.
Es gehört unmittelbar dazu: wieviel kostet es, in Uruguay zu wohnen usw. Natürlich kostet es (heutzutage) billiger, in Uruguay zu wohnen (gar nicht 2000-2001: damals war der Euro totbillig, und andererseits hatte Uruguay wahnsinnige Kosten, in US Dollar gemessen!)
Meine Preise sind "günstig", nicht "billig". Also: kann man ruhig davon leben.
Ich fühle mich sehr gut, indem ich hier geblieben bin und arbeiten kann. Viele Uruguayer sind doch in den letzten 7 Jahren nach Europa ausgewandert... und vielleicht kehren sie nie wieder zurück.
Mein Leben und Familie befinden sich hier.
Also: denke und arbeite global, lebe aber lokal!


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Leena vom Hofe  Identity Verified
Germany
Local time: 06:46
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Landleben... gern...aber Jul 12, 2007

Hallo Nicole,

ich bin eine von denen, die behauptet, dank des Internets kann man auch auf dem plattesten Land als Übersetzer leben...vorausgesetzt es liegt schon eine DSL-Leitung

Ich denke allerdings, dass es auch ein bisschen Typabhängig ist, wer auf dem Land und wer in der Stadt wohnen kann. Ich habe mich für eine Kompromisslösung entschieden und bin letztes Jahr mit meinem Mann in einen Vorort von Köln gezogen (Naja, eigentlich gehört Refrath ja schon nicht mehr zu Köln...aber es liegt sehr nah an Köln - etwa 500 Meter Luftlinie!)
Im Moment denke ich, ich könnts mir schon vorstellen, noch weiter rauszuziehen, gerade wegen der erheblich günstigeren Mieten... Aber das Thema "Vereinsamung" der Freiberufler beschäftigt natürlich auch mich... Das ist echt etwas, wo man sich eben nach getaner Arbeit noch aufraffen muss, zur Chorprobe, mit Freunden ins Kino etc. zu gehen, damit man nicht völlig isoliert ist. UNd das dann, wenn man noch etliche Kilometer mit dem Auto fahren muss?

Für mich ganz klar: Kunden habe ich in aller Welt, da kann ich ja nicht überall hinziehen... Aber es ist schon passend, dass ausgerechnet einer meiner besten Direktkunden hier in Köln eine Niederlassung hat. Aber idas war eher Zufall.

Das mit dem Ausland ist so eine Sache, denke ich... Einerseits ist es toll, dass man seinen Beruf im Ausland ausüben kann, andererseits ist da schon die Gefahr, die Sprachen langsam zu vermischen. Da kostet es glaub ich ganz schön Konzentration, die richtigen Konnotationen zu treffen! Aber darüber können andere sicherlich mehr berichten...

Liebe Grüße und wenn ich von Deinem Haus lese, werd ich ganz neidisch...hört sich idyllisch an...


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Wenjer Leuschel  Identity Verified
Taiwan
Local time: 13:46
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Grüße aus dem Inselland Taiwan Jul 12, 2007

Es war einmal eine Reportage in Die Zeit im Jahr 1998. Es wurde berichtet, daß ein erfolgreicher italienischer Achitekt ein Bergdorf über 100 Km nördlich Milan innerhalb 12 Jahren aufgekauft hat und daß er dieses Dorf völlig modernisiert hat, wobei das herkömmliche Aussehen des Dorfes gar nicht verändert wurde. Er hat alles renoviert, Kommunikationsinfrastruktur auf dem neuesten Stand gebracht. Dort leben nun viele freiberufliche Unternehmer allerlei Branchen aus Großstädten, wie Milan, Florenz, Rom, etc.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß auch ein freiberufliche/r ÜbersetzungsunternehmerIn sich dort niederlassen würde, um die bergische, ländliche Umgebung zu genießen und sich auch gleichzeitig nach Erfolg in unserer Branche zu streben.

Vor Ende 1999 war ich nur ab und an Übersetzer/Dolmetscher gewesen. Mein Hauptgeschäft war Ausrüstungen für elektronische Kommunikation zu verkaufen. Zwischen 1993 und 1999 war ich in Südamerika tätig. Dabei hatte ich nur sehr selten Übersetzungs- und Dolmetschenarbeit geleistet, weil man in der Branche handelt, nicht übersetzt. Seit 2000 bin ich in Taiwan zurückgekehrt und lebe am Rande einer kleinen Stadt, eher auf dem Lande.

Ich finde es vorteilhaft, in der Nähe vom Lande zu leben. Mit den Kommunikationsmöglichkeiten, die sich heutzutage bieten, hat man kaum Probleme Berufsleben als ein Übersetzer oder Dolmetscher auszuüben. Meine Kunden finden mich immer, wenn sie wollen, wo ich gerade auch bin. Für das Dolmetschen kann ich auch kurzfristig aus dem Lande in die größere Städte oder Industriegebiete fahren. Meine Kunden können mich sogar für paar Wochen in China einsetzen.

Unser Beruf ist ziemlich frei und deshalb ist es egal, von wo hinaus man den Beruf ausübt. Auf dem Lande zu leben und arbeiten, ist gar kein Problem. Das ist einer der Vorteile, die die Globalisierung mit sich bringt. Hoffentlich findet jeder in den Möglichkeiten Nutzen.


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Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
Local time: 06:46
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An Leena und Wenjer Jul 12, 2007

Danke euch beiden!
Was die DSL-Leitung anbetrifft mussten wir hart kämpfen, fast anderthalb Jahre lang. Das hätte genauso in die Hosen gehen können, denn hier im oberen Teil des Dorfes gab´s nur ein Radiotelefon, keine Leitung. Die musste neu gelegt werden, und da die vorherige Regierung das Internet auch auf´s Land bringen wollte, haben sie uns die echt gelegt! Caballeros beginnt also ganz langsam, hihi, sich dem Dorf 100 Km nördlich von Mailand anzunähern, fast! Denn die meisten der 26 Häuser wären außen noch ein bißchen "verschönerungsfähig" (weil sie mal wieder oder überhaupt erstmalig, wie unseres, gestrichen werden müssten!). Aber das lustige ist, dass nicht nur viele der älteren Leute zeitweise in der Schweiz und dann in Madrid arbeiteten und der Kinderarzt aus einer anderen Region Spaniens kommt, sondern vor allem dass dann noch 4 (ja vier!) andere Nationalitäten hier vertreten sind: eine Argentinierin, ein Columbianer, eine Britin (und auch sie ist Übersetzerin! Ja, sie hat mir dieses Forum empfohlen! Thank you, Diddan) und meine Wenigkeit. In 20 min. sind wir in Oviedo, in 25 in Gijón, in 26 in Mieres... in etwa 5 Stunden in London, in 6 Stunden in Frankfurt... Da kann man sich eigentlich echt nicht beschweren. Das ist ein echtes "globales Dorf"!
Da ich aber erst seit ein paar Monaten meinen Schwerpunkt vom Unterrichten und dem Doktorarbeitschreibseln wieder viel mehr auf das Übersetzen verlegt habe (das mich seit 12 Jahren immer wieder fesselt) und mich erst im letzten Dezember bei proz angemeldet habe, kann man es vielleicht noch nicht verabsolutieren. Momentan beobachte ich jedoch, dass sich seitdem weniger Deutsche als Spanier hier gemeldet haben - und nun frage ich mich schon, ob das vielleicht mit meinem Wohnsitz zu tun hat. Dabei haben wir hier doch gar nicht die seit Januar in Deutschland erhöhte Mehrwertsteuer!! Hier sind es noch 16% Mwst.!!! Da müsste es deutsche Auftraggeber doch besonders interessieren, Übersetzungen nach Spanien zu vergeben! Klar, den spanischen Auftraggebern sind meine Autoren, die ich übersetzt habe, eher ein Begriff...

Was deinen Einwand mit dem Ausland anbetrifft, dass "da schon die Gefahr" bestünde, "die Sprachen langsam zu vermischen" - das glaube ich, muss nicht unbedingt sein! Kritisch war das vielleicht nach meinem ersten Studienaufenthalt in Valencia, bei dem ich nach totaler Immersion ins Spanische anfangs zurück in Deutschland totale Probleme hatte, meinen Onkel "über hundert Ecken" aus Rheihessen zu verstehen, der so stakk Rhoihessisch gebabbelt hot... aber das kommt ja alles schnell wieder. Als Kind unserer Generation kommt ich halt nur passiv mit den dialektalen Varianten um. Vermischen von Spanisch und Deutsch, nee! (Mit dem Französischen schon, es tut mir selbst weh, wenn ich versuche drei Sätze französisch zu sprechen, aber das ist ja nur Hobby!) Auf dem Schlauch stehen, nach einem Wort zu kämpfen, das da auf der Zungenspitze liegt, ja. Aber das passiert uns allen manchmal, oder? Mich kostet es jetzt, wenn ich normal, also fit bin, überhaupt keine Konzentration mehr, mich umzudrehen und in die andere Sprache zu wechseln. Man darf halt den Sprachkontakt nie lange abreißen lassen (viel telefonieren, Internet, Zeitungen und überhaupt lesen, dabei immer wieder mal innezuhalten und sich fragen: Wie würde ich das seltsame Wort denn in der jeweils anderen Sprache ausdrücken? Immer wieder innerlich übersetzen, so nur aus Spaß, hin und her.)
Es freut mich, dass ihr, Wenjer und Leena am Rande eurer Städte auch keine Nachteile daraus gezogen habt!
Danke nochmal für eure Kommentare!


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Katrin Hollberg  Identity Verified
Germany
Local time: 06:46
Japanese to German
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Alles relativ... Jul 12, 2007

Hallo Nicole,

mein Lebensgefühl ist auch eher das eines globalen Dorfes.
Nicole Holzenthal wrote:
Meint ihr, deutsche Auftraggeber vergeben genauso gern oder aber ungern oder aber lieber Übersetzungsaufträge an Freelancer im Ausland?


Das von Dir angesprochene Nord-/Südgefälle bezüglich Auftragseingängen kenne ich aus eigener Erfahrung nicht, aber für viele Auftraggeber ist es wohl recht angenehm, auch eine „Kontaktperson vor Ort" (soll heißen: im gleichen Land) zu wissen, und das trotz der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten per E-Mail/Skype/Telefon etc. Das kommt m.E. sehr auf die Auftragsart an. Gleichzeitig betreiben eben diese Firmen auch verstärkt Outsourcing und lagern Leistungen nicht nur an Externe sondern auch gleich ganz in andere Länder aus. Ich sehe das alles als ein „fröhliches Nebeneinander" von verschiedenen Möglichkeiten und Kanälen, wie Projekte und somit auch deren zugehörige Auftragsvergaben abgewickelt werden.

Trotzdem verzichte ich persönlich aber gerne auf die hier im Forum oft zitierten typschen Aufträge aus Indien (es gibt sicherlich auch seriöse Anbieter...ich möchte hier keinem zu nahetreten) , zum einen, weil ich momentan genug Potenzial „vor der Haustür“ habe und zum anderen, weil ich es albern finde, wenn da u. U. Textmaterial nach Deutschland zurückkommt, was ohnehin mal hier produziert wurde und ich für diesen ganzen Reibungsverlust Abstriche hinsichtlich Bezahlung und Projektbetreuung hinnehmen soll. DAS seh ich dann nicht ein und hab ich auch nicht nötig.

Andererseits / Und das sehe ich nicht als Widerspruch zum oben erwähnten:
Leena vom Hofe wrote:
Für mich ganz klar: Kunden habe ich in aller Welt, da kann ich ja nicht überall hinziehen...
Das empfinde ich auch so. Ich genieße es schon, wenn man an Projekten sitzt, bei denen man auch mal Zeitverschiebung und andere Mentalitäten berücksichtigen muss. Das ist Abwechslung, Herausforderung und Befriedigung zugleich.

Die in Deinem Fall geltende unterschiedliche Mehrwertsteuer wäre im Prinzip ein toller Vorteil, erledigt sich aber ganz schnell von selbst, da Leistungen innerhalb Europas umsatzsteuerbefreit deklariert und verrechnet werden können, wenn beide Geschäftspartner jeweils korrekt ihre Ust-Id.-Nummern angeben. Die günstigere Steuer in Spanien ist somit nur gegenüber Deinen Privatkunden aus Deutschland ein echter Wettbewerbsvorteil. Dafür -finde ich-kannst Du wieder damit punkten, dass Du bezüglich Deiner Sprachkombination "am Puls" sitzt. Auch nicht zu verachten.

Ich lebe übrigens auch auf dem Lande, u.a. gleichzeitig einen Steinwurf von einem großen dt. Softwarehersteller mit drei Buchstaben entfernt. Es ist immer relativ, wo für einen selbst "die Musik spielt". Sicherlich nicht nur in der Großstadt, in der ich auch viele Jahre gelebt habe. Meiner Ansicht nach ist es am Ende die Konstellation des persönlichen Netzwerkes sowie erstaunliche Zufälle, die zu genialen Überschneidungen und Überlappungen an Jobmöglichkeiten führen.

Wenn man es dann auch noch schafft, dass man sich nicht sozial abgeschnitten fühlt, sondern kulturelle, soziale Entfaltungsmöglichkeiten neben der Tätigkeit nutzen kann, dann stimmt es für mich einfach auf ganzer Linie. –
Wenjer Leuschel wrote:
Unser Beruf ist ziemlich frei und deshalb ist es egal, von wo hinaus man den Beruf ausübt. Auf dem Lande zu leben und arbeiten, ist gar kein Problem. Das ist einer der Vorteile, die die Globalisierung mit sich bringt. Hoffentlich findet jeder in den Möglichkeiten Nutzen.

Da spricht mir Wenjer aus dem Herzen.

Liebe Grüße

Katrin


[Bearbeitet am 2007-07-12 12:29]


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Annette Heinrich  Identity Verified
Local time: 06:46
English to German
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Landmaus in Frankreich Jul 13, 2007

Hallo Nicole,

ich finde deine Standortfrage sehr interessant und da ich auch seit fünf Jahren im Ausland bin, kann ich ein paar Erfahrungen dazu beisteuern.

Grundsätzlich denke ich, dass einer der großen Vorteile unseres Berufsstands in der freien Wohnortwahl liegt. Ich bin wie Leena der Meinung, dass eine DSL-Leitung genügt, um die Verbindung zur Übersetzerwelt zu schaffen. Ob Stadt oder Land sollte eine persönliche Entscheidung sein, nämlich dort, wo man sich wohlfühlt. Schließlich verbringt man an diesem Ort nicht nur seine Freizeit, sondern auch den gesamten Arbeitstag. Ich persönlich lebe in einem kleineren Ort in der Nähe einer größeren Stadt, der zum Glück damals gerade DSL-technisch erschlossen worden war.

Was die Sprachvermischung angeht, kann ich zwar einzelne lustige Versprecher-Anekdoten erzählen - z.B. habe ich mal einem Gast "Gaswasser" (eau gazeuse) angeboten - aber dank deutschem Fernsehen, Skypen/Telefonieren mit Familie und Freunden, deutscher Internet-Zeitung usw. fühle ich mich nicht unbedingt im Ausland und denke nicht, dass mein Sprachgefühl irgendwie gelitten hat. Für Übersetzungen aus dem Französischen ist mein Standort sogar ein Vorteil, da ich Land und Leute gut kenne.

Und von meinen Kunden (die ich fast alle erst nach dem Umzug akquiriert habe) hat sich keiner je daran gestört, dass ich nicht in Deutschland lebe. Darunter finden sich auch ein paar deutsche Agenturen, die ja eigentlich im eigenen Land genug Ressourcen finden müssten. Aber: man überzeugt seine Kunden nicht durch den Standort, sondern durch Qualität und Professionalität!

Ich wünsche dir in der spanischen Provinz viel Erfolg und immer eine stabile DSL-Leitung!

Grüße aus der Bretagne
Annette


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perewod  Identity Verified
Russian Federation
Local time: 08:46
German to Russian
+ ...
Ich denke genauso Jul 14, 2007

Katrin Hollberg wrote:
Ich lebe übrigens auch auf dem Lande, u.a. gleichzeitig einen Steinwurf von einem großen dt. Softwarehersteller mit drei Buchstaben entfernt. Es ist immer relativ, wo für einen selbst "die Musik spielt". Sicherlich nicht nur in der Großstadt, in der ich auch viele Jahre gelebt habe. Meiner Ansicht nach ist es am Ende die Konstellation des persönlichen Netzwerkes sowie erstaunliche Zufälle, die zu genialen Überschneidungen und Überlappungen an Jobmöglichkeiten führen.
Liebe Grüße

Katrin


Und ich denke auch, dass Landleben - gleichzeitig nur einen Steinwurf von einer Großstadt mit ihren (im Vergleich zu Land anderen) Möglichkeiten entfernt - am meisten Vorteile bringt.


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xxxUndoer of Ba  Identity Verified
Local time: 04:46
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Sprachvermischung Jul 16, 2007

Ich wohne seit mehreren Jahren im Ausland und muss zugeben, dass ich schon ab und zu überlegen muss, wie man etwas auf Deutsch sagt. Das gilt aber nur für den mündlichen Bereich (glücklicherweise bin ich kein Dolmetscher), da man hier nicht die Zeit hat, lange zu überlegen. Sobald ich aber Text lese und schreibe, bin ich wieder ganz und gar deutsch. Zudem kann man heute ja auch per Internet deutsches Radio hören, ich höre hier in der tiefsten portugiesischen Provinz oft WDR5 Andererseits frage ich mich manchmal, warum ich eigentlich im Ausland wohne. Sobald ich es mir leisten kann, werde ich entweder wieder nach Deutschland zurückziehen oder aber in ein englischsprachiges Land (damit wäre wenigstens die Ausgangssprache meiner Texte bedient).

Manche Kunden schränken übrigens sehr wohl die Vergabe ihrer Aufträge auf Übersetzer ein, die in einem Land der Zielsprache leben.

Zur Isolation kann ich nur sagen, dass sie wohl eher mit dem Beruf als solchem zu tun hat als mit dem Standort, bei mir zumindest. Wenn ich 8 bis 10 Stunden alleine vor mich hintippe, habe ich keinen Kontakt zu Mitmenschen, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und am Abend bin ich dann eh zu geschafft, um noch auszugehen, selbst wenn es in einer Stadt möglich wäre. Meine Bekannten sind ohnehin auf der ganzen Welt verstreut, ich kann ja nicht überall wohnen.


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Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
Local time: 06:46
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TOPIC STARTER
Freelance-Übersetzer tendieren zum Landleben, doch oft unweit einer Großstadt Jul 16, 2007

Liebe Katrin, Annette, perewod und Undoer of Babel:
Erst mal vielen Dank für eure interessanten Kommentare! Und gleichzeitig bitte ich euch dafür um Entschuldigung, dass ich seit Donnerstag überhaupt nicht dazu kam, mich nochmal zu melden. Jetzt bin ich wieder da. Und auf ein paar Punkte will ich dann nachher nochmal zurückkommen. Bis dann!

An alle anderen:
Bisher kann man also die Arbeitshypothese aufstellen, Freelance-Übersetzer tendieren zum Landleben, suchen dabei aber nicht selten gleichzeitig die Nähe zu einer (zumindest relativ) großen Stadt. Na, dann sollen diejenigen, bei denen das nicht so ist, doch auch mal ihre Argumente vorbringen!!! Oder sind wir echt die große Mehrheit???


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Dr. Nicole Holzenthal de Cimadevilla  Identity Verified
Spain
Local time: 06:46
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TOPIC STARTER
persönliches Netzwerk - find ich gut Jul 16, 2007

Katrin hat da einen Punkt super formuliert:
"Meiner Ansicht nach ist es am Ende die Konstellation des persönlichen Netzwerkes sowie erstaunliche Zufälle, die zu genialen Überschneidungen und Überlappungen an Jobmöglichkeiten führen."
Genauso isses.
Die Historiker des 22. Jahrhunderts werden sich vielleicht mal die Finger wund tippen (oder bei super gut funktionierender Spracherkennung die Stimme überlasten... oder wie auch immer dann Gedankengänge übertragen werden) darüber, wie am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jh. die Menschen dank Internet beginnen, erstmalig auf dem ganzen Globus spezialisierte Arbeiten (wie hier die Übersetzungen) oft direkt dem Verbraucher anzubieten. Zumindest oftmals ohne so viele Vermittler dazwischen wie zuvor. Interessant wäre es auch zu wissen, ob sich da nach und nach wieder neue Vermittlerstrukturen herauskristallisieren. Denn Portale wie etwa Proz haben ja unbestreitbar auch gewisse Vermittlerfunktionen inne, aber im Vergleich zu den klassischen Übersetzeragenturen, die in einer Stadt DEN Anlaufpunkt für Übersetzungssachen darstellen (diese Strukturen existieren nach wie vor, und haben ja auch gewisse Vorteile, vor allem für Menschen, die immer noch nicht viel mit Internet am Hut haben), sind berufsspezifische Webportale ja doch strukturell was Anderes. Vor allem dadurch, dass und wenn die neuen Portale sich durch Mitgliedschaft und so und nicht etwa durch Prozente finanzieren, ist die Konstellation viel offener und unverbindlicher. Das sehe ich momentan als eine Chance, denn diese Portale geben dem Freelancer die Chance, unter anderen Maßnahmen dies "persönliche Netzwerk" aufzubauen oder zumindest zu erweitern und zu erhalten. Vielleicht nur bis zu einem gewissen "Sättigungspunkt" - aber das werden erst jene Historiker wieder definitiv feststellen können. Ich meine, es könnte sein, dass wir jetzt eine außergewöhnliche Chance haben (oder vielleicht gerade hatten?), diese neue Struktur mitaufzubauen und dabei unsere jeweilige "ökologische Nische" zu besetzen (eben in Form unseres "persönlichen Netzwerks"). Wenn nun aber dabei die Preise, etwa durch die große Konkurrenz (die nun dem im Internet suchenden Kunden recht augenscheinlich wird) zu fallen beginnen (wie etwa hier in Foren immer wieder erwähnt, besonders bei bestimmten Sprachkombinationen), so könnte das eventuell ein erstes Anzeichen einer annähernden "Sättigung" sein. Doch das ist ein anderes Thema.
Dass das "persönliche Netzwerk" auch vom ländlichsten Land aus zu handhaben ist (solange dort ein ADSL-Anschluss liegt, wie gesagt, denn das Netzwerk muss ja gepflegt werden!) ist jedenfalls auch ein essenzieller Bestandteil dieses neuen Phänomens (wie auch immer wir es nun nennen), das da die zukünftigen Studiosi untersuchen dürfen!


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